Deutlich weniger Wachstum, dafür mehr Inflation: Wegen ​der Folgen des Iran-Kriegs senken die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Prognosen für die deutsche Konjunktur spürbar. Für dieses Jahr rechnen sie nur noch mit einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes von 0,6 Prozent, wie am Mittwoch ⁠aus der Gemeinschaftsdiagnose für die Bundesregierung hervorgeht. In der Herbstprognose hatten die Ökonomen noch ein gut doppelt so starkes Plus von 1,3 Prozent erwartet.

Für 2027 kappten die Fachleute ihre Vorhersage von 1,4 auf 0,9 Prozent. „Der Energiepreisschock im Zuge des Iran-Krieges trifft die Erholung hart“, sagte Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts. „Gleichzeitig stützt aber die expansive Fiskalpolitik die Binnenwirtschaft und verhindert ein stärkeres Abrutschen.“

Das Frühjahrsgutachten trägt den Titel „Energiepreisschock überlagert Fiskalimpuls – Wachstumskräfte versiegen“. Der Iran-Krieg treibt die Energiekosten nach oben – deshalb rechnen die Institute mit einer höheren Inflation. In diesem Jahr sollen die Verbraucherpreise im Schnitt auf 2,8 Prozent ⁠steigen und 2027 weiter ​auf 2,9 Prozent. Bislang waren die ‌Ökonomen nur von 2,0 und 2,3 Prozent ausgegangen.

Bereits im März kletterte die Inflationsrate auf 2,7 Prozent. Das ist der höchste Wert seit Anfang 2024. „Kaufkraftverluste kosten privaten Konsum“, erklärten die Institute. Nach einem spürbaren Anstieg der Ausgaben der privaten Haushalte 2025 um 1,6 Prozent, dürfte es in diesem und im nächsten Jahr nur noch ein leichtes Plus von je 0,4 Prozent geben.

Ökonomen kritisieren „gut ‌organisierbare Lobbygruppen“

Nach Ansicht der Institute ist zudem eine Wachstumspolitik nötig, die regulatorisch bedingte Bremsen für private ökonomische ‌Aktivität löst. Hierzu sollten sowohl die Arbeitsanreize gestärkt als auch die Bedingungen für Investitionen und Innovationen verbessert werden. Fehlanreize gingen etwa von der unentgeltlichen Mitversicherung von Ehe- und Lebenspartnern in der gesetzlichen Krankenversicherung aus. Die Abgabenbelastung sei im internationalen Vergleich besonders hoch. Höhere monatliche Bruttoeinkommen würden sich nicht immer in spürbar höhere Nettoeinkommen niederschlagen.

Die Experten attestieren Deutschland eine „dysfunktionale Regulierungsdichte“. Diese werde dadurch verstärkt, „dass die grundsätzliche ‌Bereitschaft zu kleinteiligen Interventionen es den gut ‌organisierbaren Lobbygruppen erleichtert, ihre Interessen in Form einer auf ihre Belange zugeschnittenen Regulierung durchzusetzen“.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sprach von einer „deutlichen Botschaft“: „Der Konflikt im Nahen Osten erhöht den Druck auf die deutsche Politik, Strukturreformen konsequent anzugehen“, erklärte sie. „Die Wachstumsaussichten sind deutlich schwächer als noch zuvor erwartet.“ Es brauche nun „mutige Reformen“.

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