Von der Autobahn aus ist es schon weithin sichtbar, das große Condor-Logo, das in lichter Höhe an einer Hochhausfassade am Frankfurter Flughafen prangt. Der Schriftzug an der neuen Unternehmenszentrale soll Symbol einer Fluggesellschaft im Aufwind sein. Die vom Staat mit viel Geld vor der Pleite gerettete Urlauber-Airline scheint genesen und kann ihr Behelfsquartier in Neu-Isenburg verlassen.
Die ausstehenden KfW-Kredite in Höhe von 175 Millionen Euro, so vermeldete Vorstandschef Peter Gerber nicht ohne Stolz, konnten sogar ein halbes Jahr vor Fälligkeit abgelöst werden. Dennoch muss die Airline nun kurzfristig Flüge streichen. Grund ist der Iran-Krieg.
Wenn es nach den nackten Zahlen geht, die Gerber am Donnerstag präsentierte, erscheint der kleine Lufthansa-Rivale mit den gestreiften Flugzeugen tatsächlich wieder kerngesund. „Wir haben eine Marge, die ihresgleichen sucht in Deutschland“, triumphierte Gerber, was als Frotzelei in Richtung des Rivalen mit dem Kranich im Logo zu verstehen sein dürfte.
Die Lufthansa hatte Condor durch eine aufgekündigte Kooperation dazu gezwungen, ein eigenes Zubringernetz aufzubauen, das inzwischen auf 13 europäische Flughäfen angewachsen ist, von denen Condor ab Mai dreimal täglich Umsteigepassagiere zu seinen Langstreckenfliegern in Frankfurt bringt. Offenbar mit Erfolg.
Die Auslastung sei wieder wie zu Zeiten der Lufthansa-Zubringer, so Gerber. Die Passagierzahl wurde über zwei Jahre hinweg um 54 Prozent auf zuletzt 9,6 Millionen gesteigert. Die Umsätze wuchsen im vergangenen Geschäftsjahr um rund elf Prozent, der Gewinn vor Abschreibungen und Steuern sogar um 25 Prozent.
Was Condor von seinem Wachstumskurs abzubringen droht, sind indes die geopolitischen Entwicklungen der vergangenen Monate. Seit Donald Trumps Zollkrieg und seinen Ankündigungen schärferer Einreisebedingungen sind auch bei Condor die Buchungen und Ticketpreise für Flüge in die USA spürbar zurückgegangen.
„Der Liberation Day hat einen zweistelligen Millionenbetrag an Auslastung und Yield (Passagierertrag, die Red.) insbesondere auf Strecken nach Nordamerika gekostet“, rechnete der scheidende Condor-Finanzvorstand Björn Walther für das vergangene Jahr vor. Auch aktuell sei die Buchungslage für USA-Flüge „nicht berauschend, aber in Ordnung“, ergänzte Gerber.
Asienstrategie aufgeschoben
Noch einschneidender sind die Probleme, die dem Urlaubsflieger aufgrund der Lage am Golf entstehen. Bereits vor einigen Tagen hatte die Airline angekündigt, die für den Sommer geplanten Langstreckenflüge nach Abu Dhabi aus Sicherheitsgründen vorerst aus dem Programm zu streichen. Die in Kooperation mit Etihad Airways geplanten Flüge waren ursprünglich ein zentrales Element der Wachstumsstrategie Gerbers, der Condor-Kunden über das Drehkreuz am Golf Flüge zu Zielen in ganz Asien anbieten wollte.
Daraus wird nun frühestens im kommenden Winter etwas, wenn sich die Lage bis dahin stabilisiert haben sollte. Nach Dubai fliegt Condor aus naheliegenden Gründen auch nicht mehr, ebenso wenig wie nach Tel Aviv oder Beirut. Selbst Kairo wurde aus dem Flugplan gestrichen.
Allerdings könnte sich die Lage am Golf auch negativ auf Flugreisen zu Destinationen in ganz anderen Regionen auswirken. Grund ist der Kerosinpreis, der schneller und um ein Vielfaches stärker angestiegen ist als zum Beispiel der für Diesel. Grund hierfür ist, dass am Golf neben der Rohölförderung auch der weltweit bedeutendste Knotenpunkt für die Herstellung von Flugbenzin liegt. Kerosinkosten machten rund 25 Prozent des Umsatzes aus, erklärte hierzu Finanzchef Walther.
Den Geschäftszahlen nach entspricht das schon bei der relativ kleinen Airline jährlichen Treibstoffkosten von 600 Millionen Euro – und das bevor sich die Preise verdoppelt haben. Condor stehe aufgrund seiner moderneren und treibstoffeffizienteren Flotte noch besser da als andere Airlines, bei denen Kerosinkosten ihm zufolge teilweise rund 30 Prozent des Umsatzes auffressen.
Wie andere Airlines auch, ist Condor zu 80 Prozent gegen Preissteigerungen beim Treibstoff abgesichert. Allerdings verteuern sich auch die dafür notwendigen sogenannten Hedges, so dass die Preise zeitverzögert dennoch auf die Airlines und ihre Kunden durchschlagen.
Eine direkte und bereits spürbare Folge sind steigende Ticketpreise. Allerdings hatte Jens Bischof, Präsident des Branchenverbands BDL, gegenüber WELT bereits Anfang des Monats auch vor möglichen Flugstreichungen aufgrund der hohen Kerosinpreise gewarnt. Von der Lufthansa wurde zwischenzeitlich bekannt, dass sie Szenarien erwägt, nach denen zunächst 20 und später sogar 40 Flugzeuge vorübergehend am Boden bleiben könnten.
Auch Condor kündigte nun mögliche Konsequenzen der Kerosinpreise für den Flugplan an. „Dass Flugzeuge am Boden bleiben, ist bei uns kein Szenario. Das liegt daran, dass unsere Flotte deutlich kleiner als die der Lufthansa ist und deutlich jünger“, sagte Gerber am Donnerstag und deutete zugleich mögliche Flugstreichungen an: „Wir sehen uns Strecken an, die insgesamt nicht profitabel sein können bei so einem Spritpreis, und nehmen die rechtzeitig raus.“
Dass einige Flüge aufgrund fehlenden Kerosins überhaupt nicht mehr durchzuführen sein könnten, sieht man bei Condor aktuell nicht. „Es gibt an der einen oder anderen Stelle teilweise Einschränkungen der Verfügbarkeit oder Rationierungen. Aber nicht an unseren Hauptflughäfen“, erklärte hierzu Finanzvorstand Walther und verwies auf erste Verknappungen wie am Flughafen Singapur, den Condor nicht anfliegt. Man sei im täglichen Austausch mit den Zulieferern und erwarte „akut keine Kerosin-Shortage“.
Steffen Fründt ist Wirtschaftskorrespondent der WELT-Gruppe und berichtet über Luftfahrtbranche und Tourismus.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
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