Es galt als Vorzeigeprojekt Europas für die angestrebte Souveränität bei großen militärischen Aufklärungsdrohnen: Vor zehn Jahren fiel der Startschuss für die Entwicklung und den Bau der Eurodrohne, eines mächtigen unbemannten Flugzeugs. Beteiligt sind neben Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. Die Entwicklungs- und Produktionskosten werden auf knapp acht Milliarden Euro veranschlagt, für eine Drohne, die 2027 ihren Erstflug und 2030 einsatzbereit sein soll. Doch jetzt zieht Frankreich die Reißleine und steigt aus dem Vorhaben aus.
Der Rückzug geht aus der Militärplanung der französischen Streitkräfte hervor und Verteidigungsministerin Catherine Vautrin bestätigte am Mittwoch vor der Nationalversammlung den Ausstieg. Er ist Teil einer Umschichtung von Verteidigungsausgaben, mit der Priorität auf Drohnen-Schwärme, Cyber und autonome Systeme. Den Schwerpunkt legt Paris nunmehr auf günstigere, souveräne Drohnen, also kleinere, taktische Systeme. Die Eurodrohne gilt als „weniger geeignet für Konflikte hoher Intensität“, womit offensichtlich gemeint ist, dass sie zu groß, zu schwer, zu teuer und zu verwundbar ist. Der Chef des französischen Stabes der Luft- und Weltraumstreitkräfte bezeichnete das System sogar als „gestrige Drohne“, für deren Betrieb eine „enorme Infrastruktur“ nötig wäre.
Militärexperten verweisen auf den Ukraine-Krieg, der zeige, wie Drohnenschwärme zum zentralen Faktor moderner Kriegsführung geworden sind. Eine neue Ära für unbemannte, kostengünstige und zunehmend autonome Systeme sei angebrochen, die traditionelle Taktiken, Luftabwehr und sogar die operative Planung grundlegend verändere. Als die Planungen für die Eurodrohne vor zehn Jahren begannen, war diese Entwicklung noch nicht absehbar.
Der Ausstieg Frankreichs aus dem Eurodrohne-Projekt kommt nicht völlig überraschend. Es gab von Anfang an Kritik aus Paris an der Größe, dem Gewicht und dem Konzept der Drohne. Deutschland pochte auf zwei Motoren als Antrieb, um mehr Sicherheit bei Flügen im zivilen Luftraum zu haben. Frankreich wollte nur einen Motor, ähnlich wie bei den US-Modellen.
Drei bis viermal so teuer wie das US-Modell MQ-9 Reaper
Das Tauziehen um die Auslegung der Eurodrohne verzögerte das Projekt um mindestens 18 Monate und sorgte für steigende Kosten. Inzwischen ist die Eurodrohne drei- bis viermal teurer als das US-Modell MQ-9 Reaper, das halb so schwer wie die Eurodrohne ist und nur einen Motor besitzt. Dafür soll die elf bis 13 Tonnen schwere Eurodrohne mit 30 Meter Spannweite bis zu 40 Stunden in der Luft bleiben können.
Neben dem Schwerpunkt der Aufklärung soll die Eurodrohne zu einem späteren Zeitpunkt auch bewaffnet sein, während das US-Modell bereits jetzt kampferprobt ist. Vereinfacht ausgedrückt soll die Eurodrohne „lange über feindlichem Gebiet kreisen, alles sehen und abhören und Ziele finden – und bei Bedarf präzise zuschlagen“.
Deutschland will bisher 21 Eurodrohnen (sieben Systeme) beschaffen, Italien 15 (fünf Systeme) und Spanien zwölf (vier Systeme). Frankreich wollte ebenfalls zwölf Drohnen (vier Systeme) kaufen. Angeblich wollen die nach dem Ausstieg Frankreichs verbleibenden drei Nationen das Programm fortsetzen, womit sich ihre Kosten um über 700 Millionen Euro erhöhen würden. Das Eurodrohne-Projekt mit der Fachbezeichnung „Male Rpas“ steht unter der Regie der europäischen Rüstungsbeschaffungsorganisation Occar.
Bemerkenswert ist die industrielle Beteiligung an dem Vorhaben. Die Führung und das Sagen hat Deutschland mit der Airbus-Rüstungssparte als Hauptauftragnehmer. Auch Airbus-Spanien ist eingebunden. Aus Frankreich ist der Luftfahrtkonzern Dassault Aviation beteiligt und aus Italien der Rüstungskonzern Leonardo. Die Triebwerke stammen von Avio Aero aus Italien, Teil von GE Aviation. Pikant ist die bisherige Zusammenarbeit von Airbus und Dassault bei der Eurodrohne. Diese beiden Konzerne streiten aktuell um ihr Bündnis beim künftigen europäischen Kampfflugzeug im FCAS-Projekt. Womöglich trennen sich auch bei diesem Rüstungsprojekt Deutschland und Frankreich. Die Eurodrohne wird bislang als Bestandteil des vernetzten Luftkampfsystems FCAS gesehen. Das gesamte Konzept dürfte bei einer Trennung auf den Prüfstand kommen.
Bei Airbus will man den Ausstieg Frankreichs aus dem Eurodrohnen-Projekt nicht im Detail kommentieren. „Airbus führt positive Gespräche mit den Eurodrohne-Partnernationen über die nächsten Phasen des Programms. Diese Gespräche sind vertraulich“, erklärte ein Sprecher auf Anfrage.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Gerhard Hegmann ist freier Wirtschaftsredakteur und berichtet seit Jahrzehnten insbesondere über die Rüstungs- und Raumfahrtindustrie.
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