Ohne die Börse geht es nicht, das sagen sich immer mehr Deutsche und setzen bei ihrer Altersvorsorge auf den Kapitalmarkt. Zum Jahreswechsel hatte das Wertpapiervermögen der Bundesbürger ein Rekordhoch von 2,2 Billionen Euro erreicht. Viele Vorsorgesparer bauen über einen ETF-Sparplan Vermögen auf, aber auch Einzelaktien stehen hoch im Kurs. Dabei zeigt sich 2026 eine interessante Akzentverschiebung.
WELT hat die wichtigsten Broker und Neobroker des Landes nach den Aktien-Favoriten ihrer Kunden im ersten Quartal gefragt. Das Ranking der beliebtesten Börsenwerte zeigt klar, worauf sich das Interesse der Anleger richtet: Software-Giganten.
Auch Turn-around-Storys beflügeln die Fantasie der Anleger, also die Hoffnung, dass die aktuelle Schwäche einer Aktie und damit eines Unternehmens vorübergehend ist – und sich in ein paar Jahren als günstige Einkaufsgelegenheit herausgestellt haben wird. Der dritte große Trend ist Wehrhaftigkeit, der weiter über Technologieführer im In- und Ausland gespielt wird.
Nvidia nur noch auf Platz vier der Beliebtheitsskala
„Die meistgehandelten Aktien im ersten Quartal 2026 spiegeln die großen Themen unserer Zeit wider: Künstliche Intelligenz, Verteidigung und die Suche nach dem nächsten Wachstumsmarkt“, sagt Thomas Soltau, Vorstand bei Smartbroker. Tobias Spreiter, Kapitalmarktexperte beim Online-Broker Flatex, hat beobachtet, dass Anleger weiter starkes Augenmerk auf Tech-Werte legen. Verstärkt finden sie aber auch Interesse an industriellen Schwergewichten aus Europa, wenn sie Chancen haben, der Krise zu trotzen oder sogar von der Krise zu profitieren.
„Im ersten Quartal sehen wir ein klares Muster im Anlegerverhalten: Stark nachgefragt waren zum einen wachstumsorientierte Technologiewerte, zum anderen europäische Industrie- und Substanzwerte, die von geopolitischen und wirtschaftspolitischen Entwicklungen profitieren“, formuliert Spreiter.
Ein wachstumsstarker Technologiewert, der hoch im Kurs steht, ist Nvidia. Das mit 3,8 Billionen Dollar Marktkapitalisierung größte Börsenunternehmen der Welt gehört hartnäckig zu den beliebtesten Aktien der deutschen Privatanleger. Im 2026er-Ranking bringt es der Chipdesigner, dessen Hardware als unabdingbar für den Aufbau von Infrastruktur und Künstlicher Intelligenz (KI) gilt, auf Platz vier.
Der größte Aufsteiger im Ranking der Privatanleger-Favoriten ist ein anderer Tech-Konzern, der KI-Anwendungen vorantreibt: Microsoft. Im Jahr 2025 hatte es der wichtigste Softwarekonzern der Welt nicht einmal in die Top 15 geschafft. Doch der US-Konzern aus Seattle steht nicht nur für KI, sondern auch und vor allem für klassische Software, was erklärt, warum Microsoft 2026 eine schwache Börsenentwicklung zeigt.
Mit „Windows“ ist Microsoft aber weiterhin unangefochtener globaler Marktführer. Das Betriebssystem läuft auf zwei Dritteln aller Computer. „Word“ von Microsoft ist das am weitesten verbreitete Textverarbeitungsprogramm auf dem Planeten, mit mehr als 450 Millionen zahlenden Kunden.
Durch die Partnerschaft mit OpenAI, dem Schöpfer des Chatbots Chat GPT, hat sich das April 1975 gegründete Unternehmen außerdem angeschickt, KI in alle denkbaren Anwendungen zu integrieren.
Obwohl sich Microsoft an die Spitze der Innovation gesetzt hat, ist die Aktie der Firma von Bill Gates abgerutscht, und das liegt ausgerechnet am Faktor Künstliche Intelligenz. Langfristig soll KI für den US-Konzern zwar zum Umsatzbringer werden, zunächst macht der Ausbau aber immense Investitionen erforderlich.
Allein 2025 hat Microsoft rund 80 Milliarden Dollar für KI-fähige Rechenzentren aufgewendet, dieses Jahr soll es noch mehr werden. Bereits im ersten Halbjahr könnten sich Microsofts Ausgaben für Künstliche Intelligenz auf rund 72 Milliarden Dollar belaufen.
SAP jetzt weniger wert als Siemens
Wann sich diese immensen Investitionen amortisieren, steht in den Sternen. Zugleich könnten konkurrierende Large-Language-Models (LLMs) Microsoft im traditionellen Softwaregeschäft das Wasser abgraben oder es dem Konzern zumindest erschweren, die hohen Margen aufrechtzuerhalten.
So geht die Angst um, dass die LLMs Funktionen der „Office“-Programme des Konzerns für weniger Geld übernehmen und Microsofts lukratives Software-Abo-Geschäft erschweren. Zumindest wird an der Börse so der Abschwung der Microsoft-Aktie erklärt. Seit Anfang 2026 hat das Unternehmen 23 Prozent an Kapitalisierung eingebüßt.
Die gleiche Software-Angst ist auch der Grund, weshalb die SAP-Aktie unter die Räder gekommen ist. Der deutsche Marktführer auf dem Gebiet der ERP-Unternehmenssoftware steht dieses Jahr fast ein Drittel im Minus. ERP steht für das englische Enterprise Resource Planning, es geht also zum Beispiel darum, Lieferketten perfekt zu organisieren.
SAP setzt zwar selbst auf Künstliche Intelligenz, die Furcht, dass das traditionelle Software-Geschäft jetzt einem viel stärkeren Konkurrenzdruck durch neue KI-Agenten ausgesetzt ist, macht zahlreiche Marktteilnehmer jedoch skeptisch gegenüber der Firma mit Sitz in Walldorf.
Marktkenner halten es jedoch für unwahrscheinlich, dass Unternehmen externen KI-Agenten Einblick in ihre Firmengeheimnisse geben werden, wenn sie nicht sicher sein können, wer Einblick in diese Daten hat und wie genau sie ausgewertet werden. Daher halten die meisten Analysten den diesjährigen Ausverkauf bei SAP für übertrieben.
Der Verlust ist so groß, dass die Walldorfer nach vielen Jahren ihren Status als größtes börsennotiertes Unternehmen in Deutschland verloren haben. Am 8. April 2026 ist der Technologiekonzern Siemens an SAP vorbeigezogen und ist gemessen am Börsenwert jetzt die Nummer eins im Deutschen Aktienindex (Dax).
SAP und Microsoft mit 60 Prozent Potenzial
Die Privatanleger, die SAP favorisieren, befinden sich im Einklang mit den Analysten der Banken. Den Experten zufolge ist die Aktie von Europas größtem Software-Konzern jetzt so günstig, dass sich auf Zwölfmonatssicht ein Kurspotential von 57 Prozent ergibt. Bei Microsoft, der globalen Nummer eins, sehen die Experten sogar noch mehr Kurschancen. Das rechnerische Potenzial bis 2027 beziffern sie auf 60 Prozent.
Die drittbeliebteste Aktie der Deutschen zum Jahresstart ist der Rüstungskonzern Rheinmetall. Ende 2025 hatte Rheinmetall noch die Liste der Top-Aktien angeführt, eine weitere Wehrtechnikfirma, der Drohnenspezialist Droneshield aus Australien, hatte es damals auf Platz drei geschafft.
Das war eine Sensation, schließlich handelt es sich bei der Aussie-Aktie um einen Nebenwert, der es auf eine Marktkapitalisierung von nur zwei Milliarden Euro bringt. Zur Einordnung: Rheinmetall ist 67 Milliarden Euro wert, SAP trotz Kursrutsch 176 Milliarden.
Droneshields Kurspotenzial beziffern Unternehmens-Anlytiker auf 37 Prozent. Im aktuellen Ranking schaffen es die Australier immerhin noch auf Platz zwölf – als einziger Midcap-Wert inmitten von Großunternehmen. Die 2014 gegründete Firma zeichnet sich durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Machine Learning aus, um feindliche Flugkörper in Echtzeit zu identifizieren und unschädlich zu machen.
Die Kombination aus Machine Learning und Jamming (Signalstörung), die Droneshield bietet, setzt weltweit Maßstäbe und wird verstärkt auch von Nato-Staaten in Europa nachgefragt, die in der Ukraine gerade erleben, wie zerstörerisch Drohnen-Angriffe sein können. Und wie notwendig Abwehr auf der Höhe der Zeit ist. „Die starke Nachfrage nach Rheinmetall und Droneshield zeigt, dass unsere Anleger die geopolitische Zeitenwende ernst nehmen und aktiv in Verteidigungstitel investieren“, sagt Smartbroker-Vorstand Thomas Soltau.
Auf Platz fünf des Rankings findet sich mit Siemens Energy ein Unternehmen aus dem Bereich Energie. Der Hersteller von Netztechnik, Gasturbinen und auch Windkraftanlagen profitiert vom Ausbau der Künstlichen Intelligenz und nun auch zusätzlich vom Revival der Erneuerbaren Energien infolge der Energiekrise.
Jens Chrzanowski, Deutschland-Chef des Online-Brokers XTB, spricht mit Blick auf Anleger-Präferenzen von einem Trendwechsel. „Titel von Energieunternehmen rücken jetzt verstärkt in den Fokus“, erklärt Chrzanowski. Vor dem Hintergrund des Konflikts im Nahen Osten und der damit verbundenen heftigen Bewegungen bei den Energiepreisen und am Aktienmarkt sei dies wenig überraschend. Bei XTB war zuletzt neben Siemens Energy auch der französische Energiekonzern TotalEnergies gefragt.
Optimistisch oder zumindest neugierig bleiben Anleger auch bei Unternehmen, die 2025 stark verloren haben, aber als Vorreiter auf ihrem Gebiet gelten. Ihnen wird zugetraut, die Wende zu schaffen: Der Pharmakonzern Novo Nordisk findet sich auf Rang sechs, der Zahlungsdienstleister PayPal auf Rang 13.
Insgesamt verteilen sich die Präferenzen der Privatanleger zur Hälfte auf heimische und auf ausländische Titel. Das entspricht ziemlich genau der Aufteilung in den Depots. Dort betrug der Deutschland-Anteil zuletzt 51 Prozent. „Hiesige Anleger nutzen gezielt Turnaround-Chancen bei heimischen Industriewerten“, sagt Smartbroker-Vorstand Soltau mit Blick auf Werte wie Bayer. Nach harten Jahren konnte sich der Pharma- und Agrarchemiekonzern zuletzt an der Börse stabilisieren.
Schon im Jahr 2025 hatte die Aktie der Traditionsfirma aus Leverkusen zu den meistgeorderten gehört. Damit lagen die Privatanleger richtig. Mit einem Plus von zehn Prozent gehört Bayer 2026 zu den besten Werten im Dax.
In das Ranking eingeflossen sind Daten von Commerzbank, Consors, Deutsche Bank (MaxBlue), Flatex, ING, S Broker, Scalable Capital, Smartbroker, Trade Republic und XTB.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Daniel D. Eckert ist seit 2002 Finanzredakteur in Berlin. Er ist Investor aus Leidenschaft und berichtet über Geldanlage, Aktien und ETFs, Vermögen und Reichtum, Gold, Bitcoin sowie Kryptowährungen. Er ist Co-Host des WELT-Podcasts „Alles auf Aktien“.
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