Die geopolitischen Ereignisse überschlagen sich seit Wochen. Wer hier versucht, den globalen Überblick zu behalten, kann an seine Grenzen geraten. Was aber alle wissen: Die Folgen sind teuer. Der Konflikt im Iran und die Blockade der Straße von Hormus treiben die Ölpreise seit Wochen an – und damit den Puls der Autofahrer nach oben.

Während diese vergeblich auf eine spürbare Entlastung durch die Politik warten, nutzen stattdessen erste Unternehmen dieses Vakuum für einen strategischen Vorstoß.

Ein Hotel im nordrhein-westfälischen Xanten schenkt seinen Gästen ab einer Restaurantrechnung von 185 Euro einen Tankgutschein, berichtet die „Rheinische Post“. Dutzende Influencer und Selbstständige verlosen auf Social Media ebenfalls Gutscheine für die Zapfsäule.

Ein Vorgehen, das sich offenbar auch die Schwarz-Gruppe abgeguckt hat. Unter dem Slogan „Volltanken, voll sparen“ weitet Lidl ab dem 20. April sein Schaffen explizit auf den Mobilitätssektor aus. So verlost der Lebensmitteleinzelhändler über seine Lidl-Plus-App bundesweit 33.000 Shell-Tankgutscheine. Jeder dieser Gutscheine hat einen Wert von 150 Euro, was einem Gesamtvolumen von knapp fünf Millionen Euro entspricht.

Die Teilnahme ist dabei an die digitale Infrastruktur von Lidl gebunden. Heißt: Die Kunden müssen einen speziellen Coupon in der App aktivieren und für mindestens 50 Euro in einer Filiale einkaufen. Mit dem Gewinn von 150 Euro deckt Lidl für die Gewinner die Kosten von mindestens einer kompletten Tankfüllung ab.

Wie der Fachmann den Marketing-Coup bewertet

Klingt nach Großzügigkeit, ist gleichzeitig aber auch eine hochpräzise Marketingmaschine. Die Mechanik ist dabei bewusst konstruiert. So sieht es Dieter Hofer, Marketing-Experte mit Schwerpunkt auf Strategie. Er spricht von einer „schönen Aktion“ von dem Discounter, der damit ein relevantes Thema für sich nutze. „Damit trifft Lidl einen emotionalen Nerv“, so der Fachmann. Der Lebensmitteleinzelhändler stärke damit „seine Positionierung als günstig und kundenorientiert“.

Das sei laut Dieter Hofer aber nicht der einzige Clou an der Aktion. Denn: Lidl habe eine geschickte Mechanik aus Gewinnspiel und Mindestumsatz von 50 Euro gewählt, was Zusatzumsatz generieren dürfte. Schließlich dürften aufgrund der Verlosung auch Kunden in den Markt kommen, die sonst vielleicht nicht kämen.

Für Lidl rechnet sich das: Die Gutscheine sind ein relativ günstiger Weg, um zusätzliche Kundenfrequenz zu generieren. „Das ist solide Handwerksarbeit“, findet Dieter Hofer. Den Marketing-Hauptpreis sichert sich seiner Einschätzung nach aber ein anderes Unternehmen – nämlich Trigema. Der Textilkonzern habe seine Aktion rund um die eigenen Tankstellen „schnell, unkompliziert, ohne Bedingungen – und vor allem klar und transparent kommuniziert“, sagt der Experte und ergänzt: „Besser geht es kaum.“

Trigema betreibt einige öffentliche Tankstellen, die sich dieser Tage preislich vom bundesweiten Trend deutlich abheben. Während der Liter Super im April 2026 im Schnitt 2,11 Euro kostete, lagen die Preise bei Trigema etwa 20 Cent unter denen der Konkurrenz.

Das ist möglich, weil das Unternehmen auf Sicherheitsaufschläge verzichtet und seine Preise auf Basis des Einkaufspreises kalkuliert. Erhöhungen werden erst dann vorgenommen, wenn eine neue Lieferung eintrifft, wobei die Gewinnmarge laut Junior-Chef Wolfgang Grupp junior konstant auf dem Niveau von vor Beginn des Iran-Kriegs gehalten wird.

Bezeichnend ist noch ein anderes Detail: WELT fragte mehrere Werbeagenturen um eine Einschätzung der Spritpreis-Rabatt-Trends. Viele durften sich nicht äußern – weil sie selbst gerade mit anderen Großkonzernen an ähnlichen Aktionen tüfteln. Das Vakuum der Politik wird also gerade in Echtzeit besetzt – von den Marketing-Spezialisten.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Lea M. Oetjen ist Wirtschafts- und Finanzredakteurin bei WELT. Das Magazin „Wirtschaftsjournalist:in“ wählte sie 2026 in die „Top 30 bis 30“-Liste der jungen Talente. Sie ist Co-Host des WELT-Podcasts „Alles auf Aktien“.

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