„Mitten in den Maschinenraum“ sei der Torpedo eingedrungen. US-Präsident Donald Trump verkündete die Nachricht als großen Erfolg: Die amerikanische Marine habe ein unter iranischer Flagge fahrendes Frachtschiff beschlagnahmt, nachdem sie ein Loch in dessen Maschinenraum gesprengt hatte, als es versuchte, die Blockade der Meerenge von Hormus zu durchbrechen. Der Zerstörer USS Spruance hat den iranischen Tanker „Touska“ im Golf von Oman abgefangen und das Schiff in Gewahrsam genommen, nachdem es sich geweigert hatte, den Aufforderungen zum Anhalten nachzukommen, so der Präsident am Sonntagabend auf „Truth Social“.
Die erneute Eskalation in der Straße von Hormus zeigt, wie brüchig die vereinbarte Waffenruhe im Iran-Krieg ist – und wie volatil weiterhin die Märkte sind. Der Ölpreis in den USA schnellte am Montag auf 96 Dollar pro Barrel nach oben, nachdem die Nachricht des Beschusses die Runde machte. Erst Tage davor deutete sich eine zeitweise Entspannung an.
Egal, ob und wie der Krieg nun weitergeht: Eine Erholung des Angebots werde bis Mitte 2026 wahrscheinlich nur langsam, unvollständig und ungleichmäßig verlaufen, so die Prognose der Australia and New Zealand Banking Group (ANZ). Je länger sich der Konflikt hinzieht, desto mehr verfestigen sich die hohen Preise, schreiben die ANZ-Analysten Daniel Hynes und Soni Kumari. Kürzlich hob die Bank ihre Rohölprognose. Sie rechnet nun damit, dass der Ölpreis für den Rest des Jahres über 90 US-Dollar pro Barrel bleiben wird.
„Der Iran hat seine Macht erkannt und wird sie weiter ausspielen“, sagt Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank (HCOB) gegenüber WELT. Selbst wenn in absehbarer Zeit ein „halbgares Abkommen“ erreicht würde, sei eher eine „Teil-Öffnung“ der Straße von Hormus zu erwarten – nicht aber der Handelsverkehr auf Vorkrisenniveau. „Denn auch viele Anlagen und Raffinerien sind beschädigt und zerstört worden“, so de la Rubia.
Die Reparaturarbeiten könnten Monate oder Jahre dauern. „Das Preisniveau von 65 Dollar pro Barrel von vor dem Krieg werden wir nicht so schnell wiedersehen“, sagt der Ökonom. Er gehe davon aus, dass der Ölpreis in den kommenden Monaten nicht unter 80 Dollar pro Barrel falle. Am Mittwoch endet die zweiwöchige Waffenruhe vorerst. Bisherige diplomatische Vorstöße zu einem Friedensdeal beider Seiten blieben erfolglos.
Im Weißen Haus indes feiert man sich selbst für die „entschlossene Seeblockade der USA“. Damit sei US-Präsident Trump „ein Meisterstück amerikanischer Führungsstärke“ gelungen. Er habe ein „Maß an Macht und Stärke demonstriert, wie es die Welt noch nie zuvor gesehen hat“, heißt es in einer offiziellen Pressemitteilung.
Tanker drehen in Richtung USA ab
Wer der Profiteur der amerikanischen Blockade ist, macht das Weiße Haus ebenfalls klar. „Dank Präsident Trumps Agenda zur amerikanischen Energiedominanz stehen die USA als weltweit führender Energieproduzent und -exporteur da – bereit, Nationen, die vom Rohöl aus dem Nahen Osten abgeschnitten sind, zuverlässig und reichlich mit Energie zu versorgen“, so die Mitteilung aus dem Oval Office. Der Haken: Wegen der Verlagerung bei den Lieferungen wird der Ölpreis eher weiter ansteigen als zu sinken.
Denn rund um die Handelswege im Golf von Oman deutet sich keine Entspannung an. Tatsächlich suchen sich viele Tankerschiffe nun alternative Routen, um Öl zu transportieren – großer Profiteur dabei sind die USA selbst. Die Menge des Rohöls, das die Amerikaner nach Europa und Co. liefern, dürfte in den kommenden Wochen deutlich steigen. Da aber die Seewege länger und der Abnahmepreis über dem der Golf-Region liegt, dürften die Auswirkungen auch hierzulande nicht lange auf sich warten lassen: weiter steigende Preise an der Zapfsäule.
Konkret heißt es in der Mitteilung des Weißen Hauses: „Bis gestern hatten 167 Rohöltanker Ziele in den USA angegeben, darunter 103 leere Schiffe, die auf dem Weg zu amerikanischen Häfen waren, um dort US-Rohöl zu laden.“ Knapp die Hälfte davon kann bis etwa zwei Millionen Barrel transportieren. „Viele hatten kürzlich anderswo entladen und steuern nun den Golf von Amerika an – darunter 20 leere Tanker unter europäischer Flagge und 20 unter asiatischer Flagge“, schreibt das Weiße Haus.
Das Weiße Haus feiert die Sperrung der Straße von Hormus als großen Erfolg AmerikasUnd die Abnahme im großen Stil scheint auf lange Sicht gesichert. Aktuell erreicht die Rohölproduktion mit 13,6 Millionen Barrel pro Tag einen neuen Höchststand. Auch beim Erdgas läuft es rund für die Amerikaner. Von einem Rekordwert von 118,5 Milliarden Kubikfuß pro Tag spricht die Trump-Regierung.
Auch 2027 würden neue Rekordhöchststände erreicht, was kein Wunder ist angesichts der tatkräftigen Umsetzung des Mottos von Trump, der zu Beginn seiner Amtszeit „Drill Baby, Drill“ ausgerufen hat. Fast 6000 neue Bohrgenehmigungen für die Öl-, Gas- und Kohleförderung wurden 2025 erteilt – ein Anstieg um 55 Prozent gegenüber dem letzten Amtsjahr von Joe Biden.
„Heute produzieren die Vereinigten Staaten mehr Öl als Saudi-Arabien und Russland zusammen und mehr Erdgas als Russland, Iran und China zusammen“, so die Jubelmeldung aus Washington. Die Rolle „als unangefochtener globaler Energieführer“ werde damit weiter zementiert.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.
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