Das Gerät sieht aus wie eine Mischung aus Computerserver und Hausheizung, und es wird die Welt verändern. Quantencomputer, wie sie das finnische Unternehmen IQM in Espoo nahe der Hauptstadt Helsinki baut, können, vereinfacht gesagt, millionenmal schneller rechnen als binäre Computer. Ihre Leistungsfähigkeit basiert darauf, dass Physiker einzelne Atome genialerweise dazu gebracht haben, als sogenannte Qubits miteinander zu agieren. Je mehr Qubits, desto mehr Leistung. Und deren Entwicklung und Anpassung an bestimmte Aufgaben stehen gerade noch ganz am Anfang.
Von außen wirkt die Fabrikhalle unscheinbar, nicht einmal der Firmenname steht daran. Man habe jüngst weitere 40 Millionen Euro investiert, um die Produktion auszuweiten, sagt Jouni Flyktman, Vice President Defence & Security bei IQM. Das Unternehmen sieht sich als Weltmarktführer – dabei hat es seit der Gründung im Jahr 2018 nur 30 der kleiderschrankgroßen Superrechner mit den markanten Vakuumzylindern hergestellt und 23 davon verkauft, bislang vor allem an Universitäten und Forschungsinstitute.
Klar ist allerdings: Dieser Markt dürfte rapide wachsen, und der Quantencomputer wird nicht nur zivilen Anwendungen dienen: „Quantencomputer werden ein Teil der kritischen Infrastruktur für Verteidigung und Sicherheit sein“, sagt Flyktman. Mit ihrer enormen Rechenkapazität, die mit spezieller Software jeweils auf bestimmte Problemstellungen fokussiert werden muss, können Quantencomputer wohl künftig dazu beitragen, Kriegsverläufe präziser zu kalkulieren, Tarnkappenbomber zu enttarnen, Cyberattacken blitzschnell aufzuklären und U-Boote mit Atomwaffen in der Tiefsee zu finden. Sie werden Kriege verhindern – und entscheiden können.
Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Malte Heyne mit Manager Jouni Flyktman beim Quantencomputer-Hersteller IQM in EspooFinnland mit seinen nur rund 5,6 Millionen Menschen ist derzeit einer der führenden Staaten bei der Entwicklung und Produktion von Quantencomputern – neben China und den USA. Die hochsensiblen Rechner, die nur in stark gesicherten Umgebungen eingesetzt werden können, sind ein Beispiel für die wehrhafte und wachsame Wirtschaft des Landes. Die Handelskammer Hamburg war in dieser Woche mit einer kleinen Delegation in Helsinki und Espoo unterwegs, um bei Unternehmen und Institutionen zu lernen, wie sich Finnland gegen die ständige Bedrohung durch seinen großen Nachbarn Russland wappnet. „Für uns ist es sehr beeindruckend, wie sehr Resilienz in einem großen Umfang als gesellschaftliche Aufgabe in Finnland verstanden und integriert wird. Das hat Vorbildcharakter für Deutschland“, sagt Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Malte Heyne. „Uns bestärkt diese Reise, und sie gibt uns viele Impulse, um das Thema weiter voranzutreiben.“
Finnlands Armee umfasst in Friedenszeiten nur etwa 20.000 bis 30.000 Berufssoldatinnen und -soldaten und Wehrpflichtige. Die Wehrpflicht dauert, abhängig von der Funktion, ein halbes bis ein ganzes Jahr. Wer wie lange dient – als Wehrpflichtiger und später als Reservist –, entscheidet die Armee je nach Befähigung der Person. Durch ein großes Netzwerk von Reservisten kann die Armee im Kriegsfall innerhalb kurzer Zeit auf 280.000 Menschen verstärkt werden – und über verschiedene Mobilisierungsstufen im Bedarfsfall auf bis zu 1,5 Millionen Menschen.
Die Erfahrungen aus Finnland will sich Hamburgs Wirtschaft zunutze machen. „Hamburg kann beim Ausbau der gesellschaftlichen Resilienz eine Vorreiterrolle spielen. Die Stadt hat ein großes Netzwerk starker Akteure. Der Katastrophenschutz zum Beispiel zählt spätestens seit der Sturmflut des Jahres 1962 zur DNA der Stadtgesellschaft“, sagt Heyne. „Wir haben ein starkes Landeskommando der Bundeswehr in Hamburg, und wir werden die Verbindungen dorthin weiter stärken und ausbauen, vor allem auch im Zusammenhang mit den Red-Storm-Manövern.“
Eine engere Vernetzung von Wirtschaft, Verwaltungen und Armee kommt inzwischen auch in Deutschland voran, wenngleich noch längst nicht auf dem Niveau von Finnland. Anfang des Jahres legte die Handelskammer Hamburg, die rund 180.000 Mitgliedsunternehmen vertritt, einen Vorsorgeplan für „Krisen, Katastrophen und Konflikte“ vor. Die Reise in den Norden diente auch dazu, dieses Konzept weiterzuentwickeln, gemeinsam mit vielen anderen Akteuren.
Erst spät, und nach jahrelangen Debatten, wurde Finnland im Jahr 2023 Mitglied der Nato, ebenso wie dessen westlicher Nachbar Schweden. Für das Bündnis bedeuten die beiden hochtechnisierten Nordländer eine enorme Verstärkung. Ein wesentliches Fundament für Finnlands Verteidigungsfähigkeit ist die intensive Vernetzung von Armee, Wirtschaft und Verwaltungen auf allen Ebenen. Im schönen alten Hotel Sofia in der Innenstadt von Helsinki erläutert Axel Hagelstam die Arbeit der National Emergency Supply Agency (Nesa). Mit nur 110 Festangestellten überwacht und koordiniert die Agentur die Vorsorge gegen nahezu alle Katastrophenfälle, die man sich im Land vorstellen kann. Nesa verwaltet die nationalen Energiereserven, hat die Sicherheit der Transportketten im Blick, kümmert sich um die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser im Notfall. Sie koordiniert die Zusammenarbeit mit rund 1500 Unternehmen und Kommunen. „Und wir decken Desinformationskampagnen auf“, sagt Hagelstam. Die kommen in den vergangenen Jahren noch deutlich öfter vor als früher.
Finnland ist wachsam, denn das in weiten Teilen nur dünn besiedelte Land musste sich seine Unabhängigkeit von Russland in mehreren Kriegen erkämpfen und bewahren. Zuletzt im „Winterkrieg“ 1939/40, als Finnland dem Überfall durch die Sowjetunion zwar standhielt, am Ende dieses Feldzugs aber letztlich Gebiete verlor. Russlands seit vier Jahren erbarmungslos geführter Krieg gegen die Ukraine zeigt den Finnen, dass ihr Misstrauen gegen den Aggressor im Osten stets berechtigt war – und vor allem auch die Festigung eines gesellschaftlich gut verankerten Willens zum Widerstand. Rund 80 Prozent aller zuletzt in einer repräsentativen Umfrage befragten Finninnen und Finnen gaben an, ihr Land mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, auch dann, wenn der Ausgang eines solchen Krieges völlig offen wäre. Von solch einem Wert ist Deutschland weit entfernt.
Für die Handelskammer Hamburg ist Finnlands Haltung vorbildlich. Denn in Deutschland nimmt die Debatte um eine Wiedereinführung des Wehrdienstes oder die Schaffung eines „Gesellschaftsdienstes“ für Männer und für Frauen gerade erst an Fahrt auf. Das Thema ist hierzulande hoch umstritten: „Wir sehen uns als Handelskammer durch die Eindrücke und Informationen bei dieser Reise in unserem Ansatz bestätigt“, sagt Philip Koch, Leiter des Stabsbereichs Strategie und internationale Beziehungen. „Für die äußere Sicherheit unseres Landes ist nicht allein die Bundeswehr zuständig, sondern auch die Zivilgesellschaft und die Wirtschaft. Als Handelskammer wollen wir dabei der zentrale Akteur der Wirtschaft sein.“ Die Handelskammer verstehe gesellschaftliche Resilienz „auch als eine Chance für die Wirtschaft. Wir werden eine aktive Rolle dabei spielen, sie weiter auszubauen. Es geht darum, als Gesellschaft für alle Krisen- und Spannungsfälle widerstandsfähiger zu werden, auch mit Blick auf den Klimawandel und auf Naturkatastrophen.“
Finnland ist hybriden Attacken – gesteuert mutmaßlich aus Russland – permanent ausgesetzt. Und im Land hält man alles für denkbar. Die völlig enthemmte Zerstörung der ukrainischen Energieversorgung durch die russische Armee mitten im vergangenen Winter zeigt, wie realistisch die finnische Haltung ist. Im hohen Norden Finnlands wird es teils kälter als minus 40 Grad. Russland könnte bei einer Attacke gegen Finnland den langen und harten Winter in der Region als Waffe nutzen. Jari Shemeikka, Teamleiter am Forschungsinstitut VTT in Espoo, beschreibt, dass man die Kälteeinwirkung auf Gebäude genau untersuche – was zum Beispiel geschehe, wenn nach einer Cyberattacke oder einem Angriff auf das Energienetz bei minus 25 Grad die Wärmeversorgung ausfalle. In Berlin habe man ja im Januar nach dem Anschlag mutmaßlicher Linksradikaler auf die Fernwärmeversorgung im Südwesten der Stadt gesehen, welche schweren Folgen dies bereits bei minus zehn Grad habe. „Wir müssen darauf vorbereitet sein, Menschen ohne Wärmeversorgung sehr schnell aus ihren Gebäuden zu evakuieren“, sagt Shemeikka.
Auch bei der Instandhaltung der zahlreichen Bunker im Land versucht Finnland dazuzulernen – vor allem von den Erfahrungen der Ukraine, sagt Shemeikka: „Das Land steht permanent unter russischen Attacken, viele Menschen müssen regelmäßig die Schutzräume aufsuchen. Eine möglichst gute Luftqualität und Hygiene in den beengten Bunkern ist sehr wichtig, damit diese schwierigen Situationen nicht noch zusätzlich erschwert werden.“ Die Sicherheit und zugleich auch den Komfort der Schutzräume zu verbessern, unter anderem daran forsche man am VTT.
Weniger Sorge scheint den Finnen hingegen die Sicherung ihrer rund 1300 Kilometer langen Landgrenze zu Russland zu bereiten, die teils durch dichte Urwald- und Sumpflandschaften verläuft. Seit dem Beginn des Ukrainekrieges häuften sich vor allem die Attacken auf die kritische Infrastruktur in der Ostsee, etwa auf Datenleitungen. Am ersten Weihnachtstag 2024 durchtrennte der Tanker „Eagle S.“, der zur russischen „Schattenflotte“ gezählt wird, mit seinem treibenden Anker unter anderem zwei Datenkabel des führenden finnischen Telekommunikationsanbieters Elisa. Die finnischen Behörden setzten Schiff und Besatzung zunächst fest. Ein finnisches Gericht wies die Sabotageklage gegen den Kapitän und zwei Offiziere aber im Oktober 2025 ab.
Ein Quantencomputer des Unternehmens IQM beim Forschungsinstitut VTT in Espoo bei HelsinkiElisa habe schon wenige Stunden nach der Beschädigung mit der Reparatur der Datenkabel begonnen, sagt in einem Konferenzraum des Unternehmens in Helsinki Jaakko Wallenius, Vice President Resilience and Defence. Regelmäßige Krisenübungen für solche Fälle, zuletzt im vergangenen Oktober, seien Standard bei Elisa, sagt Wallenius, der bis zu seinem 60. Lebensjahr im vergangenen Jahr selbst Reservist war: „Wir bauen unser Datennetzwerk weiter aus, auch mit mehr redundanten Leitungen.“
Ungeachtet solcher Angriffe, sorgt Finnland für den Ernstfall vor. Während Hamburg den Flakbunker an der Feldstraße als Touristenattraktion begrünt hat, baut Finnland sein System der Schutzräume weiter aus. Viele dieser Bunker dienen in Friedenszeiten friedlichen Zwecken, etwa als U-Bahn-Station, Fitnesscenter oder Tiefgaragen. Landesweit gibt es rund 55.500 Bunker. Einer der größten, Merihaka 20 Meter unter der Erde in Helsinki, kann innerhalb von drei Tagen vom Sportstadion in einen Schutzraum für bis zu 6000 Menschen umgewandelt werden.
Im Hotel Sofia präsentieren die beiden Unternehmen Verona und Temet an diesem Abend der Hamburger Delegation ihre Konzepte und Produkte für Bunker unterschiedlicher Größen, die sie seit vielen Jahren weltweit vermarkten. „Finnland ist eine Supermacht beim Bunkerbau“, sagt Jani Ramänen von Verona Shelters. Jan Feller wiederum, Chef der Außenhandelskammer AHK Finnland, erklärt, warum allein Helsinki rund 900.000 Bunkerplätze vorhält, obwohl in der Hauptstadt selbst nur etwa 600.000 Menschen leben: „Wir müssen“, sagt Feller, „uns im Ernstfall ja auch um die Pendler kümmern.“
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet unter anderem auch über die Rüstungsindustrie und die Bundeswehr im Norden.
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