Man muss kein erfahrener Händler oder Börsenexperte sein, um dieser Tage den „Trump-Effekt“ an den Finanzmärkten in Echtzeit beobachten zu können. Der US-Präsident kündigt etwas an, oder setzt einen kontroversen Post ab – und schon schießen viele Kurse nach oben oder gehen auf Talfahrt, meistens letzteres. Die empfindlichen Reaktionen auf dem Handelsparkett sind so weit erwartbar.

Interessanter ist hingegen, was sich Stunden oder teilweise gar nur Minuten vor wichtigen Ankündigungen abspielt: Wetten und Käufe, beziehungsweise Verkäufe von Papieren im großen Stil, deren Händler wenig später Millionen einstreichen – so, als hätten sie genau gewusst, welche Reaktionen die Märkte auf die jüngste Laune des Mannes im Weißen Haus zeigen werden. Anders gesagt: Die Fälle von mutmaßlichem Insider-Trading im Umfeld Trumps haben in den vergangenen Wochen auffällig zugenommen. Denn mit dem volatilen Markt in Zeiten des Iran-Kriegs lässt sich mitunter sehr viel Geld verdienen.

Recherchen der britischen „BBC“ und des US-Medienunternehmens „Bloomberg“ zeigen detailliert, wie auffällig die Handelsmuster in den zurückliegenden Wochen waren. Die BBC stieß dabei auf „ein durchgängiges Muster von Handelsspitzen, die bereits Stunden – oder manchmal nur Minuten – vor der Veröffentlichung eines Social-Media-Beitrags oder eines Medieninterviews auftraten“ – der Kreis der Eingeweihten also nur sehr klein gewesen sein kann. Analysiert wurden die Daten anhand des Vergleichs am Handelsvolumen der in den USA beliebten Börsen und Wett-Plattformen wie Kalshi und Polymarket.

So erklärte Trump beispielsweise am 9. März – nur neun Tage nach Beginn des Krieges mit dem Iran – gegenüber CBS News, der Krieg sei „so gut wie vollständig beendet“. Diese Äußerung wurde um 15:16 Uhr (Ostküstenzeit) öffentlich bekannt; daraufhin fiel der Ölpreis um etwa 25 Prozent. Bemerkenswert ist dabei, dass bereits 47 Minuten zuvor eine Welle von Wetten darauf platziert worden war, dass die Ölpreise fallen würden. Laut Einschätzung der BBC dürften diejenigen, die diese Wetten abgeschlossen hatten, durch die Schwankungen der Ölpreise Millionen von Dollar verdient haben dürften.

„Wir haben ein anderes Wort für Situationen, in denen Personen mit Zugang zu vertraulichen Informationen zur nationalen Sicherheit – wie etwa Plänen, ein anderes Land zu bombardieren oder eben nicht zu bombardieren – diese Informationen gewinnbringend nutzen“, kommentierte der mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Ökonom Paul Krugman das Geschehen. „Dieses Wort lautet Verrat.“

Am 15. April teilte die US-Aufsichtsbehörde Commodity Futures Trading Commission mit, dass sie mindestens zwei auf Ölpreise getätigte Geschäfte untersuchen werde, die kurz vor bedeutenden Entwicklungen in Trumps Iran-Kriegspolitik platziert worden waren, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete. Bislang gibt es keine Ergebnisse zu dieser Untersuchung. Plattformen wie Polymarket und Kalshi erfreuen sich seit einigen Jahren insbesondere in den USA großer Beliebtheit – auch im Umfeld von Donald Trump. Dessen ältester Sohn, Donald Trump Jr., ist Investor bei Polymarket, sitzt im Aufsichtsrat des Unternehmens und fungiert als strategischer Berater von Kalshi.

Dubiose Krypto-Geschäfte der Trump-Familie

Umso bemerkenswerter sind die Vorgänge, da das Weiße Haus noch vor knapp zwei Wochen den Anschein erweckte, Insider‑Trading streng unterbinden zu wollen. „Präsident Trump hat sich diesbezüglich unmissverständlich geäußert: Während er einen starken und profitablen Aktienmarkt für alle anstrebt, sollte es Mitgliedern des Kongresses und anderen Regierungsvertretern untersagt sein, nicht öffentliche Informationen zu ihrem finanziellen Vorteil zu nutzen“, so ein Sprecher des Weißen Hauses. Alle Bundesbediensteten würden ethischen Richtlinien unterliegen, die die Nutzung nicht öffentlicher Informationen zu finanziellen Zwecken untersagen.

Auf die Frage einer Reporterin bezüglich der Berichte reagierte Trump am Freitag erstaunt, dann machte er einen Witz. „Ich weiß davon nichts“, sagte er. „Ich schaue mir das an.“ Erst auf eine konkrete Nachfrage griff er die Vorwürfe auf – verallgemeinerte sie dann aber sogleich und lenkte die Aufmerksamkeit weg vom Weißen Haus. „Die ganze Welt ist leider eine Art Casino geworden“, so Trump. „Schauen Sie sich Europa an. Auf der ganzen Welt finden solche Wetten statt. Mir gefällt das nicht, ich bin nicht glücklich damit. Aber so ist es nun mal. Die Welt ist ein verrückter Ort geworden, alles hat sich verändert.“

Schon in den vergangenen Monaten wurden immer wieder Vorwürfe von Insider‑Trading laut. Laut „New York Times“ platzierte am Freitag vor Beginn des Krieges im Iran ein ungewöhnlicher Ansturm von mehr als 150 Polymarket-Konten Hunderte von Wetten, die einen US-Angriff bis zum darauffolgenden Tag vorhersagten. Und am 2. Januar konnte ein Händler seine rund 32.000 US-Dollar Einsatz mehr als verzehnfachen, indem er auf die Festnahme des venezolanischen Staatspräsidenten Nicolás Maduro wettete – die Bestätigung der US-Regierung wurde allerdings erst am nächsten Morgen bekannt gegeben. Da diese Konten anonym sind, ist unklar, ob es sich dabei um Insider mit Vorabwissen, koordinierte Händler oder unabhängige Spekulanten handelt. Laut Medienberichten soll es sich bei dem Händler um einen Angehörigen des US-Militärs handeln.

Ein ähnliches Phänomen zeigte sich im Vorfeld von Trumps Ankündigung, seine „Liberation Day“-Zölle am 9. April 2025 auszusetzen. Am 9. April um 13:00 Uhr registrierte die BBC, dass Händler begannen, hohe Wetten auf einen Anstieg des Aktienmarktes zu platzieren. Achtzehn Minuten später kündigte Trump die Aussetzung der Zölle an, was einen historischen Höhenflug an der Börse auslöste – und da eine Handvoll Händler zwei Millionen Dollar auf eben diesen Anstieg gesetzt hatten, könnten sie mit einer einzigen Prognose wohl bis zu 20 Millionen Dollar erwirtschaftet haben.

Nur Tage davor spielte sich an den Börsen ebenfalls Erstaunliches ab. Am 3. April ließ Trumps Ankündigung vom „Liberation Day“ die Börsen geradezu einbrechen. Laut BBC verkauften eine ganze Reihe von Regierungsbeamten kurz davor Aktien im großen Stil. Prominentestes Beispiel: Die mittlerweile gefeuerte Justizministerin Pam Bondi, die am 2. April Aktien im Wert von 1 bis 5 Millionen Dollar veräußerte. Am Abend – nach Börsenschluss – ging Trump mit seinen Zoll-Plänen an die Öffentlichkeit. Am darauffolgenden Morgen folgte das Beben.

Wenige Tage später kam die Kehrtwende. „DAS IST EIN GROSSARTIGER ZEITPUNKT ZUM KAUFEN!!!“, schrieb der Präsident am 10. April um 9:37 Uhr morgens auf „Truth Social“. Am frühen Nachmittag dann kündigte er eine 90-tägige Aussetzung fast aller Zölle an. Die Aktienkurse schossen infolge dieser Nachricht in die Höhe und schlossen zum Handelsende mit einem Plus von 9,5 Prozent. Der Markt – gemessen am S&P 500 – machte rund vier Billionen US-Dollar beziehungsweise 70 Prozent jenes Wertes wieder wett, den er in den vorangegangenen vier Handelstagen eingebüßt hatte.

Während Trump die Sache offenbar kleinhalten will, regt sich in Senat und Kongress Widerstand – zumeist von demokratischer Seite. Die Vorfälle könnten sich als Wendepunkt für den Kongress, die Aufsichtsbehörden und die Regierung erweisen, um neue Leitplanken einzuführen. Das hoffen zumindest oppositionelle Abgeordnete.

Der Gouverneur von Illinois, JB Pritzker, unterzeichnete Anfang der Woche eine Verordnung, die staatlichen Beamten ausdrücklich verbietet, privilegierte Informationen zum Aktienhandel zu nutzen; die Gouverneurin von New York, Kathy Hochul, tat tags darauf dasselbe. Doch wie bereits erwähnt: Ähnliche Statute existieren schon länger.

Die bisher weitreichendste Forderung als Konsequenz aus den Vorfällen hat allerdings ein Republikaner ins Spiel gebracht: Senator Bernie Moreno aus Ohio kündigte am Freitag an, er werde eine Resolution einbringen, die ein generelles Verbot für US-Senatoren vorsieht, auf Wettplattformen zu handeln.

Demokraten wollen neue Amtsenthebungsverfahren

Auch unabhängig von Zöllen und dem Iran-Krieg stehen der Präsident und sein enges Umfeld in der Kritik angesichts von Vorwürfen der Verstrickung von privaten und geschäftlichen Interessen. Insbesondere das Krypto-Geschäft der Trump-Familie wirft Fragen auf. In anderen westlichen Ländern wäre es wohl bereits zu Untersuchungsausschüssen oder gar Amtsenthebungsverfahren gekommen.

So ist der US-Präsident das prominente Werbegesicht und Mitgründer der Kryptowährung namens $WLFI. Geleitet wird die Firma von seinen Söhnen: Donald Junior, Eric und Barron. Ebenfalls an Bord sind Alex und Zach Witkoff, die Söhne von Steve Witkoff, dem milliardenschweren Unternehmer und engem Vertrauten des Präsidenten.

Zu den größten Einzelkäufern von $WLFI zählt der chinesisch-amerikanische Milliardär Justin Sun, der 2023 von der US-Finanzaufsicht wegen Betrugs und Verkaufs nicht registrierter Krypto-Wertpapiere angeklagt wurde. Das Verfahren wurde jedoch auf Eis gelegt – kurz nach Trumps Rückkehr ins Amt und nachdem Sun Trump-Coins für 15 Millionen Dollar sowie $WLFI für 75 Millionen Dollar erwarb.

„Derzeit können Personen, die Einfluss auf den Präsidenten gewinnen wollen, diesen persönlich bereichern, indem sie Kryptowährungen kaufen, die er besitzt oder kontrolliert“, so der demokratische Senator Jeff Merkley, gegenüber dem Sender „CNBC“. „Dies ist ein zutiefst korruptes System.“ Das Agieren der Trump-Familie würde nicht nur die nationale Sicherheit gefährden, sondern auch das öffentliche Vertrauen in die Regierung untergraben.

In der demokratischen Partei wird derzeit debattiert, ob ein erneutes Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump angestrengt werden sollte. Die Erfolgschancen allerdings gelten als gering. Und auch sollten die Aufsichtsbehörden oder die Staatsanwaltschaft nachweisen, dass illegal gehandelt wurde: Wirkliche Konsequenzen drohen Trump vorerst kaum. Als Präsident genießt er weitgehende Immunität – und kann zudem nach Belieben Begnadigungen aussprechen.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.

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