Im Dezember 2019, als die Aktivistin Greta Thunberg gerade auf einem Boot nach New York gesegelt war und in einer wütenden Rede vor den Vereinten Nationen mehr Klimaschutz gefordert hatte, kündigte Ursula von der Leyen in Brüssel ihren Green Deal an: Europa, sagte die damals neue Präsidentin der EU-Kommission, solle bis 2050 klimaneutral werden, als erster Kontinent der Welt.
Das ist ein kühnes Ziel, aber der aktuellen Bundesregierung geht es nicht weit genug. Union und SPD wollen Deutschland schon 2045 klimaneutral haben, fünf Jahre früher. Vieles ist dafür geplant: mehr Windräder, sauberere Fabriken und Tausende Kilometer Leitungen für Wasserstoff zum Beispiel. All das soll die Republik zum Vorreiter in Europa machen, zum Musterschüler des Klimaschutzes.
Die Maßnahmen kosten viele Milliarden Euro. Aber hilft Deutschlands Sonderweg dem Klima wirklich? Es sieht nicht so aus. „Die direkten zusätzlichen Auswirkungen“ seien „begrenzt“, wenn ein europäischer Staat Emissionen schneller reduziere als andere, heißt es in einer Antwort der EU-Kommission auf eine Anfrage des FDP-Europaabgeordneten Moritz Körner, die WELT vorliegt.
Klimaneutralität bedeutet für die EU: Die Menge der Treibhausgase, die Autos, Fabriken und Kraftwerke ausstoßen, muss wieder eingefangen werden. Entweder auf natürliche Weise, zum Beispiel durch Wälder und Moore. Oder mit Maschinen, die Kohlendioxid aus der Luft saugen. Am Ende soll die Art, wie die Europäer leben, produzieren und sich fortbewegen, nicht zur Erwärmung der Erde beitragen.
Verringere ein Land Emissionen besonders rasch, sinke das verbleibende globale CO₂-Budget langsamer, wie die EU-Kommission schreibt. Das klingt kompliziert, aber die Theorie dahinter ist simpel: Unser Planet kann nur noch eine bestimmte Menge Kohlendioxid verkraften, wenn die Erwärmung – wie vom Pariser Klimaabkommen angestrebt – 1,5 Grad Celsius nicht übersteigen soll. Je weniger Schmutz in die Luft gelangt, desto größer das Restkontingent. Die Frage lautet nun: Was geschieht damit?
Gefahr für Wirtschaft?
„Die vorzeitige Klimaneutralität Deutschlands hilft anderen Staaten, langsamer klimaneutral zu werden“, sagt Körner. Dem Klima hingegen nütze das nichts. Der Politiker spricht ein Dilemma an: Es ist zwar schön und gut, wenn sich die Bundesrepublik besonders müht, aber das hier eingesparte Kohlendioxid dürften dann Frankreich, Italien oder Polen ausstoßen – schließlich ist jetzt mehr CO₂-Budget übrig.
Auch Ökonomen sind skeptisch. „Das Vorziehen des Ziels um fünf Jahre ist vollkommen wirkungslos“, meint Joachim Weimann, Professor an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Er verweist auf den europäischen Emissionshandel: Wer Treibhausgase in die Luft bläst, muss eine Erlaubnis kaufen. Für jede Tonne Kohlendioxid wird in der EU ein Preis fällig, derzeit liegt er bei rund 75 Euro. Das soll Firmen zu mehr Umweltschutz zwingen. „Erreicht Deutschland die Klimaneutralität eher“, sagt Weimann, „werden unsere CO₂-Zertifikate eben woanders genutzt.“
Weimann sieht in dem Plan der Bundesregierung eine Gefahr für die Wirtschaft. „Die frühere CO₂-Neutralität bedroht Deutschlands Wohlstand und hilft dem Klima nicht weiter“, sagt er. Wie viel Geld genau die Extra-Mühen kosten, etwa weil aktuelle Technologien vorzeitig aufgegeben werden müssen, lässt sich kaum sagen, aber Weimann geht von einem hohen dreistelligen Milliardenbetrag aus.
Für die Europäische Kommission spielt noch etwas anderes eine Rolle. In ihrer Antwort an den FDP-Abgeordneten Körner schreibt sie: „Das Ambitionsniveau der EU und ihrer Mitgliedstaaten wird von den internationalen Partnern genau beobachtet und dient als globales Vorbild für den Klimaschutz.“
Aber funktioniert das tatsächlich? „Wer auf Deutschlands ökonomische Lage blickt, sieht kein Vorbild, sondern eine Warnung“, sagt Körner. Deutschland verursacht rund 1,3 Prozent der globalen CO₂-Emissionen, China steht für knapp 30 Prozent, die USA für elf, Indien für acht. Diese Länder scheint der Vorreiter Europa nicht zu motivieren. 2024 erzeugte die Welt 665 Millionen Tonnen Kohlendioxid mehr als im Jahr zuvor, wie Daten der EU-Kommission zeigen. „Echter Klimaschutz gelingt nur“, sagt Weimann, „wenn die größten Verschmutzer mitmachen.“
Auch in anderen EU-Staaten wächst der Unmut. Klimaziele werden verschoben, die Wirtschaft rückt stärker in den Fokus. So forderten kürzlich sechs europäische Ministerpräsidenten, darunter Giorgia Meloni aus Italien und Donald Tusk aus Polen, die EU-Kommission per Brief zu einer gemäßigteren Klimapolitik auf. „Wir müssen unsere Klimaziele verfolgen, ohne unsere Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden“, schrieben sie an Behördenchefin von der Leyen – „denn in einer industriellen Wüste ist nichts grün.“
Trotz all dem war ein deutsches Bundesland in den vergangenen Jahren sogar ehrgeiziger als die Berliner Koalition. Bayern wollte schon bis 2040 klimaneutral werden. Aber vor wenigen Tagen kippte der Freistaat das Ziel. Zur Begründung hieß es, die Wirtschaft sei zu stark belastet, vor allem durch die hohen Energiepreise infolge des Kriegs in der Ukraine. Nun lautet das Ziel ebenfalls 2045.
Die Welt hat sich verändert, seit Greta Thunberg nach New York segelte und Ursula von der Leyen ihren Green Deal verkündete. Es gab in der Zwischenzeit eine Pandemie und Kriege in Europa und Nahost. „Klimaschutz ist wichtig und Klimaneutralität unser erklärtes Ziel“, sagt CSU-Generalsekretär Martin Huber WELT. „Klimaschutz funktioniert aber nur dann, wenn die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unseres Landes gewährleistet ist und er von den Menschen akzeptiert wird.“
Deutschland steht allein da
Ökologie und Ökonomie, so Huber, müssten zusammen gedacht werden. „Ohne eine starke Wirtschaft können wir uns keinen ambitionierten Klimaschutz leisten, gerade in globalen Krisenzeiten“, sagt er. „Das gilt im besonderen Maße für Deutschland als Industrieland.“ Ein Zeitplan sei nur sinnvoll, wenn er zu den gegebenen Umständen passe.
China will bis 2060 klimaneutral werden, Indien bis 2070. Die USA hatten unter ihrem Ex-Präsidenten Joe Biden 2050 angestrebt wie die EU, aber Donald Trump kippte das Ziel. Wann – und ob – Amerika netto null Emissionen erreichen könnte, ist nun unklar. Sicher ist: Deutschland steht mit seinen Ambitionen auf der Welt weitgehend allein da.
„Deutschlands Unternehmen treiben die Transformation mit viel Eigeninitiative voran“, sagt Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), WELT. Neun von zehn Firmen hätten ein Klimaziel bis 2045, und viele verknüpften damit geschäftliche Chancen für ihre Produkte und Dienstleistungen. Doch Adrian warnt auch: „Klimaschutz gelingt nicht durch Zielmarken allein.“
2040, 2045, 2050 – solche Vorgaben, da scheinen sich Politiker wie Körner, Ökonomen wie Weimann und Wirtschaftsvertreter wie Adrian einig, retten den Planeten nicht. „Entscheidender als theoretische Ziele ist für uns, dass die Politik einen Rahmen schafft, in dem Klimaneutralität realistisch möglich ist, ohne Wirtschaftskraft und Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden“, sagt Adrian. „Die Energiewende kann nur mit und nicht ohne eine leistungsfähige Wirtschaft gelingen.“
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcentrum von WELT und Business Insider erstellt.
Stefan Beutelsbacher ist Korrespondent in Brüssel. Er berichtet über die Wirtschafts-, Handels- und Klimapolitik der EU. Zuvor war er US-Korrespondent in New York.
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