Neuer Mega-Fonds, neue Chefs: Der VC Earlybird legt mit 360 Millionen Euro den größten Fonds seiner Geschichte auf – und stellt gleichzeitig die Führung neu auf. Die Gründer Hendrik Brandis und Christian Nagel bleiben zwar operativ aktiv, ziehen sich aber über die nächsten Jahre schrittweise aus der Leitung zurück. Eine neue Generation übernimmt. Wir haben mit einem der zukünftigen Chefs aus dem neuen Dreier-Trio, Andre Retterath, gesprochen.

Gemeinsam mit Paul Klemm und Tim Rehder rückt Retterath an die Spitze – neben Brandis und Nagel. Parallel stellt Earlybird seine Eigentümerstruktur um – und entscheidet sich für ein „Perpetual Ownership“-Modell.

Neues Ownership-Modell bei Earlybird

Die Idee dahinter: Die Firma sowie die operative Führung bleiben dauerhaft im Besitz der jeweils aktiven Partner. Anteile werden beim Ausscheiden von Partnern an die nächste Generation übergeben. Ein Verkauf der Firma an externe Investoren soll so verhindert und die langfristige Unabhängigkeit gesichert werden.

„Wir haben eine Struktur eingebaut, die sicherstellt, dass Earlybird nicht verkauft wird“, sagt Retterath dazu. Das Ziel sei eine dauerhafte Legacy, die Earlybird absichere.

Gleichzeitig soll das Modell den Aufstieg innerhalb der Organisation öffnen. „Bei Earlybird sollst du vom Praktikanten bis zum General Partner wachsen können“, sagt er. Er selbst hat seine Karriere bei Earlybird als Summer Analyst 2017 begonnen.

Ein Übergang ohne Bruch

Risiken sieht Retterath im Führungswechsel nicht. „Die Übergabe der Führung erfolgt schrittweise ohne einen harten Bruch.“ Die neue Generation würde dabei bereits seit Jahren operativ und investitionsseitig Verantwortung übernehmen, die Investoren hätten Vertrauen.

„Die Geldgeber sagen nicht: Oh, die Gründer gehen, wir sind skeptisch“, so Retterath. „Wir sind über Jahre in diese Rollen hineingewachsen.“

Neuer Fonds, gleicher Fokus

Laut Retterath setzt der achte Fonds deshalb dort an, wo Earlybird sich bereits positioniert hat: bei KI, Software-Infrastruktur, sowie DeepTech und Hardware. Früh einzusteigen, bevor ein Thema Marktstandard wird, bleibt das Ziel von Earlybird. Retterath meint zu Gründerszene: „Frühphaseninvesting in Europa ist deutlich spezialisierter geworden. Wer heute bei den besten Deals dabei sein will, braucht tiefes technisches Verständnis und echte Nähe zu den Gründern.“

Die Investmentstrategie ist dabei pyramidenförmig aufgebaut, sagt er. An der Spitze stehen wenige, aber kapitalintensive DeepTech-Investments. Darunter größere Tickets im Foundation-Model-Bereich, also KI-Basismodelle, die als universelle Grundlage für unterschiedlichste spezialisierte Anwendungen dienen. Ganz unten in der Pyramide liegen dann zahlreiche kleinere Investments im Applikationsbereich.

Der Grund für diesen Fokus? Für Retterath ist klar: „Für mich ist KI nicht einfach ein Trend, sondern die prägende Basistechnologie der Gegenwart.“ Dabei wolle der VC unter ihm mehr als nur ein Kapitalgeber sein.

Er betont: „Die großen Probleme der Menschheit können zu großen Teilen durch Technologie gelöst werden. Wir treffen als Board-Mitglieder relevante Entscheidungen – etwa zur technologischen Souveränität, zum Umgang mit Daten oder zur kommerziellen Ausrichtung.“ Dabei sehe er einen bewussten Umgang mit KI als essenziell an. Ethische, regulatorische und geopolitische Fragestellungen würden eine wichtige Rolle spielen, genauso wie die Unterstützung europäischer Werte.

Warum 360 Millionen Euro?

Die Summe sei laut Retterath das Ergebnis einer klaren Portfoliostrategie: Earlybird habe die Fondshöhe exakt auf rund 35 Investments und die typischen Ticketgrößen für Pre-Seed bis Series A zugeschnitten, wobei 50 Millionen Euro als Puffer für kompetitive Runden dienen sollen. „Unser Anspruch ist es immer, Lead-Investor zu sein. Dafür müssen wir über genügend liquide Mittel verfügen, um in kompetitiven Runden schnell und überzeugend zu agieren“, meint Retterath.

Ein deutlich größerer Fonds wäre aus seiner Sicht riskanter. Um die erwarteten Renditen zu erzielen, müsse das investierte Kapital in der Regel verdreifacht werden. Wächst der Fonds zu stark, steigt der Druck – einzelne Unicorns reichen dann nicht mehr aus.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und Business Insider erstellt.

Linus Beck ist Reporter bei „Gründerszene“.

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