Ablenkung ist heute der Normalzustand. Tablets, Laptops und Smartphones überbieten sich darin, möglichst viele Funktionen gleichzeitig anzubieten. Das neue Remarkable Paper Pure schlägt bewusst den entgegengesetzten Weg ein. Dieses Tablet will nicht unterhalten, nicht vernetzen, nicht multitasken. Es will beim Denken helfen – und sonst möglichst wenig im Weg stehen.

Die Idee dahinter ist so simpel wie radikal: Wenn es wirklich um Gedanken geht, greifen viele Menschen immer noch zu Stift und Papier. Nicht aus Nostalgie, sondern weil Schreiben mit der Hand langsamer, bewusster und oft klarer ist. Genau dieses Gefühl will das norwegische Unternehmen aus Oslo mit dem Paper Pure einfangen – und danach die Brücke zum Computer schlagen, ohne den Denkfluss zu zerstören.

Das Paper Pure ist der direkte Nachfolger des Remarkable 2 und gehört zur dritten Generation der Paper‑Tablets. Während die neueren Paper‑Pro‑Modelle mit Farb‑E‑Ink, Frontlicht und deutlich höheren Preisen eher Richtung Premium gehen, positioniert sich das Paper Pure bewusst als klassisches Schwarz‑Weiß‑Gerät mit 10,3 Zoll (26 Zentimeter). Weniger Technik, weniger Ablenkung – und auch weniger Kosten. Im Unterschied zu Tablets haben E-Ink-Geräte keine Hintergrundbeleuchtung. Je heller also das Umgebungslicht ist, desto besser lassen sie sich ablesen.

Das Paper Pure ist mit 360 Gramm sehr leicht, mit sechs Millimetern extrem dünn und wirkt trotzdem erstaunlich stabil. Kleine Details wie die gerillten Seiten, die an einen Papierstapel erinnern sollen, sind typisch Remarkable: etwas verspielt, ein wenig nerdig, aber mit klarer Idee dahinter.

Das Remarkable Paper Pure ist dünn und leicht

Richtig spannend wird es, sobald man den Stift in die Hand nimmt. Das Schreibgefühl ist – ohne Übertreibung – das Beste, was man derzeit auf einem Tablet bekommen kann. Der Marker gleitet nicht einfach über Glas, sondern bietet Widerstand, minimalen Abrieb und ein feines Kratzen, das an einen echten Bleistift erinnert. Noch besser wird es mit dem Marker Plus, der auf der Rückseite einen Radiergummi hat. Umdrehen, wegradieren, fertig. Kein Menü, kein Tippen, kein Nachdenken.

Dazu kommt ein Display, das im Vergleich zum Vorgänger spürbar zugelegt hat. Das neue Canvas‑Display der dritten Generation ist schärfer, kontrastreicher und schneller. Seiten wechseln flott, Zoomen und Blättern fühlen sich erstmals richtig flüssig an. Ganz weiß wird der Hintergrund zwar immer noch nicht – das typische E‑Ink‑Grau bleibt –, aber es ist heller und angenehmer als zuvor. Die Technik macht Fortschritte, nur eben in kleineren Schritten.

Was Remarkable ebenfalls gut kann, ist Ordnung ins Notizchaos bringen. Handschriftliche Notizen können durchsucht werden, Texte werden erstaunlich zuverlässig erkannt und auf Wunsch umgewandelt. Erstaunlich zuverlässig bedeutet hier wirklich: Selbst Wörter, bei denen man sich fragt, was man da eigentlich geschrieben hat, erkennt das System oft korrekt. Hier hilft KI im Hintergrund, ohne groß Aufhebens darum zu machen.

Vernetzung ist gelungen

Auch der Datentransfer funktioniert meist unkompliziert. Dropbox, Google Drive oder OneDrive lassen sich anbinden, Dokumente können über eine Web‑App importiert werden, per Smartphone‑App lassen sich Papierseiten schnell abfotografieren und landen sofort als PDF auf dem Tablet. Wer viel schreibt, viel liest oder dokumentiert, kommt schnell in einen angenehmen Arbeitsfluss hinein. Und dank der guten Akkulaufzeit – bis zu drei Wochen bei etwa einer Stunde Schreiben am Tag – denkt man kaum noch ans Laden.

Allerdings zeigt sich spätestens hier die Kehrseite der konsequenten Reduktion. Das Paper Pure hat keine Displaybeleuchtung. Gar keine. Ohne Umgebungslicht ist Schluss. Abends im Bett noch lesen oder schreiben, ohne andere zu stören, geht also nicht. Auch unterwegs oder in schlecht beleuchteten Räumen wird das schnell zum echten Nachteil. Konkurrenzgeräte haben dieses Problem längst gelöst – Remarkable entscheidet sich trotzdem dagegen. Das ist wirklich schade.

Ähnlich konsequent – und manchmal nervig – ist die Software‑Politik. Es lassen sich keine zusätzlichen Apps installieren. Einen richtigen E‑Book‑Reader oder gar einen E-Book-Shop gibt es nicht. Epub‑Dateien lassen sich zwar importieren, gelesen werden sie aber in der Notizen‑App, die dafür eher schlecht als recht geeignet ist. Für ein Gerät, das sich eigentlich so gut zum Lesen eignet, ist das eine verpasste Chance.

Dazu kommen kleinere, aber spürbare Eigenheiten. Der Stift hält magnetisch nur mit der Spitze nach unten. Die Hülle schützt zwar gut, lässt sich aber nicht als Aufsteller nutzen. Es gibt keinen Fingerabdrucksensor, sondern nur eine Code‑Sperre. Kalender lassen sich integrieren – aber nur entweder Google oder Outlook, nicht beides. Und wer Dokumente aus der Cloud lädt, bekommt Kopien. Änderungen fließen nicht automatisch zurück, was schnell zu doppelten Versionen führen kann.

Wer seine handschriftlichen Notizen im Volltext durchsuchen will, muss leider das „Connect“-Abo für 3,99 Euro im Monat abschließen. Dann gibt es auch noch einige weitere Funktionen dazu. Zum Glück sind die Handschriftumwandlung und das Nutzen der Cloud-Dienste auch ohne Abo möglich. Fast schon kurios wirkt eine andere Eigenschaft: In den Stift‑Einstellungen lassen sich Farben auswählen, auf dem Tablet selbst erscheinen sie aber nur als Graustufen. Erst auf dem Computer sieht man die Farben wirklich. Praktisch für den Export – verwirrend beim Schreiben.

Unterm Strich ist das Remarkable Paper Pure ein Gerät mit Haltung. Es zwingt einen nicht, konzentriert zu sein – aber es hilft dabei. Wer ein Tablet sucht, das ablenkt, unterhält oder in Teilen das Smartphone oder den Computer ersetzt, wird enttäuscht. Wer hingegen gern mit der Hand schreibt, strukturiert und skizziert, bekommt eines der besten digitalen Notizbücher überhaupt. Mit allen Konsequenzen, guten wie schlechten.

Der Einstiegspreis liegt bei 399 Euro mit einfachem Marker und bei 469 Euro für ein Paket mit Marker Plus, der einen Radiergummi hat, und einer Hülle. Das ist kein Schnäppchen, aber immer noch günstiger als die Kindle-Scribe-Konkurrenz von Amazon.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Thomas Heuzeroth ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Verbraucher- und Technologiethemen, Unterhaltungselektronik und Telekommunikation.

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