Das Smartphone tippt künftig selbst, füllt Formulare aus, bucht Fitnesskurse, bestellt Fahrdienste – und fragt vorher höflich um Erlaubnis. Google hat während seiner „The Android Show: I/O Edition“ das größte Update für Android seit Jahren vorgestellt. Der Kern der Botschaft ist eindeutig: Android soll kein Betriebssystem mehr sein, das wartet, bis man es bedient. Es soll arbeiten, während man selbst etwas anderes tut. Android-Chef Sameer Samat sprach davon, das Betriebssystem in ein „Intelligenzsystem“ zu verwandeln, das Absichten in Handlungen übersetzt.

Im Mittelpunkt steht Gemini Intelligence, Googles KI-Schicht, die tief ins Android-System integriert wird. Der Unterschied zur bisherigen Version: Gemini soll nicht mehr nur Fragen beantworten, sondern Aufgaben erledigen. Das Schlüssel-Feature heißt Task Automation.

Wer einen wöchentlichen Einkauf plant, delegiert ihn an die KI. Wer im Urlaub einen Aushang fotografiert, kann Gemini bitten, darauf basierend eine Tour zu buchen – inklusive Verfügbarkeits- und Bewertungsprüfung. Gemini arbeitet dabei nur in Apps, die der Nutzer explizit freigegeben hat, und stoppt, sobald die Aufgabe erledigt ist. Google betont, dass man stets die Kontrolle behält: Die letzte Bestätigung liegt immer beim Nutzer.

Für die Texteingabe kommt die Funktion Rambler. Statt präziser Sprachbefehle kann man einfach drauflosreden – mit allen Füllwörtern, Wiederholungen und Gedankensprüngen. Gemini destilliert das Wesentliche und formuliert eine klare Nachricht. Der Dienst unterstützt mehrere Sprachen gleichzeitig, etwa Englisch gemischt mit Hindi.

Die Sprachaufnahmen werden dabei laut Google nicht gespeichert, sondern ausschließlich in Echtzeit transkribiert. Neu sind außerdem personalisierbare Widgets, die Gemini auf Zuruf erstellt: Wer jeden Montag drei proteinreiche Meal-Prep-Rezepte auf dem Homescreen sehen will, beschreibt das einfach – und ein entsprechendes Widget erscheint, das sich im Hintergrund aktualisiert.

Smarter surfen zunächst nur in den USA

Ab Ende Juni bringt Google Gemini auch in den Chrome-Browser auf Android. Die KI versteht den Inhalt der gerade geöffneten Seite, fasst lange Artikel zusammen und beantwortet Fragen dazu, ohne App-Wechsel. Darüber hinaus gibt es Auto Browse: Chrome erledigt dann lästige Browser-Aufgaben selbstständig, etwa die Suche nach einem Parkplatz anhand von Ticketdaten oder die Aktualisierung eines Abonnements.

Wer zudem Bilder direkt auf einer Web-Seite bearbeiten oder aus Text eine Infografik erzeugen will, kann das mit dem Feature Nano Banana tun. Einschränkung: Gemini in Chrome setzt Android 12 und mindestens 4 GB Arbeitsspeicher voraus. Auto Browse ist zunächst ausschließlich für AI Pro- und Ultra-Abonnenten in den USA verfügbar.

Android 17 bringt eine enge Partnerschaft mit Meta. Instagram auf Android-Flaggschiffen soll künftig Ultra-HDR, native Bildstabilisierung und Nachtmodus unterstützen. Google verweist auf Vergleichstests mit dem sogenannten Universal Video Quality Model, einem KI-Framework zur Videoqualitätsmessung: Demnach erzielen Android-Flaggschiffe beim Upload zu Instagram gleiche oder bessere Werte als das Konkurrenzgerät – gemeint ist das iPhone. Ob das in der Praxis stimmt, werden unabhängige Tests zeigen müssen.

In Metas Edits-App kommen exklusiv für Android zwei weitere Funktionen: Smart Enhance rettet mit einem Tap unscharfe oder alte Aufnahmen, Sound Separation trennt automatisch Sprache, Wind und Musik und gibt dem Nutzer die Kontrolle über einzelne Audiospuren. Adobe bringt seine Premiere-App im Sommer auf Android, inklusive exklusiver Templates für YouTube Shorts. Für professionelle Filmemacher kommt zudem APV – Advanced Professional Video –, ein neues, speichereffizientes Profi-Videoformat, das Google gemeinsam mit Samsung entwickelt hat und das zunächst auf dem Samsung Galaxy S26 Ultra sowie dem vivo X300 Ultra verfügbar ist.

Pause statt Doomscrolling

Gegen die Schattenseite des permanenten Smartphone-Konsums setzt Google auf Pause Point: Wer eine App als ablenkend markiert, bekommt beim Öffnen eine zehn Sekunden lange Denkpause eingeblendet. In dieser Zeit kann man eine kurze Atemübung machen, Fotos ansehen oder einfach kurz innehalten.

Um impulsives Deaktivieren zu verhindern, erfordert das Abschalten von Pause Point einen Geräteneustart. App-Timer gibt es auf Android bereits seit Jahren. Google räumt ein, dass sie zu leicht ignoriert werden. Außerdem werden die 3D-Emojis der neuen Kollektion namens Noto 3D überarbeitet: plastischer, ausdrucksstärker, nach eigener Aussage handverfeinert. Sie starten zunächst auf Pixel-Geräten.

So sieht die Navigation im neuen Android Auto aus

Android Auto bekommt das nach eigener Aussage größte Update für Google Maps seit über einem Jahrzehnt: eine dreidimensionale Ansicht mit Gebäuden, Überführungen und Geländedarstellung, dazu präzise Hervorhebung von Fahrspuren, Ampeln und Stoppschildern. Das Design passt sich automatisch verschiedenen Bildschirmformaten im Armaturenbrett an. Neu: YouTube-Videos in HD mit 60 Bildern pro Sekunde – zunächst in Fahrzeugen von BMW, Ford, Genesis, Hyundai, Kia, Mahindra, Mercedes-Benz, Renault, Škoda, Tata und Volvo. Sobald man losfährt, wechselt die Wiedergabe nahtlos auf Audio-only.

Dolby-Atmos-Sound kommt zu BMW, Genesis, Mahindra, Mercedes-Benz, Renault, Škoda, Tata und Volvo. Gemini übernimmt im Auto auch kleine Aufgaben. Das Feature Magic Cue erkennt zum Beispiel, wenn jemand per Nachricht nach einer Adresse fragt, sucht die Antwort in Kalender oder E-Mails und bietet mit einem Tap eine fertige Antwort an. Wer auf dem Heimweg Hunger hat, kann Gemini bitten, die gewohnte Bestellung bei Doordash aufzugeben – Bestätigung mit einem Tap, Essen liegt beim Ankommen bereit.

Fahrzeuge mit tief integriertem Google Built-in – mehr als 100 Modelle von 16 Marken – bekommen zusätzlich Live-Spurführung: Google Maps analysiert über die Frontkamera des Fahrzeugs die Fahrbahn und weist in Echtzeit auf Spurwechsel hin. Auch Zoom und andere Meeting-Apps kommen noch in diesem Jahr ins Auto-Display.

Googlebook mit einem „magischen“ Mauszeiger

Die vielleicht überraschendste Ankündigung ist eine komplett neue Gerätekategorie: Googlebook. Es ist kein Chromebook-Nachfolger und kein klassisches Android-Tablet mit Tastatur, sondern ein von Grund auf neu gedachtes Notebook, das Gemini Intelligence als zentrales Prinzip verankert. Das Herzstück heißt Magic Pointer: Der Mauszeiger erkennt den Kontext, auf dem er liegt, und schlägt passende Aktionen vor.

Wer mit dem Cursor über ein Datum in einer E-Mail fährt, bekommt sofort die Option, einen Termin zu erstellen. Wer zwei Bilder markiert, etwa ein Wohnzimmerfoto und ein neues Sofa, kann sie per Klick zusammenführen und visualisieren. Das Feature wurde gemeinsam mit Google DeepMind entwickelt. Überdies lassen sich auf dem Googlebook individuelle Widgets erstellen: Gemini greift dabei auf Gmail, Kalender und das Internet zu und baut auf Zuruf ein persönliches Dashboard – etwa mit Flugdaten, Hotelreservierungen und Countdown für eine bevorstehende Reise.

Wer sein Smartphone in der Tasche lässt, hat trotzdem Zugriff: Android-Apps vom Handy erscheinen direkt im Homescreen des Googlebooks, Dateien vom Handy landen per Quick Access nativ im Datei-Browser – ohne Übertragung, ohne Umwege. Gebaut werden die ersten Geräte von Acer, Asus, Dell, HP und Lenovo. Erkennungszeichen ist ein sogenannter Glowbar, ein farbig leuchtender Streifen am Gehäuse. Die Web-Seite googlebook.com ist ab Dienstag erreichbar, konkrete Hardware-Details folgen im Herbst.

Kommunikation mit Apple

Google baut auch Barrieren ab. Quick Share, Androids Dateiübertragungsfunktion, wird kompatibel mit Apples AirDrop – zunächst auf Pixel-Geräten, dann bei Samsung, OPPO, OnePlus, Vivo, Xiaomi und HONOR. Wer noch kein kompatibles Gerät hat, kann ab sofort per QR-Code auch an iOS-Geräte senden.

Beim Wechsel vom iPhone zu Android hat Google nach eigenen Angaben direkt mit Apple zusammengearbeitet: Passwörter, Fotos, Nachrichten, Apps, Kontakte und sogar das Homescreen-Layout sollen künftig drahtlos übertragen werden können, inklusive eSIM-Transfer. Start zunächst auf Samsung Galaxy und Pixel.

Was Google auf seiner Android Show vorgestellt hat, ist mehr als ein Feature-Update. Es ist eine Neupositionierung des gesamten Ökosystems. Android soll nicht mehr das System sein, das man bedient, sondern das System, das für einen arbeitet – auf dem Smartphone, der Uhr, im Auto, auf dem Laptop.

Das ist eine direkte Herausforderung an Apple: Während Apples KI-Offensive unter dem Namen „Apple Intelligence“ mit Verspätungen und eingeschränkter Verfügbarkeit zu kämpfen hat, zeigt Google eine breite, ökosystemweite Integration auf einem Schlag. Gleichzeitig reagiert Google auf den Druck von ChatGPT und anderen KI-Anbietern, die zunehmend direkt in den Alltag vordringen.

Googles Antwort ist eine KI, die nicht in einer separaten App steckt, sondern im Betriebssystem selbst – tief, unsichtbar und allgegenwärtig. Die erste Welle von Gemini Intelligence startet im Sommer auf Samsung Galaxy und Pixel. Alle anderen warten – auf Wellen, die Google für dieses Jahr versprochen hat.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit „Business Insider Deutschland“.

Thomas Heuzeroth ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Verbraucher- und Technologiethemen, Unterhaltungselektronik und Telekommunikation.

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