Das Büro von Jörg Woltmann könnte auch als Showroom dienen. Dutzende Vasen, Figuren, Büsten, Kannen, Becher und Teller stehen in den Regalen, auf Tischen oder der Fensterbank. Alles aus Porzellan, alles von KPM, der Kö­niglichen Porzellan-Manufaktur Berlin. Jedes Stück feinste und filigrane Handarbeit.

Mit dabei sind auch eine Figur von Woltmann selbst und eine Plakette mit seinem Konterfei und darunter eine Tafel, die seinen Namen in eine Reihe setzt mit unter anderem Friedrich dem Großen, Wilhelm II. oder Friedrich III. Denn eins hat der 79-Jährige mit den früheren Regenten des preußischen Königshauses gemein: Er ist der Eigentümer von KPM.

Die Devotionalien haben ihm seine Mitarbeiter angefertigt und geschenkt. Aus Dankbarkeit. Denn vor 20 Jahren hat Woltmann das 1763 gegründete Unternehmen mit dem kobaltblauen Zepter als Markenzeichen gekauft – und damit vor der Insolvenz gerettet. „Ich wollte nie ins produzierende Gewerbe“, sagt der Banker und Betriebswirt. Dass er trotzdem eingestiegen ist, begründet er mit „Patriotismus für Berlin“. „Das war kein Herzenswunsch, aber eine Herzensverpflichtung“, so Woltmann. 

Sonntags das gute Porzellan auf den Tisch

Einen Bezug zu KPM entwickelte der Unternehmer schon als kleines Kind. Immer sonntags kam im Elternhaus im Stadtteil Moabit das gute Porzellan-Service auf den Tisch. „Eigentlich war es die Aufgabe von uns Kindern, den Tisch zu decken, wieder abzudecken und dann zu spülen. Sonntags aber war das anders, da haben die Erwachsenen diese Aufgaben übernommen. Zu groß war die Angst, dass wir etwas fallen lassen“, erinnert sich Woltmann. Damit war für ihn klar: Dieses KPM-Geschirr ist etwas Besonderes.

Gleicht die Verluste aus seinem Privatvermögen aus: Jörg Woltmann

Und tatsächlich ist das Porzellan des Mittelständlers ein Luxus. Vierstellige Beträge werden für ein klassisches Service fällig, auch fünfstellig kann es werden. Denn Teller, Tassen und Co. sind allesamt Handarbeit – vom Anrühren der Porzellanmasse aus Kaolin, Feldspat und Quarz über die Formgebung bis zum Dekor.

„Über die Zeit relativiert sich der hohe Preis aber“, wirbt Woltmann und verweist auf sich selbst. „Ich habe immer noch mein erstes Service im Schrank.“ Das sei jetzt gut 50 Jahre alt. Doch was den Privatmann Woltmann freut, ist für den Unternehmer eine Herausforderung. „Die Kunst ist es, immer wieder neue Kunden zu finden.“ Jedenfalls abseits von Sammlern. 

KPM versucht das mit neuen Tischgeschirr-Linien wie LAB, die modern und minimalistisch gestaltet ist, oder Blanc Nouveau, einer Mischung aus mattem und hochglänzendem Porzellan. Dazu mit Künstler-Editionen, aber auch mit Einsteigerprodukten.

Bekannteste Beispiele sind eine weiße Currywurstscha­le, vor allem aber ein To-go-Kaffeebecher im Kurland-Design. Das klassizistische Dekor, entworfen im Jahr 1790 für den Kurfürsten von Kurland, ist im Geschirrbereich das bekannteste und beliebteste Design von KPM. „Damit schafft man den Einstieg in die KPM-Welt für rund 100 Euro“, sagt Woltmann, hörbar stolz. Und das komme an: Mehr als 60.000 Kaffeebecher seien mittlerweile verkauft. Aufmerksamkeit war und ist KPM damit gewiss. 

Porzellan-Kaffeebecher im Blanc-Nouveau-Design

Experten sehen diesen Schritt indes kritisch. „Luxus lebt von Abgrenzung“, sagt Saskia Diehl, die Geschäftsführerin der gmk Markenberatung. „Wenn sich plötzlich fast jeder einen Kurland-Kaffeebecher leisten kann, ist das vielleicht ein Marketing-Coup, der noch dazu Umsatz bringt. Langfristig leidet die Marke KPM aber darunter.“

Besser wäre es aus Sicht von Diehl, durch deutlich unterscheidbare Produktwelten die verschiedenen Kategorien der Marke zu kommunizieren. „Ähnlich wie bei einem guten Hotel, das sowohl eine Präsidentensuite als auch komfortable Standardzimmer hat.“ So aber verwässere man das Luxus-Image in Richtung Premium-Lifestyle.

Verlustbringer Meissen und Fürstenberg

Und das Marktsegment ist umworben. Auf rund 118 Millionen Euro schätzen die Marktforscher von Cognitive Market Research (CMR) die jährlichen Ausgaben für hochwertiges Porzellan hierzu­lande. Um dieses Geld buhlen Premium-Marken wie Rosenthal, Dibbern, Seltmann Weiden und Villeroy & Boch sowie eine Stufe höher KPM und weitere Manufakturen wie Meissen, Fürstenberg oder Nymphenburg.

Bei zwei davon werden Verluste von der öffentlichen Hand getragen: Meissen gehört dem Staat, Fürstenberg dem Land Niedersachsen. Eigentümer von Nymphenburg wiederum ist der Wittelsbacher Ausgleichsfonds.

KPM ist in diesem bereits stark konsolidierten Umfeld einer der kleineren Anbieter und verkauft nicht nur Tischgeschirr, sondern unter anderem auch Vasen und vor allem Figuren. Rund zwölf Millionen Euro stehen in der Bilanz, ein Drittel davon wird im Ausland erwirtschaftet, vor allem in Asien. 240 Mitarbeiter stehen auf der Lohnliste, die Jahresproduktion liegt bei gut 200.000 Porzellan-Teilen. Alle Kennzahlen haben sich in den vergangenen Jahren verbessert, erklärt Woltmann. 

Prosperieren konnte das Unternehmen allerdings nie so richtig, auch wenn Porzellan gerne als „weißes Gold“ bezeichnet wird: Mit dem Ende der Monarchie ausgangs des Ersten Weltkriegs wurde KPM zum Staatsbetrieb, doch die Manufaktur war eine enorme Belastung für die Finanzen der Hauptstadt.

2004 startete der Senat die Privatisierung und gab den Zuschlag einem Konsortium aus Hamburg um einen Urenkel des letzten deutschen Kaisers. Doch die neuen Eigentümer hielten keine zwei Jahre durch, worauf Woltmann auf den Plan trat.

Die neuen Produkte haben das Geschäft stabilisiert, aber auch neues Marketing und neue Vertriebswege. Gleichwohl fallen Jahr für Jahr Verluste an, wie Woltmann erzählt, ohne konkret werden zu wollen. Ausgeglichen werden die Fehlbeträge aus seinem Privatvermögen. „Was ich mache, ist Mäzenatentum“, sagt er. Gerne und bewusst, wie er betont. „Damit will ich ein Kulturgut erhalten.“

Das Geld stammt aus Woltmanns erster Karriere als Banker. Mit Anfang 30 gründete er die Allgemeine Beamten Bank Berlin (ABK), die er jahrelang noch parallel managte. Anfang 2025 hat er sie an die Berliner Volksbank verkauft und widmet sich nur noch KPM.

Aufwändige Handarbeit: Produktion in der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin

Was die Produktion so kostenintensiv und letztlich unrentabel macht, zeigt ein Besuch. Gearbeitet wird mitten in Berlin, wo Flächen und Personal teuer sind. Im Stadtbezirk Charlottenburg-Wilmersdorf gibt es eine Art KPM-Quartier mit der Manufaktur, einem Shop und Showroom zwischen den gemauerten Ziegelsteinöfen von früher, einem kleinen Porzellan-Museum, Eventlocations und einem Hotel, das ebenfalls Woltmann gehört.

Das Produktionsgebäude wirkt verschachtelt, gearbeitet wird auf mehreren Etagen. Aber ein Ablauf wie in einer Fabrik gehört ohnehin nicht zum Konzept. Eine einzelne Tasse geht vom Anrühren der Masse über das Brennen im Ofen bis hin zur Kunstmalerei und der ständig obligatorischen Qualitätskontrolle durch bis zu 25 Hände.

Das Arcanum von KPM, also das Porzellan-Rezept, stammt noch aus dem 18. Jahrhundert. Die damit hergestellte Masse wird im ersten Schritt in Formen gegossen. Sind die Teile getrocknet, bearbeiten Handwerker die Oberfläche und garnieren die Teile, also ergänzen zum Beispiel den Henkel einer Tasse oder im Fall von Figuren Dutzende bis Hunderte weitere Details.

19 Stunden bei bis zu 960 Grad

Danach folgt der erste Brand im sogenannten Verglühofen – 19 Stunden lang bei teils 960 Grad. Im Anschluss folgt das sogenannte Blautauchen. Das bedeutet: Die Teile werden in einer blauen Flüssigkeit gebadet. Dadurch können selbst feinste Haarrisse, Unebenheiten und Unregelmäßigkeiten entdeckt werden.

Fehlerhafte Teile werden aussortiert, alle anderen kommen nach weiteren Zwischenschritten ein zweites Mal in den Ofen, dieses Mal bei bis zu 1360 Grad. Dann nochmal Kanten schleifen und polieren, ehe es für Teile mit Dekor in die Meistermalerei im zweiten Stock geht, die seit Dezember 2016 als immaterielles Kulturerbe der Unesco anerkannt ist. 

30 Künstler arbeiten in der Meistermalerei, aufgeteilt in verschiedene Zimmer, die sogenannten TOMs. Die Abkürzung steht für „teamorientiertes Malen“. In diesen Räumen hat jeder von ihnen einen persönlich gestalteten Arbeitsplatz. Manche Teile bekommen dort Standarddekor, andere individuell beauftragte Verzierungen. Tassen können in Minuten fertig sein, Vasen dauern teils Monate, je nach Art der Dekoration, berichtet Matthias Dotschko, der Leiter der Meistermalerei. Er selbst hat sein Handwerk in Meissen gelernt, wie auch einige andere im Haus. Dreieinhalb Jahre dauert die Ausbildung zum Manufakturporzellanmaler.

Eine Verlagerung ins Ausland könnte für KPM die Kosten in der Produktion deutlich senken. Aber diese Veränderung will Firmenchef Woltmann nicht. „Ich habe mich dazu entschlossen, das Unternehmen so zu erhalten, wie es historisch gewachsen ist.“ Denn KPM sei mehr als ein Geschäft. „Hier habe ich gelernt, dass Geld nicht so wichtig ist. Man muss nicht der Reichste auf dem Friedhof sein.“

Gedanken um die Zukunft seines Mittelständlers macht er sich schon länger. Die Nachfolge soll in drei bis fünf Jahren geregelt sein. Favorisiert ist eine Weitergabe in der Familie, etwa an Tochter Sandra-Sophie, verheiratet mit Patrick Graf von Faber-Castell.

„Das ist wohl der Wunsch jedes Unternehmers“, sagt Woltmann, wird dann aber nachdenklich. „Eine solche Übergabe muss aber möglich bleiben.“ Damit spielt er auf das Thema Erbschaftssteuer an, für das die Politik schon länger eine neue Lösung sucht. „Entscheidend wird sein, wie solch ein neues Gesetz ausgestaltet ist. Wenn auch Betriebsvermögen betroffen sind, wäre das extrem schädlich für den Standort Deutschland. Dann steht eine Nachfolgeregelung nicht nur hier auf der Kippe.“

KPM-Standort in Berlin-Charlottenburg

Aktiv ist die Tochter des Hauses bereits bei KPM, zuletzt im Marketing. An der Positionierung des Porzellan-Anbieters muss nach Ansicht von gmk-Markenexpertin Diehl indes noch gearbeitet werden. Zwar sei der Name sehr bekannt und habe auch starke Assets, angefangen bei der Handwerkskunst über das royale Logo und den Ursprung vor 263 Jahren bis hin zum Standort Berlin. Diehl fehlt allerdings die Klarheit in der Markenführung.

„Es gibt zu viele Themen.“ Auf der Social-Media-Plattform Instagram stehe zum Beispiel der Slogan „Stilprägendes Design und einzigartiges Porzellan handmade in Berlin seit 1763“. Das sei viel zu überladen. „Die Aussage ist zu breit. Es gibt keine Kernpositionierung“, kritisiert Diehl. Ein Merkmal sei schon ausreichend, etwa das stilprägende Design. „Marke heißt Verzicht und Fokussierung“, so Diehl. Das mache der ein oder andere Wettbewerber besser. „Gleichwohl ist es eine lösbare Aufgabe.“ Und das Potenzial sei gewaltig.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie Mittelstandsunternehmen.

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