Als der Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) am Mittwoch vor die Journalisten tritt, wird ihm immer wieder eine Frage gestellt: Wie viel günstiger wird der Führerschein denn nun? Und wie bereits in den Monaten zuvor vermeidet es der Minister, eine konkrete Summe zu nennen. Denn bei jedem Fahrschüler könnte die Reform der Fahrausbildung, die am Mittwoch vom Kabinett beschlossen wurde, anders wirken. Schnieder plant die umfassendste Führerschein-Reform seit Jahrzehnten.
Die wichtigsten geplanten Änderungen im Überblick:
- Digitalisierung: Die Pflicht zum Präsenzunterricht soll abgeschafft werden. In Zukunft soll es möglich sein, sich etwa per App selbstständig auf die Theorieprüfung vorzubereiten. Die über 1100 Fragen sollen um rund ein Drittel reduziert werden.
- Bürokratieabbau: Vorgaben zu Schulungsräumen sollen abgeschafft werden. Fahrschulen müssten auch keine Räume mehr bereithalten. Fahrschulen sollen zudem weniger Dokumentationspflichten unterstehen.
- Praktische Fahrprüfung: Statt insgesamt 12 soll es in Zukunft nur noch je eine Fahrt über Land, auf der Autobahn und bei Dunkelheit als Mindestanforderung geben. Die reine Fahrzeit der praktischen Prüfung soll von 30 Minuten auf die europarechtliche Mindestvorgabe von 25 Minuten gesenkt werden. Und die Laienausbildung soll es Fahrschülern ermöglichen, in Zukunft Fahrstunden mit den Eltern oder anderen nahestehenden Personen privat durchzuführen.
- Transparenz: Fahrschulen werden gezwungen, ihre Preise und Erfolgsquoten in einer zentralen Datenbank bereitzustellen. Verbraucher- und Vergleichsportale könnten diese Daten nutzen und online veröffentlichen.
Fahrlehrer laufen Sturm
Dass sich bei der Fahrausbildung etwas ändern muss, zeigen die Zahlen: Im Schnitt kostet ein Führerschein rund 3400 Euro. „Und wenn sie zwei, drei Kinder haben, wissen sie, was sie bezahlen. Da sind sie schnell bei 10.000 Euro“, sagt der Minister im Gespräch mit WELT. Mit den neuen Verordnungen wolle man Optionen schaffen, die den Erwerb des Klasse-B-Führerscheins günstiger machen sollen – bei Berücksichtigung der Verkehrssicherheit.
Die Bundesregierung will den Führerschein günstiger machen: Weniger Pflichtstunden, mehr Online-Unterricht und transparente Preise sind geplant. „Wir bauen Bürokratie ab, wir machen es einfacher“, sagt Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder.Doch ob die Pläne tatsächlich zu Preissenkungen führen und so sicher sind, wie der Minister behauptet, wird von Fahrlehrerverbänden seit Monaten lautstark angezweifelt. Da wäre etwa der Wegfall des Präsenzunterrichts. Zwar wird eine bessere digitale Ausbildung von vielen Fahrschulen begrüßt, die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BFA) und die Deutsche Fahrlehrer-Akademie (DFA) warnen jedoch, dass nicht jede Theoriestunde durch eine Lernapp ersetzt werden kann. Fahrschüler hätten dadurch mehr Defizite im Straßenverkehr – und müssten somit wieder mehr Fahrstunden nehmen.
Weniger Theoriestunden bedeuten auch weniger Einnahmen für die Fahrschulen. Dies würde „leider zwangsweise auch einen Abbau des dortigen Personals nach sich ziehen“, heißt es von den Verbänden. Andere Fixkosten wie die Kündigung von Schulungsräumen blieben dagegen oftmals aufgrund von laufenden Mietverträgen bestehen. Fehlende Einnahmen könnten daher mit höheren Kosten für Fahrstunden kompensiert werden.
Patrick Schnieder spricht am Mittwoch bei einer Pressekonferenz zur Führerschein-ReformFür viel Aufsehen hat die Einführung der Laienausbildung gesorgt. Oder besser: die Wiedereinführung. Immerhin war es bis 1986 keine Pflicht, die Fahrausbildung an einer Fahrschule zu absolvieren. Sie wurde abgeschafft, um für mehr Sicherheit im Straßenverkehr zu sorgen.
Nun kommt sie wohl wieder zurück, wenn auch unter anderen Auflagen. Voraussetzung sind eine bestandene Theorieprüfung sowie sechs praktische Fahrstunden. Die Begleitperson muss zudem seit sieben Jahren den Führerschein besitzen. Der Minister zieht gerne den Vergleich mit Österreich, wo die Laienausbildung seit Jahren Teil des Führerscheins ist. Doch die Verbände warnen: In Österreich müssen die Schüler 32 Theoriestunden in Präsenz absolvieren – und es gibt keine Autobahn ohne Geschwindigkeitslimit. Zudem haben die Begleitpersonen nicht dieselben Eingriffsmöglichkeiten wie ein Fahrlehrer.
Führerscheinexperte Marc-Philipp Waschke-Deden vom Auto Club Europa (ACE) merkt zudem an, dass die vorgesehenen sechs Mindestunterrichtseinheiten vor dem Wechsel in die Begleitphase seien risikobehaftet. Stattdessen sollten Fahrlehrer den Übergang zur Laienausbildung freigeben müssen.
Wird der Führerschein wirklich günstiger?
Mehr Transparenz wird von Waschke-Deden befürwortet: „Erstmals werden Fahrschulen verpflichtet, Preise und Fahrschuldaten in einem Transparenzportal einzustellen. Auch die quartalsweise Veröffentlichung von Erfolgsquoten stärkt den Verbraucherschutz“, so der Experte von ACE. Die BVF und die DFA kritisieren jedoch, dass dadurch erneut mehr Bürokratie auf sie zukommt – und die wollte der Minister eigentlich abbauen.
Hinter dem Plan „günstigerer Führerschein“ hängen also noch viele Fragezeichen. Fahrschülern und Fahrschulen werden mit dem Gesetzentwurf viele Optionen eröffnet. Die können sich lohnen, wenn etwa jemand nur drei Sonderfahrten benötigt oder mit der Laienausbildung Fahrstunden einspart. „Insgesamt ist die Erwartung, der Führerschein könne künftig pauschal um mehrere hundert Euro günstiger werden, gewagt. Diese Rechnung wird in der Praxis nicht für alle Fahrschülerinnen und Fahrschüler aufgehen“, erklärt Waschke-Deden. Denn nicht jede Familie verfügt etwa über ein Auto oder die Möglichkeit, zusätzliche private Fahrpraxis zu organisieren. Hinzu kommen mögliche Einnahmeverluste der Fahrschulen durch fehlende Theorie- und Praxisstunden. Diese könnten wiederum durch höhere Preise ausgeglichen werden – ein Teufelskreis.
Das alles sind Fragen, mit denen sich nun Bundestag und Bundesrat beschäftigen müssen. Anfang 2027 ist es frühestens so weit: Dann könnte die Reform der Fahrausbildung in die Tat umgesetzt werden. Mit dem Führerschein warten, sollte man dem Verkehrsminister zufolge bis dahin nicht.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Klemens Handke ist Wirtschaftsredakteur. Er schreibt über Verkehrspolitik, die Deutsche Bahn und steht für Business Insider auch vor der Kamera.
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