Deutschlands Einzelhändler fordern eine Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten an Sonntagen. „Händler sollten frei entscheiden können“, sagt Alexander von Preen, der Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE). Im restlichen Europa sei das längst der Fall. „Da ist das Thema der Sonntagsöffnung abgehakt und zu einer Normalität geworden.“ Auch hierzulande habe sich die Gesellschaft weiterentwickelt. Kaufen sei auch mehr als nur Versorgung. „Kaufen ist Erlebnis, Kaufen ist Teil der Freizeitgestaltung.“
Unterstützung kommt von der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Deren Präsident Peter Adrian bezeichnet das aktuelle Ladenschlussgesetz als „Relikt der Vergangenheit“. Schließlich beruhe es auf der Weimarer Reichsverfassung, in der von einer „seelischen Erhebung“ an Sonntagen die Rede ist. „Das erscheint nicht mehr zeitgemäß. Wir sollten den Menschen und den Händlern mehr Freiheit und Eigenverantwortung zutrauen.“
Strikt dagegen sind indes die Kirchen. Der Sonntag sei kein gewöhnlicher Tag und dürfe es auch nicht werden. Denn er sei wichtig als Unterbrechung des Alltags und als Tag zum Abschalten.
Aufgekommen ist die Diskussion nach den jüngsten Beschlüssen des Koalitionsausschusses. Dort hatte die Bundesregierung längere Sonntagsöffnungszeiten für Bäckereien, Konditoreien und Bibliotheken ab Januar 2027 vereinbart. Diese Flexibilität fordert der HDE nun auch für den Rest des stationären Einzelhandels. „Das Thema der Anlassbezogenheit sollte wegfallen“, so Verbandschef von Preen. Stattdessen könne man zumindest einen Teil der Sonntage im Jahr freigeben, sodass Städte und Händler entscheiden können, ob und wann sie öffnen. Das schaffe auch gleiche Wettbewerbsbedingungen.
Von Preen spielt damit auf den Onlinehandel an, der an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr geöffnet ist. Die Internetverkäufer machen ihre Umsätze zu großen Teilen am Sonntag. „Der Sonntagnachmittag ist der wichtigste Verkaufszeitpunkt im Onlinehandel“, berichtet von Preen. „Das zeigt: Die Menschen würden gerne auch am Sonntag einkaufen.“ Der Unternehmer bemängelt daher fehlende Chancengleichheit. „Man sollte immer allen Vertriebswegen ähnliche Rahmenbedingungen geben, damit derjenige, der in diesen Vertriebswegen arbeitet, auch wenn er nur einen Vertriebsweg bedient, entsprechend Umsätze generieren kann.“ So jedenfalls verliere Deutschland auch hier Potenzial.
Ob am Ende ein zusätzlicher siebter Verkaufstag in der Woche die Absatzzahlen erhöht oder nur Umsätze aus der Woche in Richtung Sonntag verschoben werden, ist Spekulation. Nötig hätte der Einzelhandel einen zusätzlichen Impuls schon. Die Zahlen sind alles andere als gut. „Die Situation ist noch dramatischer, als sie es im eher bescheidenen Vorjahr bereits war“, bilanziert von Preen die ersten fünf Monate 2026.
Zwar meldet der HDE für den Zeitraum von Januar bis Mai ein nominales Wachstum von 1,9 Prozent, was nahezu exakt der bisherigen Jahresprognose entspricht. „Der Handel wird in diesem Jahr aber überwiegend nur über höhere Preise wachsen“, räumt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth ein. „Die Lage kann und darf uns nicht zufriedenstellen.“
Wie groß die Not der Branche ist, zeigt die aktuelle Sommer-Konjunkturumfrage des HDE, an der 600 Unternehmen teilgenommen haben. 79 Prozent davon nennen Kaufzurückhaltung als ihr dringlichstes Problem, gefolgt von Bürokratiebelastung oder auch hohen Kosten für Personal und Energie. Das wirkt sich auf die aktuelle Geschäftslage aus: 42 Prozent der Befragten bewerten sie derzeit als schlecht, im Vorjahreszeitraum lag dieser Wert noch bei 33 Prozent und damit merklich tiefer.
Gut wiederum geht es derzeit nur zwölf Prozent der Händler, zeigt die Umfrage. Das sind vier Prozentpunkte weniger als 2025. Und die Erwartungen an das zweite Halbjahr sind bescheiden. Jeder zweite Händler rechnet mit weiteren Umsatzrückgängen, 36 Prozent mit einer Stagnation und nur 14 Prozent mit steigenden Erlösen. Genth spricht von einer „dramatisch verschlechterten Situation“.
Das betrifft vor allem das Stationärgeschäft, wie die jüngsten Zahlen aus den Innenstädten zeigen: 77 Prozent der Händler melden in der HDE-Umfrage weniger Kundenbesuche in den vergangenen zwei Jahren, davon 28 Prozent sogar deutlich sinkende Frequenzen. Verbandspräsident von Preen, der im Hauptberuf das Deutschland-Geschäft von Intersport verantwortet, gibt dafür auch den Kommunen eine Mitschuld. „Der Erlebniswert in den Städten ist nicht so, wie man ihn sich erhofft.“
Von Preen beklagt sowohl den Zustand der Infrastruktur als auch die Zugangsmöglichkeiten. „Wenn ich einen Besuch in der Stadt mache und muss vorneweg erst mal 20 oder 30 Euro Parkgebühr zahlen, dann habe ich als Verbraucher damit ein Problem. Wenn der öffentliche Personennahverkehr nicht so weit entwickelt ist, dass ich gut in die Stadt reinfahren kann, habe ich damit auch ein Problem. Und wenn die Aufenthaltsqualität dadurch besticht, dass nur Betonplätze vorhanden sind und keine verschatteten Bereiche durch zum Beispiel Bäume, wo auch mal Kinder und ältere Menschen Ruhe finden können, dann habe ich auch damit ein Problem.“
Der Branchenvertreter übt allerdings auch Selbstkritik. Insbesondere der Non-Food-Handel habe in den vergangenen Jahrzehnten nicht durch Investitionen in den Ladenbau geglänzt. „Da gilt es einiges nachzuholen.“ Die Zahlen deuten aber vielerorts in eine andere Richtung. So wollen laut Umfrage 37 Prozent der Unternehmen 2026 gar nicht investieren. Und falls doch, geben 43 Prozent weniger Geld aus.
Gleichzeitig hat schon jeder dritte Händler im ersten Halbjahr sein Personal verringert. „Der Glaube an das, was in Zukunft an Chancen noch da ist, hat sich abgeschwächt“, interpretiert von Preen. Das gelte mittlerweile nicht mehr nur für die Industrie in Deutschland, sondern auch für den Einzelhandel. Allerdings müsse auch berücksichtigt werden, dass das Geld für Investitionen auch erarbeitet werden muss. Das sei angesichts des anhaltend schwachen Konsumklimas immer schwieriger.
So gibt es statt Umbau und Ausbau eher Abbau. Knapp 5000 Händler werden 2026 aufgeben, sei es freiwillig oder erzwungen, schätzt der HDE. Zwar gebe es auch Neugründungen, das kompensiere aber nicht die Verluste an Standorten. Befürchtet wird, dass die Zahl der Einzelhandelsgeschäfte in Deutschland erstmals seit der Wiedervereinigung unter die Marke von 300.000 fallen wird. Unter Druck stehen hauptsächlich die Non-Food-Anbieter, insbesondere Mode, Lederwaren und Elektronik.
Steigende Marktanteile für Temu und Shein
Zumal diese Branchen zu denjenigen gehören, die von den asiatischen Internet-Plattformen bedrängt werden. Diese Anbieter wachsen stark. Um nominal fünf Prozent ist der Onlinehandel in Deutschland laut HDE in den ersten fünf Monaten gewachsen. Alleine ein Drittel dieses Wachstums entfalle auf Temu und Shein. Der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland (bevh) schätzt den Marktanteil der Plattformen im deutschen Onlinehandel auf mittlerweile 5,3 Prozent.
Im Modebereich entfielen sogar schon 16 Prozent aller Bestellungen auf Temu, Shein und Co. Der stellvertretende bevh-Hauptgeschäftsführer Martin Groß-Albenhausen sieht vorerst kein Ende dieses Siegeszuges. „Die asiatischen Plattformen sind vor allem wegen ihrer niedrigen Preise beliebt“, sagt er. Viele Verbraucher würden aber auch von einem positiven Einkaufserlebnis berichten. Bei den Preisen könnte sich indes nun etwas verändern. Zumindest gelten seit Anfang Juli neue Zollregeln; für Pakete aus Asien wird ein Aufschlag von drei Euro pro Warengruppe fällig.
Das trifft bei weitem nicht nur junge Kundengruppen. Warnungen von Verbraucherschützern vor minderwertiger Qualität und Gesundheitsgefahren spielen für die Käufer nur eine Nebenrolle. „Es ist paradox“, sagt Genth. „Wir sehen in Befragungen, dass die Leute sehr bewusst wissen, was sie dort tun, dass sie Produkte kaufen, die wenig nachhaltig und teilweise auch Schrott sind.“ Laut dem Marktforschungsunternehmen Appinio hebelt der extreme Preisanreiz am Ende aber sämtliche Sorgen systematisch aus.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie Mittelstandsunternehmen.
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