Alle wichtigen Zahlen weisen nach oben: Umsatz und Gewinn, Auftragsbestand und die Größe der Belegschaft. Vincorion werde die durch den Börsengang neu gewonnene Freiheit nutzen und weiter expandieren, sagt Kajetan von Mentzingen, 52, der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens. Einer der Schwerpunkte ist dabei die Energieversorgung der Streitkräfte im Feld. Im März hatte der damalige Mehrheitseigner Star Capital Partnership Vincorion an die Börse gebracht und 47,53 Prozent der Anteile behalten. Die Mehrheit liegt nun im Streubesitz.

WELT: Herr von Mentzingen, welchen finanziellen Spielraum bringt Ihnen der Börsengang vom Frühjahr für die laufende Expansion von Vincorion?

Kajetan von Mentzingen: Zunächst bringt uns das keine unmittelbaren finanziellen Spielräume. Das Geld aus dem Börsengang ist nicht ins Unternehmen geflossen, sondern an die Investoren. Für uns bieten sich aber dadurch, dass wir jetzt Zugang zum Kapitalmarkt haben, strategische Optionen. Wir sind finanziell unabhängig. Wir könnten theoretisch Geld einsammeln, wenn wir es benötigen. Allerdings haben wir dafür aktuell keine Pläne. Der Börsengang hat uns erst einmal zusätzliche Freiheit und verstärkte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit gebracht.

WELT: Für das starke Wachstum des Unternehmens sind Sie finanziell gut aufgestellt?

Von Mentzingen: Dafür brauchten und brauchen wir kein zusätzliches Geld. Der Börsengang diente hauptsächlich dazu, unsere Unabhängigkeit abzusichern. Wir wachsen organisch und sind in der Lage, dieses Wachstum ohne externe Mittel zu gestalten. Unser gesamter Auftragsbestand ist heute bei 1,2 Milliarden Euro, wovon 500 Millionen Euro Teil unseres Fixed Order Books sind. Ende 2022, am Ende des ersten Kriegsjahres in der Ukraine, betrug unser Fixed Order Book nur etwa ein Drittel davon.

WELT: Was sind die wichtigsten Treiber für das Wachstum von Vincorion? Sie stellen zum Beispiel Elektronik für Panzer und Getriebe für deren Türme und Geschütze her. Trotz der Aufrüstung der europäischen Nato-Staaten steigen aber die Bestellungen für neue Panzer ja nicht astronomisch an.

Von Mentzingen: Für die nächsten Jahre bringen uns gerade auch die Komponenten für gepanzerte Fahrzeugsysteme starke Wachstumsschübe. Da geht es nicht nur um die Stückzahlen aus Deutschland, sondern auch um diejenigen aus den anderen europäischen Nato-Ländern. Wir stellen deshalb unsere Produktion auf eine Kleinserienfertigung um, um diese Volumina in den nächsten fünf bis zehn Jahren tatsächlich absichern zu können.

Herstellung eines Elektronikbauteils für den Kampfpanzer Leopard bei Vincorion in Wedel

WELT: Ein Auftrag von zum Beispiel 123 Kampfpanzern Leopard 2A8 für die Bundeswehr ist für die Stückzahlen, die Vincorion dabei zuliefert, nicht riesengroß.

Von Mentzingen: Allein dafür müsste man diese Fabrik hier tatsächlich nicht umbauen. Es gibt aber eben auch noch andere Nationen, vor allem europäische Nato-Partner wie Schweden oder Norwegen, die momentan aufrüsten. Wir liefern dabei in verschiedene Plattformen, sowohl für die Neufertigung, die Versorgung mit Ersatzteilen als auch für das Instandhaltungsgeschäft. Langfristig streben wir an, uns für weitere Plattformen zu positionieren.

WELT: Welche neuen Produkte könnte Vincorion entwickeln und herstellen?

Von Mentzingen: Ich glaube, es kommen spannende Zeiten auf uns zu. Die Zeiten, in denen der Markt nur von wenigen großen Plattformen bestimmt wurde, sind vorbei. Wir sehen eine Diversifizierung der Verteidigungsindustrie. Hinzu kommt, dass zunehmend unbemannte Fahrzeuge zu Land, in der Luft und zu Wasser vom Markt verlangt werden. Das sind auch für uns spannende Entwicklungsfelder. Denn im Endeffekt brauchen sie für diese unbemannten Fahrzeuge ganz ähnliche Systeme, wie wir sie heute schon bauen, nur eben kleiner: Leistungselektroniken, Bordnetzversorgung, Generatoren. Das sind unsere Zukunftsthemen hier am Standort in Wedel. Am bayerischen Standort in Altenstadt hingegen arbeiten wir stark an neuen Technologien zur Energieerzeugung, zum Energiemanagement und zur Energiespeicherung, beispielsweise für Systeme zur Energieversorgung von Feldlagern oder für das Luftabwehrsystem Patriot. Wir positionieren uns an diesem Markt zusätzlich mit hybriden Energiesystemen, also zum Beispiel mit kombinierten Systemen aus Verbrennungsmotoren und Batterien zur Energieversorgung und -speicherung.

WELT: In der Ukraine werden bereits etliche tausend Drohnen nicht nur in der Luft, sondern auch am Boden und im Wasser eingesetzt.

Von Mentzingen: Solche ferngesteuerten und künftig vielleicht auch autonom agierenden Landfahrzeuge – seien es Kampf-, Transport- oder Aufklärungsgeräte – werden sicher auch Teil unseres künftigen Marktes sein. Das ist Teil unserer Strategie. Wir haben allerdings keine Ambitionen, ganze Fahrzeuge herzustellen. Wir liefern die Komponenten dafür, wie bislang auch.

WELT: Die Entwicklungsgeschwindigkeit bei neuen, gerade auch stark automatisierten Waffensystemen hat rapide zugenommen. Ist das schwierig für tradierte europäische Rüstungsunternehmen, die aus einer eher langsamen Entwicklungskultur kommen?

Von Mentzingen: Das ist sicherlich eine kulturelle Herausforderung für die gesamte Industrie. Viele Start-ups kommen mit einem ersten Prototyp sehr schnell auf den Markt. Bis so etwas dann militärisch gehärtet, zugelassen und qualifiziert ist, vergehen allerdings oft schon wieder längere Zeiträume. Aber sicherlich müssen sich alle Akteure in unserer Industrie auf ein sehr viel dynamischeres Marktumfeld einstellen. Da tun sich Mittelständler wie Vincorion vielleicht sogar leichter als die großen Unternehmen. Es ist aber ohne Zweifel eine Herausforderung für die gesamte Branche.

WELT: Sie sehen in diesen schnellen Entwicklungszyklen gleichermaßen Chancen und Risiken für Vincorion?

Von Mentzingen: Früher mussten wir uns nur auf einen Hauptkampfpanzer konzentrieren. Heutzutage haben wir eine viel größere Auswahl bei der potenziellen Produktpalette. Wir müssen sehr viel genauer schauen, wo gehen wir rein, wo gehen wir nicht rein. Und wir versuchen, das über das gesamte Thema der Infrastruktur zu lösen. Wir bieten Ladeinfrastruktur für vielerlei Plattformen. Wir bieten Generatoren und Batterietechnologie, die modular aufgebaut sind und so auf unterschiedlichen Plattformen eingesetzt werden können. Das ist unsere Strategie.

WELT: Eine große Frage für die europäischen Armeen ist zum Beispiel, wie man teure, schwerfällige Panzer gegen agile, billige Drohnen schützt.

Von Mentzingen: Es kommen viele Technologien neu auf den Markt, um Panzer vor Drohnen zu schützen. Und alle haben eines gemeinsam: Sie brauchen Energie. Bei der Stromversorgung von Kampffahrzeugen und Waffensystemen sind wir ein etablierter Anbieter. Deshalb sehen wir für uns auch beim Thema einer wachsenden Drohnenabwehr eine Riesenmöglichkeit.

WELT: Bauen Sie Ihr Netzwerk mit erfolgreichen Startup-Unternehmen, aber auch mit anderen etablierten Rüstungs-Zulieferunternehmen weiter aus?

Von Mentzingen: Ja, wir bauen unser Netzwerk auch mit unterschiedlichen Startups aus, sei es auf technologischer Basis oder auf der Kundenseite. Aber es ist zu früh, dazu jetzt Namen oder Details zu nennen. Außerdem arbeiten wir ständig daran, unsere Lieferkette zu stärken, um den Hochlauf unserer Produktion besser abzusichern.

WELT: Sind Sie auch im Austausch mit etwas jüngeren, aber inzwischen schon recht großen deutschen Rüstungsunternehmen wie Quantum oder Helsing?

Von Mentzingen: Alle relevanten Akteure an diesem Markt sind auch für uns interessant, hauptsächlich dann, wenn es darum geht, Ladeinfrastruktur zur Verfügung zu stellen. Das sind sehr spannende Unternehmen und können sehr interessante Partner sein.

WELT: Haben Sie hier am Stammsitz in Wedel genügend Fläche für Ihr Wachstum?

Von Mentzingen: Sicherlich müssen wir etwas tun. Die nötigen Flächen sind da, und wir haben einen ganz klaren Werksentwicklungsplan, den wir bereits Stück für Stück umsetzen. Kürzlich haben wir eine Halle auf dem Areal neu dazu gemietet. Weitere Hallen sind in Planung, sodass wir – was die Räumlichkeiten angeht – keine Schwierigkeiten haben werden. Auch in Altenstadt haben wir noch genug Platz, um zu wachsen, und in Essen werden wir über kurz oder lang sicherlich einen zweiten oder einen anderen Standort suchen müssen, wenn unser Wachstum so weitergeht. Aber wir arbeiten ja größtenteils in gemieteten Objekten, insofern ist das alles gut machbar.

WELT: Bekommen Sie ausreichend qualifiziertes Personal bei den annähernd 10.000 Bewerbungen, die im Jahr bei Vincorion eingehen?

Von Mentzingen: Auch in diesem Jahr werden wir voraussichtlich wieder mehr als 10.000 Bewerbungen haben. Wir können gut rekrutieren und profitieren dabei von der schwächelnden Wirtschaft allgemein. Wir bekommen spannende und interessante Profile von Bewerbern, gerade auch für den Aufbau von Kleinserien. Wir haben in den ersten sechs Monaten dieses Jahres fast so viele Menschen eingestellt wie im gesamten letzten Jahr. Es ist dabei leichter, in Essen oder hier in Wedel Mitarbeiter zu finden als für unseren Standort in Altenstadt in Bayern. Das ist einfach eine sehr ländliche Gegend, da ist es schwieriger. Aber hier im Stammwerk und in Essen bekommen wir auf jeden Fall die Leute, die wir brauchen.

WELT: Welche Personalstärke streben Sie bei Vincorion insgesamt an?

Von Mentzingen: Wir haben im gesamten Unternehmen derzeit etwas mehr als 1000 Beschäftigte, davon rund 600 Menschen am Stammwerk in Wedel, und wir rechnen beim Personal mit einem Wachstum im mittleren einstelligen Prozentbereich pro Jahr.

WELT: Funktioniert der Hochlauf Ihrer Produktion gut, oder sehen Sie auch Engpässe?

Von Mentzingen: Wenn ich jetzt sagen würde, alles läuft super, wäre das, glaube ich, nicht glaubwürdig. So ein Hochlauf ist anstrengend, er hat immer wieder Tagesschwierigkeiten. Wir haben jeden Tag andere Herausforderungen. Insgesamt sehe ich, dass wir sehr gut für unsere weitere Expansion aufgestellt sind.

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit vielen Jahren unter anderem auch über die regional ansässige Rüstungsindustrie.

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