Niedrigwasser auf Rhein und Elbe, ausgetrocknete Felder und Waldbrände in Ostdeutschland, zugleich Starkregen und Sturzfluten in vielen Teilen des Landes – das sind scheinbar widersprüchliche Eindrücke auch dieses Sommers. Mojib Latifs, 71, neues Buch heißt „Wasser. Das bedrohte Element“ (Herder, 240 S., 22 Euro). Der Klimaforscher ist Präsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg.

WELT AM SONNTAG: In der ersten Hitzewelle dieses Sommers in Deutschland bestäubte die Stadt Köln einen zentralen Platz mit Wasser aus gelöcherten Schläuchen. Ist so etwas sinnvoll oder eher albern?

Mojib Latif: Es ist schon sinnvoll als Ultima Ratio, aber man hätte sich natürlich auf solche Situationen besser vorbereiten können. Das große Problem gerade in Städten ist ja die Versiegelung, es fehlen Grünflächen und Wasserflächen. Da muss man sich letzten Endes mit solchen Maßnahmen behelfen. Ich erkenne in Städten immer wieder, auch hier in Hamburg, dass wir Dinge tun, die einfach nicht mehr in die Zeit passen. Gucken Sie sich den Rathausmarkt an – total versiegelt. Oder nehmen Sie den Gendarmenmarkt in Berlin, da steht auch nach zwei Jahren der Neugestaltung kaum ein Baum.

WAMS: Haben Sie den Eindruck, dass das Konzept der „Schwammstadt“, die mehr Wasser aufnehmen kann, in Deutschland und Europa ernst genommen wird?

Latif: In kleinen Teilen wird das schon gemacht. Aber nehmen Sie noch einmal den Gendarmenmarkt: Den besten Schwamm, also das Grün, die Bäume, den hat man dort vergessen.

WAMS: Auch in Deutschland wird längst debattiert, wie die Folgen des Klimawandels eingedämmt werden könnten.

Latif: Wir stecken in einem Dilemma. Die globale Erwärmung ist nur zu stoppen, wenn der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen deutlich sinkt. Sonst wird man es nicht hinkriegen. Ein Status Quo bei den Emissionen reicht nicht. Das ist wie mit den Staatsschulden. Wenn Sie jedes Jahr genauso viel neue Schulden aufnehmen – also die Größe der neuen Schulden begrenzen –, wächst der Schuldenberg trotzdem weiter, denn die alten Schulden sind ja nicht weg. So ist es auch mit dem CO2. Das alte CO2 ist nicht weg, es hat eine unheimlich lange Verweildauer in der Atmosphäre, und selbst wenn wir ein bisschen weniger ausstoßen, dann kommt das noch obendrauf. Das heißt, die weltweiten Emissionen müssen richtig stark sinken, wenn wir die globale Erwärmung begrenzen wollen. National können wir unser Klima nicht schützen.

WAMS: Aber die Reaktion auf die Folgen des bereits laufenden Klimawandels muss national, regional und kommunal sein.

Latif: Da können wir aktiv etwas tun, auch bei der Senkung der Treibhausgasemissionen, aber das hat natürlich objektiv gesehen keinen großen Einfluss. Deutschland verursacht zwei Prozent der Emissionen weltweit, da reicht das einfach nicht, wenn wir unseren Ausstoß verringern. Gleichwohl ist es wichtig, dass wir es tun, denn wir haben ja schließlich den Pariser Klimavertrag unterschrieben. Wenn wir immer noch eine regelbasierte Welt wollen, und das wollen wir doch, finde ich, dann müssen wir zu unserer Verpflichtung auch stehen. Klar ist aber auch: Ohne China und die USA, den größten und den zweitgrößten Emittenten von Treibhausgasen, wird es mit dem globalen Klimaschutz sehr schwierig werden. Und wenn speziell die USA unter Präsident Donald Trump nicht wollen, dann wollen sie nicht.

Nach langer Dürre fällt das linke Rheinufer bei Düsseldorf Oberkassel im Sommer 2026 trocken

WAMS: Wie wird sich das auswirken?

Latif: Auf den Landregionen werden wir eine zunehmende Wasserknappheit bekommen, denn allein wegen der höheren Temperaturen steigt die Verdunstung, und die Böden trocknen schneller aus. Ausgetrocknete Böden können schlecht große Wassermassen aufnehmen, da fließt das Wasser einfach oberflächlich ab. Es gibt mehr Starkregen, die Verdunstung nimmt zu, mehr Wasser ist in der Atmosphäre in Form von Wasserdampf. Bei entsprechender Wetterlage kann dann auch mehr runterkommen. Aber das trägt nicht unbedingt zur Neubildung von Grundwasser bei. Sondern ein Teil des Regenwassers geht wieder in die Bäche und Flüsse und dann ab in die Meere.

WAMS: Was bedeutet das für das Volumen des Süßwassers?

Latif: Obwohl wir ein Wasserplanet sind, macht Süßwasser, das wir trinken und zur Bewässerung in der Landwirtschaft nutzen können, nur 2,5 Prozent des gesamten Wassers auf der Erde aus. Und von diesen 2,5 Prozent ist noch das allermeiste in der Polarregion gespeichert, in Form von Eis und Schnee. Was uns relativ leicht zugänglich an Süßwasser zur Verfügung steht, sind gerade mal ein paar Zehntel Prozent des gesamten Wassers der Erde. Süßwasser ist ein extrem rares Gut auf dem Planeten. Und es wird weniger werden, nicht nur durch den Klimawandel: Durch Verschwendung, übermäßigen Gebrauch in Industrie, Landwirtschaft und auch von uns Bürgerinnen und Bürgern, schwinden die Mengen an Süßwasser. Seit Beginn des Jahrtausends kann man das mit Hilfe von Satelliten tatsächlich feststellen. Wir sehen weltweit, auch in Deutschland, dass die Landregionen Wasser verlieren. Und das ist eben Süßwasser.

WAMS: Ist der Norden mit Blick auf die Wasservorräte besser oder schlechter aufgestellt als andere deutsche Regionen?

Latif: Er ist in dieser Hinsicht besser aufgestellt. Der Norden ist eher kühl und feucht, und der Süden ist eher warm und trocken. Ich habe einen Freund in Mainz, der beim Deutschen Wetterdienst gearbeitet hat, der sagt gerne, wir haben zwei Monate mehr Sommer als ihr da oben im Norden. Durch Deutschland verläuft gewissermaßen die Linie zwischen zwei Klimazonen. Grundsätzlich wird es in Deutschland aber überall wärmer, auch bei uns. Ich bin 1954 geboren und hätte mir früher nie träumen lassen, dass wir mal 40 Grad in Hamburg messen würden.

WAMS: Müssen wir zum Beispiel in der Landwirtschaft auch hierzulande neu denken, wie mit Wasser auf großen Flächen umgegangen wird?

Latif: Wir müssen uns anschauen, wie man mit weniger Wasser auskommen kann. Wir werden in Zukunft – das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – mit weniger Wasser auskommen müssen. Und wir können mit viel weniger Wasser auskommen, denn wir vergeuden so unheimlich viel Wasser. Das gilt nicht nur für die Landwirtschaft oder für uns Bürgerinnen und Bürger, sondern vor allen Dingen auch für die Industrie.

WAMS: Müsste zum Beispiel bei Neubauten der Wasserverbrauch künftig noch weiter reduziert und Wasser insgesamt stärker recycelt werden?

Latif: Das wird ja in einigen Quartieren schon gemacht, mit integrierten Systemen, in denen man zum Teil das Wasser recycelt oder das Regenwasser nutzt. Wasser wird zu einem kostbaren Gut werden. Wir können aber damit umgehen. Als negatives Beispiel sehe ich den Südwesten der USA. Der Colorado River führt ja wegen des Klimawandels seit vielen Jahren schon deutlich weniger Wasser. Der Wasserspiegel im Hoover-Stausee ist inzwischen um 60 Meter gefallen. Von diesem Wasser hängen 40 Millionen Menschen ab. Wüstenstädte wie Phoenix und Las Vegas planen aber immer noch, sich zu erweitern und gehen davon aus, dass genug Wasser da ist. Die haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Dort geht man auch an die tiefen Grundwasserreserven heran. Auch das sorgt dafür, dass die Süßwasservorkommen auf den Landregionen schwinden.

WAMS: Was ließe sich neben dem Recycling und verstärkten Sparanstrengungen tun, um den Süßwasser-Bestand in unserer Region zu stabilisieren?

Latif: Da gäbe es viele Möglichkeiten, ich verweise auf die Nationale Wasserstrategie. Zum Beispiel muss die Flächenversiegelung verringert und sollten Flusslandschaften renaturiert werden. Die meisten künstlichen Wasserreservoirs wie Stauseen sind offen, da verdunstet sehr viel Wasser. Man könnte sie zumindest teilweise mit Solarpanelen abdecken – und dann gleich Strom produzieren. Wir müssen auch erfinderisch sein.

WAMS: Südeuropa erlebt in diesem Sommer wieder Hitzewellen mit ausgedehnten Waldbränden und Dürren. Könnte Wassermangel dort Migrationsbewegungen auslösen?

Latif: In Afrika gibt es heute schon besiedelte Gegenden, in denen man wegen Wassermangels kaum noch leben kann. Auch in Südeuropa ist Wassermangel schon die Realität. Und in Südeuropa kommt es ja nicht von ungefähr, dass die Menschen dort einen ganz anderen Lebensrhythmus haben als wir weiter nördlich, dass sie mittags eine Siesta machen. Ich kann mir vorstellen, dass viele Menschen auch in Nordeuropa künftig um die Mittagszeit herum zumindest keine schwere körperliche Arbeit mehr verrichten werden können.

WAMS: Man spricht in der Klimawissenschaft über „Kipppunkte“, bei denen bestimmte Entwicklungen nicht mehr umkehrbar sind. Gibt es sowas auch mit Blick auf den Wasserhaushalt?

Latif: Bei diesem Thema geht es weniger um Kipppunkte. Beim Wasser nimmt die Verdunstung exponentiell mit der Temperatur zu. Je wärmer es wird, umso überproportional erhöht sich die Verdunstung, umso überproportional mehr Wasser kann die Atmosphäre aufnehmen, und umso stärker können die Regenfälle bei entsprechender Wetterlage ausfallen. Allerdings können die Böden, wenn sie trocken werden, nicht mehr so viel Wasser aufnehmen. Dann fließt das Wasser in Teilen oberflächlich ab und bildet eben kein neues Grundwasser.

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WAMS: Wie schätzen Sie Großtechnologien als Mittel zur Problemlinderung generell ein, etwa die Meerwasserentsalzung?

Latif: Mehrwasserentsalzung ist ja vor allem in der Golfregion das Mittel der Wahl. Iran hat deshalb während des Krieges zum Beispiel Anlagen zur Meerwasserentsalzung in Bahrain angegriffen. Nun sehen die Menschen in der Region, dass sie am verwundbarsten nicht mit dem Öl sind, sondern mit dem Wasser. Denn das ist ihre Lebensadler.

WAMS: Aber Großtechnologie kann helfen, Wasserhaushalte zu stabilisieren?

Latif: Ja, aber wollen Sie das? Oder wäre es nicht besser, den Klimawandel zu begrenzen und aufzuhören, mit fossilen Energien zu arbeiten? Ich finde, wenn man ein Problem hat, sollte man es doch an der Wurzel packen.

WAMS: Würden Sie sagen, dass beim Ringen um den Klimaschutz eine Art grüner Superzyklus zu Ende gegangen ist, der Jahrzehnte lang gedauert hat?

Latif: Ja, ich glaube schon. In Amerika ist es natürlich extrem. Aber wir sehen auch in Deutschland, dass eigentlich alles zurückgefahren wird. Nehmen wir das Verbrenner-Aus. Das wurde auf europäischer Ebene beschlossen, aber hauptsächlich auf Betreiben Deutschlands dann wieder verschoben. Auch die Einbeziehung des Wärme- und des Verkehrssektors in den europäischen Emissionshandel wird nach hinten geschoben, auch auf Betreiben Deutschlands. Angesichts der Wirtschaftskrise wird gefordert und wahrscheinlich auch umgesetzt, dass der CO2-Preis nicht mehr so schnell steigt, wie er eigentlich ursprünglich steigen sollte. Wir sehen bei den Heizungen, dass man technologisch jetzt praktisch machen kann, was man will. Wir haben ein Rollback in Sachen Klimaschutz. Die Akzeptanz in beträchtlichen Teilen der Bevölkerung ist einfach nicht mehr da.

WAMS: Wie ließe sich eine vernünftige ökonomische Entwicklung wieder besser mit einem klimapolitisch und ökologisch wirksamen Handeln zusammenbringen?

Latif: In Deutschland wäre zunächst einmal ein politischer Konsens darüber wichtig: Wo wollen wir eigentlich hin in 30, 40, 50 Jahren? Wie soll unser Land aussehen? Wollen wir weiter auf fossile Energien setzen oder nicht? Und wenn wir unabhängig werden wollen von fossilen Brennstoffen und langfristig vielleicht auch von der Atomkraft, dann müssen wir die erneuerbaren Energien stärker und schneller ausbauen, ebenso die Netze, und das am besten im europäischen Kontext. So etwas wie Dunkelflauten gibt es nun einmal. Aber irgendwo scheint immer die Sonne in Europa, oder der Wind weht. Europa hat die Chance, eine Modellregion zu werden – auch mit Blick auf den Klimaschutz und die Energienutzung. Andernfalls glaube ich, wird Europa in den kommenden Jahrzehnten ganz schlecht aussehen, auch wirtschaftlich.

WAMS: Was wäre auf der alltäglichen Ebene nötig, um den Klimaschutz wieder in einen positiveren Kontext zu bringen?

Latif: Es muss immer konkrete Anreize geben. Das kurzfristige Interesse, der Eigennutz, dominiert mittlerweile offenbar alles. Und besonders das, was langfristig wichtig ist, wie der Klimaschutz, muss warten. Die meisten Menschen tun heutzutage noch nur etwas, wenn es dafür ganz konkrete Anreize gibt. Dann ist auch die Akzeptanz da. Und es ist ja nicht so, dass die Dinge neu erfunden werden müssten. Die Technologien und das notwendige Geld sind ja da – sie müssen nur vernünftig verteilt und eingesetzt werden.

Mojib Latif wurde als Sohn pakistanischer Eltern 1954 in Hamburg geboren. Im Fach Ozeanographie promovierte er 1987 in Hamburg beim späteren Physik-Nobelpreisträger Klaus Hasselmann. Von 1983 bis 2002 war Latif wissenschaftlicher Mitarbeiter und Privatdozent am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Seit 2003 ist er Professor am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die Wechselwirkungen zwischen einer wachsenden Wirtschaft und dem nationalen und internationalen Klimaschutz.

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