Andrea Orcel hat schon viele Schlachten in der europäischen Finanzwelt geschlagen. Nun steht der Chef der italienischen Unicredit kurz davor, die Commerzbank zu übernehmen. Knapp 50 Prozent der Anteile hat er sich bereits gesichert. In Deutschland stößt das auf Widerstand: bei Politikern, dem Management und dem mächtigen Betriebsrat der Bank. Während des Gesprächs in einem Konferenzraum im 29. Stock der Unicredit-Zentrale in Mailand verteidigt Orcel seine Pläne, verspricht ein behutsames Vorgehen und sagt, warum er die Angst vor einer „italienischen Bank“ für überholt hält.

WELT AM SONNTAG: Herr Orcel, steht der Prosecco schon kalt?

Andrea Orcel: Mal langsam. Noch stehen Genehmigungen der Aufsichtsbehörden aus. Zudem warten wir auf hoffentlich konstruktive Gespräche mit der Bundesregierung und den Arbeitnehmervertretern. Das alles wird sicherlich noch ein gutes halbes Jahr dauern.

WAMS: In Deutschland sind Sie recht unbeliebt. Bundeskanzler Friedrich Merz hält Sie für einen Rüpel. Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp für einen aggressiven Firmenjäger ohne klare Strategie. Stört Sie das?

Orcel: Im Moment stört mich diese Kritik nicht, da sie auf Fehlinterpretationen basiert. Würde sie nach direkten Gesprächen mit Regierungsvertretern und nach einer ehrlichen Diskussion mit Bankenvertretern über die Zukunft der Commerzbank fortbestehen, dann würde mich das beschäftigen.

WAMS: Warum eigentlich nach der Hypovereinsbank (HVB) vor 20 Jahren jetzt die Commerzbank und nicht die Deutsche Bank? Wenn schon Ärger, dann richtig, hätten Sie sich sagen können.

Orcel: Schon vor zehn oder 15 Jahren wurde über eine Kombination von HVB und Commerzbank gesprochen. Eine Kombination von HVB und Deutscher Bank wurde nie ernsthaft diskutiert. Warum? Weil sich HVB und Commerzbank sehr gut ergänzen. Ich selbst komme aus dem Investmentbanking, aber Unicredit ist heute primär im Firmenkundengeschäft und im gehobenen Privatkundensegment stark. Das Geschäftsmodell der Commerzbank passt perfekt dazu. Die Deutsche Bank nicht.

WAMS: War das der einzige Grund?

Orcel: Für mich ist die Übernahme der Commerzbank und ihrer polnischen Tochter mBank die Transaktion, die Unicredit endgültig zu einer paneuropäischen Bank macht. Wir setzen etwas um, wovon die deutsche Politik bislang nur spricht: einen grenzüberschreitenden Banken- und Kapitalmarkt.

WAMS: Warum ist Deutschland dennoch gegen die Übernahme?

Orcel: Nach allem, was ich lese und höre, ist die Bundesregierung bereit zu sprechen. Ich bin optimistisch, dass der Widerstand nach Gesprächen schwindet.

WAMS: Haben Sie schon mal mit Kanzler Merz gesprochen?

Orcel: Bislang noch nicht. Ich bin aber optimistisch, dass es in naher Zukunft zu persönlichen Gesprächen mit dem Kanzler oder dem Vizekanzler kommt. Lassen wir erst einmal die Sommerferien vergehen.

WAMS: Sie wissen also noch nicht, was der Bund für seine Zustimmung zur Übernahme verlangt?

Orcel: Das weiß ich derzeit nicht und möchte nicht spekulieren. Banken sind der Treibstoff der Wirtschaft. Sie versorgen Unternehmen und Menschen auch in ländlichen Regionen mit Finanzdienstleistungen. Deshalb ist es legitim, dass die Bundesregierung sehr genau hinschaut. Ich sehe derzeit keinen Punkt, bei dem wir grundsätzlich anderer Meinung sein müssten.

Der Commerzbank-Tower in Frankfurt am Main

WAMS: Zu welchen Zusagen sind Sie bereit, etwa Jobgarantien?

Orcel: Deutschland ist in dieser Hinsicht speziell. Normalerweise erhält man zunächst die Genehmigungen der Aufsicht und der Kartellbehörden und startet danach ein Übernahmeangebot. In Deutschland wird erst das Angebot abgegeben, dann folgen die Genehmigungen. Deshalb werden Gespräche mit Regierung, Betriebsrat und anderen Interessenvertretern parallel zum Genehmigungsprozess geführt. Ich gehe davon aus, dass wir mit allen Gruppen eine tragfähige Lösung finden.

WAMS: Wie eigenständig wird die Commerzbank noch agieren können?

Orcel: Unsere Banken-Gruppe funktioniert, weil wir eine Balance zwischen lokaler Eigenständigkeit und zentraler Koordination gefunden haben. Wir schreiben einer Bank in Kroatien, Österreich oder Deutschland nicht vor, wie sie ihr Tagesgeschäft führen soll. Wir einigen uns auf Vision, Strategie und Ziele. Wie diese Ziele erreicht werden, bleibt weitgehend Sache der jeweiligen Bank. Bestimmte Bereiche wie Technologie, Einkauf, Produktentwicklung oder Partnernetzwerke bündeln wir natürlich auf Gruppenebene. Dadurch entstehen Skaleneffekte.

WAMS: Werden Commerzbank und HVB zu einer Einheit zusammengeführt?

Orcel: Unter Vorbehalt der Genehmigungen: nicht sofort. Wir sehen erhebliche Vorteile, wenn Commerzbank und HVB zunächst getrennt geführt werden. Der wichtigste Grund ist ein gemeinsames Verständnis: Wir müssen die Mitarbeiter gewinnen, eine gemeinsame Vision entwickeln, Prozesse und Technologie angleichen und kulturelle Unterschiede abbauen. Würde man zwei Organisationen sofort zusammenwerfen, entstünden erhebliche Widerstände und Reibungsverluste. Commerzbank und HVB sollen zwei bis drei Jahre eigenständig bleiben. Langfristig könnte das Ziel sein, beide Banken zu einer wirklich starken deutschen Bank zusammenzuführen. Aber das ist ein Thema, das uns die nächsten drei Jahre weiter beschäftigen wird – und das wir in vier, fünf Jahren endgültig zu entscheiden haben.

WAMS: Heißt die Bank in Deutschland dann Commerzbank, HVB oder Unicredit?

Orcel: Alle drei Marken sind sehr anerkannt in Deutschland. Ich kann mir alle Marken für den künftigen Auftritt vorstellen. Die Entscheidung, welche Marke es genau am Ende wird, braucht Zeit. In Italien hat es sehr lange gedauert, traditionelle Marken wie Banca di Roma in Unicredit zu integrieren. Deshalb steht die Markenfrage heute nicht weit oben auf meiner Prioritätenliste. Wer zu früh über den Namen diskutiert, schafft bloß neue Konflikte.

WAMS: Viele erwarten, dass Sie möglichst schnell die Minderheitsaktionäre herausdrängen und die Aktie von der Börse nehmen.

Orcel: Ich habe gelernt, dass Geschwindigkeit nicht immer die beste Lösung ist. Für die kommenden zwei bis drei Jahre planen wir keine komplette Integration von Commerzbank und HVB. Unsere aktuelle Beteiligung an der Commerzbank ermöglicht uns bereits jetzt den notwendigen Einfluss. Deshalb sehe ich keinen Grund, vorschnell weitere Schritte zu gehen. Ob die Commerzbank ihre Börsennotierung verliert, ist offen. Es gibt Szenarien, in denen die Bank selbst nach einer Fusion börsennotiert bleibt. Eine Börsennotierung kann die Bindung an ein Land stärken. Ich sehe derzeit auch keinen Anlass, über Squeeze-out oder Delisting nachzudenken.

WAMS: Wollen Sie den deutschen Staat aus der Commerzbank herauskaufen?

Orcel: Nein. Offen gesagt, könnte es sogar hilfreich sein, wenn der Staat noch eine Weile an Bord bleibt. Ob er verkauft oder nicht, entscheidet am Ende natürlich die Bundesregierung. Für uns hängt vieles davon ab, ob wir ein gemeinsames Verständnis über die Zukunft der Bank entwickeln. Wenn wir uns grundsätzlich einig sind, wäre die Bundesregierung als Partner positiv zu beurteilen. Ein staatlicher Anteilseigner verleiht nicht nur der Commerzbank, sondern unserer ganzen Gruppe zusätzliche Stabilität.

WAMS: Was haben die Mitarbeiter von der Übernahme?

Orcel: Zunächst werden viele Mitarbeiter der Commerzbank überrascht sein, wenn sie mit uns arbeiten. Manche erwarten den Weltuntergang. Tatsächlich werden sie auf normale Menschen treffen, die zuhören, diskutieren und nach Lösungen suchen. Allein das wird die Dynamik verändern. Unsere Unternehmenskultur ist sehr offen. Bei Unicredit können Mitarbeiter auf allen Ebenen direkt mit dem Topmanagement sprechen. Viele Veränderungen wurden von Mitarbeitern angestoßen.

WAMS: Und die Kunden?

Orcel: Für Kunden sehe ich erhebliche Vorteile: ein breiteres Produktangebot, modernere digitale Prozesse, ein besseres europäisches Netzwerk, eine stärkere Bilanz, mehr Klarheit. Viele Leistungen, die die Commerzbank heute über Drittanbieter bezieht, können wir direkt in der Gruppe bereitstellen. Gerade im Mittelstandsgeschäft ist das wichtig. Viele deutsche Unternehmen wünschen sich einen größeren europäischen Bankpartner als Alternative zu amerikanischen Instituten.

WAMS: Haben Sie keine Angst, dass Kunden abwandern?

Orcel: Bei jeder Übernahme gibt es dieses Risiko. Manche Kunden mögen den Käufer nicht oder sind verunsichert. Ich glaube aber, dass das Risiko bei uns geringer ist, weil wir schrittweise vorgehen und nicht sofort fusionieren. Kunden werden sehen, dass sich Dienstleistungen nicht verschlechtern, sondern verbessern.

WAMS: Was sagen Sie denen, die ihr Geld lieber einer deutschen als einer italienischen Bank anvertrauen?

Orcel: Ja, solche Einstellungen gibt es. Aber was viele vergessen: Schon während der Finanzkrise floss bei der Unicredit Liquidität von Italien nach Deutschland, nicht umgekehrt. Und heute ist Europa stärker integriert als 2011 oder 2012, als die Kapitalflüsse stattfanden. Wenn man Kapitalausstattung, Liquidität, Profitabilität oder Risikoprofil betrachtet, ist Unicredit heute in einer vollkommen anderen Situation als vor der Finanzkrise. Ich würde sagen, wir sind viel stärker als die meisten europäischen Banken.

WAMS: Trotzdem bleibt das Misstrauen.

Orcel: Es wird immer Menschen geben, die lieber einer deutschen als einer italienischen Bank vertrauen. Solche Wahrnehmungen verschwinden nicht über Nacht. Aber langfristig werden Fakten wichtiger sein als nationale Vorurteile.

WAMS: Die Vertreter der 24.000 Arbeitnehmer in Deutschland wollen jedes Sparprogramm bekämpfen. Wie wollen Sie den Konflikt entschärfen?

Orcel: Entscheidend ist, Menschen fair zu behandeln. Wer das Unternehmen verlässt, muss respektvoll behandelt und angemessen entschädigt werden. Sonst leidet auch die Motivation der Beschäftigten, die bleiben. Ein weiterer Punkt ist Produktivität. Der Betriebsrat der HVB hat stets darauf bestanden, dass Prozesse zuerst automatisiert, digitalisiert und durch KI unterstützt werden, bevor Stellen wegfallen. Diesen Ansatz unterstütze ich. Die verbleibenden Mitarbeiter dürfen nicht die Arbeit von zwei Personen übernehmen müssen. Doch um im Wettbewerb mit Fintechs und US-Banken bestehen zu können, müssen sich traditionelle Banken verändern und weiterentwickeln.

WAMS: Wo würden Sie im Privatkundengeschäft ansetzen?

Orcel: Im Filialgeschäft und im direkten Kundenkontakt sind unseres Erachtens kaum Eingriffe erforderlich. Die größten Veränderungen erwarten wir in Verwaltung, Technologie und Managementstrukturen. Die Commerzbank verfügt aus unserer Sicht über zu viele Hierarchieebenen. Bei Unicredit haben wir die Zahl der Managementebenen zwischen Vorstandschef und Filialleiter von neun auf fünf reduziert und wollen sie weiter auf vier senken. Die eigentlichen Einschnitte beträfen daher eher höher dotierte Managementfunktionen als klassische Kundenberater. Ich spreche nicht von 20.000, 14.000 oder 11.000 Stellen, die in Deutschland wegfallen. Es geht um wesentlich weniger.

WAMS: Werden Filialen geschlossen?

Orcel: Vermutlich nur in sehr begrenztem Umfang. Wenn zwei Filialen unmittelbar nebeneinanderliegen, kann es sinnvoll sein, sie zusammenzulegen und die meisten Mitarbeiter zu übernehmen. Da die Commerzbank ihr Filialnetz bereits massiv reduziert hat, erwarten wir keine signifikante Filialschließungswelle. Vielleicht gibt es einzelne Überschneidungen in Innenstädten wie Frankfurt oder München, aber nicht in großem Umfang.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Karsten Seibel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet unter anderem über Haushalts- und Steuerpolitik.

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