Totgesagte leben länger – zumindest bei 33 Umdrehungen pro Minute. Während Musik heute vor allem gestreamt wird, erlebt die Schallplatte ein erstaunliches Comeback. Davon profitiert die gesamte Branche: Die deutsche Musikindustrie hat im ersten Halbjahr 2026 ihre Einnahmen erneut gesteigert.
Nach Angaben des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI) erzielten die Musikunternehmen Einnahmen von 670 Millionen Euro, ein Plus von 5,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Berücksichtigt man Mehrwertsteuer und Handelsspannen, haben die Deutschen zwischen Januar und Juni 1,2 Milliarden Euro für Musik ausgegeben.
Dominant war dabei natürlich das Streaming-Geschäft mit Anbietern wie Spotify, Apple Music und Deezer. Es kommt inzwischen auf 84,4 Prozent der Brancheneinnahmen, inklusive Downloads sind es sogar 86,4 Prozent. Der Rest entfällt auf physische Tonträger, und genau dieses Segment wuchs um mehr als fünf Prozent, angetrieben von starken Albumveröffentlichungen.
Vinyl legte dabei um fast zehn Prozent zu und erreicht nun einen Anteil von 47,8 Prozent am physischen Markt. Die CD liegt noch knapp vorn, legte aber nur um 0,8 Prozent zu.
Hinter dem Vinyl-Boom steckt mehr als Nostalgie. Die Labels setzen vielmehr gezielt auf ein zahlungskräftiges Publikum, das bereit ist, für exklusive Produkte deutlich mehr Geld auszugeben.
Ziel sei, „besonders engagierte Fans, die sogenannten ‚Superfans‘, mit speziellen Produkten und Artist-Aktionen zu erreichen“, sagt BVMI-Vorstandsvorsitzender Florian Drücke. Limitierte Vinyl-Pressungen und Fan-Editionen gehören inzwischen zum festen Vermarktungsrepertoire.
Der Blick über vier Jahrzehnte zeigt, wie drastisch sich der Markt gewandelt hat. 1997 setzte die Musikindustrie allein mit CDs 2,3 Milliarden Euro um, damals der Höhepunkt des physischen Geschäfts. Dieses brach in der Folge regelrecht zusammen, vor allem wegen illegaler Downloads im Netz, und erst nach und nach sorgten Bezahlangebote wie iTunes oder Spotify für neue Umsätze. Aber selbst 2025 lag der gesamte Handelsumsatz mit 2,4 Milliarden Euro noch unter dem Wert von 1997.
Fast die Hälfte der Songs mit KI erstellt
Wie die Deutschen tatsächlich Musik hören, zeigt eine YouGov-Umfrage im Auftrag des BVMI: Radio kommt mit 28,6 Prozent noch auf den größten Anteil an der gesamten Hörzeit, dicht gefolgt von Premium-Audio-Streaming mit 27,3 Prozent. Dahinter folgen Video-Streaming-Dienste wie YouTube, Live-Musik oder Kurzvideo-Apps wie TikTok. Gekaufte Tonträger machen nur noch sechs Prozent der Hörzeit aus.
Und inzwischen wird die Branche schon vom nächsten Umbruch erfasst, dieses Mal durch Künstliche Intelligenz. Bei Deezer sind bereits 44 Prozent der täglich hochgeladenen Songs mit KI generiert.
Laut BVMI arbeiten die Mitgliedsunternehmen an Lizenzmodellen für den Einsatz von KI in der Musikproduktion, verbunden mit der Forderung nach Transparenz bei den Anbietern. Erst vergangene Woche stellte die Branche auf internationaler Ebene einen Vorschlag zur freiwilligen Kennzeichnung KI-generierter Inhalte vor.
Eine Konstante gibt es bei all dem Wandel aber doch: Konzerte bleiben der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse (AWA) zufolge ein fester Bestandteil des Musiklebens. 59,8 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren besuchen gelegentlich Musikveranstaltungen, 7,2 Prozent regelmäßig.
Thomas Heuzeroth ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Verbraucher- und Technologiethemen, Unterhaltungselektronik und Telekommunikation.
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