Der Unternehmer Martin Herrenknecht wirft der deutschen Infrastruktur- und Verkehrspolitik schwere Versäumnisse vor. Im Interview mit dem „Handelsblatt“ kritisiert der Gründer und Vorstandsvorsitzende des Tunnelbohrmaschinenherstellers Herrenknecht langwierige Planungsverfahren und fehlenden Umsetzungswillen.

Besonders kritisch äußerte sich der Unternehmer über die deutschen Anschlussstrecken zum Brenner-Basistunnel zwischen Österreich und Italien. Hier soll nach jahrelanger Bauzeit der letzte Tunneldurchbruch in diesem Jahr kommen. Die Zulaufstrecken auf deutscher Seite sind dagegen weiterhin nicht fertiggestellt. „Deutschland hält Staatsverträge zu den großen europäischen Bahntrassen nicht ein. Das ist blamabel, wirtschaftslähmend und inakzeptabel für unsere Nachbarn.“ Weiter sagte Herrenknecht: „Deutschland plant sich noch zu Tode.“

Als Beispiel für den aus seiner Sicht übermäßigen Planungsaufwand verwies er auch auf die seit Jahren diskutierten Bahntunnel bei Offenburg. Dort werde seit mehr als einem Jahrzehnt geplant. „Selbst wenn wir morgen anfangen, wären wir erst in den 2040ern fertig. Das ist doch ein Trauerspiel“, sagte Herrenknecht.

Kritik übte der Unternehmer an weiteren Bahnprojekten. Die geplante Erhöhung der Streckengeschwindigkeit bei Offenburg von 200 auf 250 Kilometer pro Stunde bezeichnete er als unverhältnismäßig. Dafür müssten die Gleise 70 Zentimeter auseinandergelegt und Brücken erhöht werden. „Das kostet vier Milliarden Euro für vier Minuten Fahrzeitverkürzung. Das ist verrückt. Da stehen Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis.“ Er kündigte an: „Das werde ich bekämpfen. Wir müssen diese irrsinnige Planung stoppen, solange es noch geht.“

Nach den Ursachen gefragt, antwortete Herrenknecht knapp: „Selbstüberschätzung deutscher Ingenieure und Planer.“

Bauarbeiten am Brenner-Basistunnel in 2025 – er gilt als die längste unterirdische Bahnverbindung der Welt

Zur Beschleunigung von Infrastrukturprojekten sprach sich Herrenknecht für mehr privat mitfinanzierte Vorhaben aus. Außerdem forderte er schnellere Genehmigungsverfahren nach dem Vorbild der LNG-Terminals, die während der Energiekrise in kurzer Zeit errichtet wurden.

Herrenknecht lobte Frankreichs Infrastruktur-Ausbau: Dort sei die Erweiterung des Pariser Metronetzes trotz der Corona-Pandemie weitgehend umgesetzt worden. Über das Projekt „Grand Paris Express“, das vier neue vollautomatische U-Bahn-Linien mit insgesamt rund 200 Kilometern Strecke und 68 Stationen umfasst, sagte er: „Wenn die Franzosen etwas wollen, dann ziehen sie es durch.“

„Wir träumen in unserer Bananenrepublik“

Frankreich setze zudem stärker auf technische Innovationen bei Ausschreibungen. In Deutschland hingegen werde häufig vor allem auf den Preis geachtet. Das könne dazu führen, dass chinesische Anbieter zum Zuge kämen: „Nur billig zahlt sich bei Infrastruktur nicht aus“, urteilte er.

Scharfe Worte fand der Unternehmer auch für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands. Mit Blick auf die internationale Konkurrenz erklärte er: „Früher waren unsere Nachbarn stolz, wenn sie sich einen Mercedes oder BMW leisten konnten. Wenn Sie heute durch Paris fahren, sehen Sie kaum noch deutsche Autos.“ Anschließend fügte er hinzu: „Wir träumen in unserer Bananenrepublik.“

Herrenknecht warb zugleich für höhere Investitionen in die Infrastruktur. „Investitionen in die Infrastruktur sind die einzige Chance, schnell aus dem Tal zu kommen“, sagte er. Die Bahn müsse dabei Vorrang haben. Auf die Frage, welche Verkehrsform er bevorzugen würde, antwortete der Unternehmer: „Ich würde klar die Bahn präferieren.“

Mit Blick auf die Entlassung von Verkehrsminister Patrick Schnieder sagte Herrenknecht: „Die Entscheidung ist richtig. Es passierte zu wenig, obwohl das Geld für Projekte da ist. Es wird in Deutschland nur geplant.“ Zwar habe Schnieder „wichtige Weichen gestellt“, bei der Umsetzung aber „nicht genug Dampf gemacht“.

Nach seiner Einschätzung habe es bei der Deutschen Bahn über viele Jahre hinweg zu wenig Fortschritte gegeben. „20 Jahre war bei der Bahn zu oft Stillstand im Vergleich zu dem, was möglich gewesen wäre“, sagte er.

Herrenknecht zählt mit seinem Unternehmen zu den Weltmarktführern der Branche. Zu den bekanntesten Projekten der Herrenknecht AG gehören der Gotthard- und der Brenner-Basistunnel.

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