In Deutschland wird seit diesem Jahr wieder mehr in Technologie investiert. Nach den Erfahrungen von Frédéric Munch, CEO der Management- und Technologie-Beratung Sopra Steria, sollen damit nicht nur Kosten gesenkt, sondern mehr und mehr auch neue Geschäftsmodelle entwickelt werden. Vor allem die künstliche Intelligenz sieht er als Treiber und Hoffnungsträger für neue Wachstumsperspektiven in den Top-500-Unternehmen.
WELT: Die 500 größten deutschen Unternehmen haben nach zwei Jahren, in denen Umsatz verloren ging, wieder ein ganz kleines Plus erzielt. Sehen Sie darin einen Hoffnungsschimmer für die deutsche Wirtschaft?
Frédéric Munch: Das ist ein positives Signal, aber ganz sicher noch nicht der Beginn eines neuen Aufschwungs. Das Ergebnis der Umfrage deckt sich mit dem Stimmungswandel, den ich in der deutschen Wirtschaft wahrnehme. Wenn ich Vorstände großer Unternehmen spreche, höre ich heraus, dass Anzeichen einer Stabilisierung gesehen werden. Die Schockstarre der vergangenen Jahre löst sich wieder. Aber dahinter steckt nur ein verhaltener Optimismus. Alle agieren noch sehr vorsichtig.
WELT: Wann werden die deutschen Top-500 wieder richtig durchstarten können?
Munch: Ich fürchte, es wird noch einige Zeit dauern, bis wir wieder die Wachstumsraten früherer Jahre erleben können. Die deutsche Wirtschaft muss erst erhebliche strukturelle Veränderungen bewältigen. Die Strukturkrise wird die Top-500 noch für fünf bis zehn Jahre prägen. Unser Wirtschaftsmodell, das seit den Nachkriegsjahren so gut funktioniert hat, muss sich wandeln. Wir müssen mit neuen Technologien arbeiten, uns in einem veränderten globalen Wettbewerb bewähren, die demografischen Probleme im Land bewältigen und die Standortbedingungen erheblich verbessern.
WELT: Dieser Wandel macht vielen Unternehmen zu schaffen. Neben einer wachsenden Zahl von Top-500-Unternehmen, die schrumpfen, gibt es aber auch wieder mehr, die wachsen.
Munch: Richtig. Meiner Ansicht nach spiegelt sich hierin der Beginn der Transformation wider, die wir in der Unternehmenslandschaft sehen werden. Es gibt eine große Anzahl von Unternehmen, die die richtigen Antworten auf die vielen Herausforderungen dieser Zeit finden. Das sind vor allem Unternehmen, die den Mut haben, in Technologie zu investieren und auf die Chancen setzen, die zum Beispiel die künstliche Intelligenz bietet. Aber es wird wohl auch einige Unternehmen geben, die den gewaltigen Herausforderungen nicht angemessen begegnen können.
WELT: Wie sehen Sie in dieser Hinsicht die Autoindustrie, von der so viel in Deutschland abhängt?
Munch: Die Autoindustrie steht inmitten einer besonders harten Transformation, die viel Geld und Umsatz kosten wird. Der Wandel vom Verbrennungsmotor zur Elektromobilität, die zunehmende Bedeutung von Software in den Fahrzeugen, das autonome Fahren und nicht zuletzt der harte Wettbewerb durch subventionierte chinesische Hersteller sind brutale Herausforderungen. Jetzt ist die große Frage, wie die drei großen deutschen Autokonzerne damit umgehen, es müssen drastische Entscheidungen getroffen werden. Die drei unterscheiden sich aber deutlich in der Struktur ihrer Anteilseigner.
WELT: Darin sehen Sie einen entscheidenden Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit?
Munch: In der aktuellen Situation kann das erheblichen Einfluss haben. Grundsätzlich sehen alle drei die Lage ähnlich und auch die Strategien unterscheiden sich nicht allzu sehr. Aber es wird spannend, wie schnell und tiefgreifend sie die Transformation letztlich durchführen werden. Ich glaube, dass es vor allem für Volkswagen mit dem Land Niedersachsen als Gesellschafter und einer mächtigen Arbeitnehmerfraktion nicht einfach wird. BMW agiert meiner Ansicht nach derzeit schneller und hat trotz der Umsatzverluste und Kostensenkungsmaßnahmen massiv in die Modellpalette investiert.
WELT: Wird es für die Automobilzulieferer ähnlich schwer?
Munch: Ja, auch die Autozulieferer stehen in einer massiven Transformation. Sie haben es im internationalen Wettbewerb genauso schwer. In anderen Ländern werden oft die inländischen Lieferanten bevorzugt. Aber technologisch ist die deutsche Autozulieferindustrie hervorragend aufgestellt. Beim autonomen Fahren – und das ist wirklich sehr komplexe Technologie – sind sie wie auch andere europäische Zulieferer ganz vorn mit dabei. Außerdem werden einige Lieferanten die Umsatzverluste in der Autoindustrie durch neue Geschäfte in anderen Branchen – zum Beispiel in der Robotik oder in der Luft- und Raumfahrtindustrie zumindest teilweise ausgleichen können.
WELT: Gibt es auf der anderen Seite Branchen, denen Sie zutrauen, deutlich stärker zu werden?
Munch: Ja, der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie traue ich sehr viel zu. Und ich glaube, dass wir auch im Software-Bereich und bei Dienstleistungen noch stärker werden.
WELT: Welche Investitionsneigung in Technologie beobachten Sie generell?
Munch: Unternehmen investieren wieder mehr in Technologie, aber immer noch sehr vorsichtig und selektiv und mit sehr konkreten Geschäftszielen. Die Produktivität ist dabei ein sehr wichtiges Investitionsziel, genauso wie Resilienz. Ich bin auch deshalb für die gesamte deutsche Wirtschaft vorsichtig optimistisch, weil ich die Entwicklung der Branche, in der wir tätig sind, die Digitalindustrie, als Frühindikator sehe. Wir hatten früher eigentlich immer zweistellige Wachstumsraten. In den Jahren 2024 und 2025 brach das ab, jetzt wachsen wir wieder.
WELT: Beschert Ihnen die künstliche Intelligenz den Aufschwung?
Munch: Natürlich ist KI ein ganz wichtiges Thema. Aber das war es in den beiden vergangenen Jahren ja auch schon. Verändert hat sich die Motivation, die hinter den Investitionen steht. Es wird wieder investiert, um neue Produkte und Dienstleistungen auf den Markt bringen zu können. Die meisten Technologie-Investitionen zielen immer noch auf Kosteneinsparungen und Effizienzverbesserungen ab. Aber auch da ist oft herauszuhören, dass damit Ressourcen für neues Wachstum geschaffen werden sollen. Meist verstehen Unternehmen, dass sie sich jetzt nicht zu Tode sparen dürfen.
WELT: Gibt es neben KI noch weitere Technologietrends?
Munch: KI dominiert eindeutig. Aber mit der KI werden Investitionen in Lösungen für das Datenmanagement und in Cloudinfrastrukturen notwendig, ohne die die künstliche Intelligenz nicht funktioniert oder sich nicht skalieren lässt. Bislang sind die Themen Cloud und Datenmanagement in Deutschland vernachlässigt worden, das wird jetzt korrigiert. Generell gehen die KI-Investitionen in die zweite Phase. Bisher ist viel ausprobiert worden. Es wurden Erfolgserlebnisse, aber auch Enttäuschungen gesammelt. Jetzt wird gezielter investiert.
WELT: Haben Sie ein Beispiel für eine KI-Investition, mit der höhere Umsätze generiert werden können?
Munch: Da gibt es natürlich unzählige Beispiele. Aber ganz einfach: Ein KI-Agent verfolgt Kundengespräche der Vertriebsmitarbeiter und blendet in Echtzeit die für den jeweiligen Kunden geeigneten Produkte ein. Ein Mensch kann schon mal übersehen, dass es weitere sinnvolle Angebote gibt.
Frédéric Munch ist seit September 2021 Vorstand der Sopra Steria SEWELT: Welche Risiken sehen Sie für die Top-500-Unternehmen?
Munch: Da ich aus der IT-Industrie komme, habe ich vor allem IT-Risiken im Blick. Cybersicherheit ist für alle Konzerne existenziell wichtig. Sehr stark denken die Konzernvorstände auch über ihre digitale Souveränität nach. Das heißt nicht, dass nur noch deutsch oder europäisch eingekauft wird. Aber es wird intensiv darüber nachgedacht, wie die Kontrolle über die verwendete Technologie gewonnen werden kann.
WELT: Aber es wird in den Vorstandsetagen sicherlich nicht nur über Technologie gesprochen. Was bewegt die Topmanager in den Konzernen derzeit darüber hinaus am meisten?
Munch: Es wird nach wie vor viel über die zahlreichen und gleichzeitig auftretenden Risiken für die deutsche Industrie diskutiert: die geopolitische Lage, die hohen Standortkosten, der Fachkräftemangel. Das ist aber nicht neu. Neu ist, dass sich auch in dieser Hinsicht die Stimmung leicht verbessert hat, weil die Bundesregierung mit ihren Investitionsprogrammen Signale gesetzt hat. Mit Karsten Wildberger gibt es einen Minister, der aus der Wirtschaft kommt, die Sprache der Konzernmanager spricht und viel im Austausch mit Unternehmen steht. In 18 Monaten seiner Amtszeit wurden bereits einige konkrete Initiativen gestartet und mit konkreten Zielen unterlegt. Ich denke, es gibt jetzt wieder ein bisschen Bereitschaft, an bessere Standortbedingungen zu glauben.
WELT: Die Unternehmen klagen aber über zu hohe Energie- und Arbeitskosten und über zu viel Bürokratie. Liegt die Zukunft der Top-500 nicht vielleicht doch im Ausland?
Munch: Natürlich wird weiterhin Industrieproduktion ins Ausland verlagert und natürlich liegt das auch an den hohen Kosten in Deutschland. Es gibt tatsächlich viel zu verbessern an den Standortbedingungen. Aber die Kosten und die Bürokratie sind nur zwei Motive von vielen für Standortverlagerungen. Dazu gehört zum Beispiel auch die Fachkräfteproblematik. Und was auch zur Wahrheit gehört: Um ihre Lieferketten abzusichern, verlagern viele Unternehmen ihre internationalen Standorte und denken ihre Beschaffungsstrategien neu. Davon profitieren teilweise auch Standorte in Deutschland, die zuvor von den Unternehmen weniger favorisiert wurden. Diese Entwicklung findet in der öffentlichen Wahrnehmung bislang jedoch kaum statt – die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und ihrer Standorte wird häufig eher klein geredet als gewürdigt.
WELT: Woran machen Sie das fest?
Munch: Das wieder stärkere Interesse von US-Investoren an Deutschland ist ein Beleg dafür, dass nicht alles so schlecht ist, wie es gern dargestellt wird. Wir haben eine industrielle Basis, eine sehr leistungsfähige Forschungslandschaft und wir haben hochqualifizierte Menschen. Deutschland ist das Land der Ingenieure, daran wird sich auch nichts ändern. Wir werden weiterhin innovative technische Produkte für den Weltmarkt entwickeln. Ich glaube nicht, dass Deutschland so stark wie mein Heimatland Frankreich von Dienstleistungen leben wird. Und noch etwas dürfen wir nicht vergessen: Wir bieten in Deutschland Rechtssicherheit. Das ist für Investoren ein ganz wichtiger Faktor.
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