Das Nervigste am Taxifahren ist meist der Fahrer mit teuren Umwegen, öden Geschichten oder Dauerklagen über Baustellen. Umso angenehmer ist die Erfahrung beim Robotaxi-Dienst Waymo in mehreren US‑Metropolen. Per App lässt sich dort fast jederzeit ein weißer Jaguar bestellen. Fast lautlos rollt das Elektroauto heran. Auf einem zylinderförmigen Aufbau auf dem Dach leuchten die Initialen des Kunden auf, beim Herantreten entriegeln die Türen.

Im Inneren sitzt der Fahrgast wahlweise auf dem Beifahrersitz oder der Rückbank. Nur der Fahrersitz ist tabu. Ein Aufkleber weist darauf hin, dass es gefährlich wäre, Steuer oder Pedale zu berühren – und unnötig ohnehin. Denn bei der Fahrt bewegen diese sich wie von Geisterhand und -fuß.

Ansonsten kann sich der Nutzer wie im eigenen Auto fühlen und Klimaanlage oder Musikstreaming nach Belieben nutzen. Das Auto navigiert zielstrebig durch den Verkehr, nutzt Lücken zum Überholen, beachtet die Vorfahrt. Am Ziel angekommen, rollt das Auto an den Fahrbahnrand – und wünscht mit sanfter Stimme einen angenehmen Tag.

München wird die erste Stadt in der Europäischen Union, in der solche Waymo-Robotertaxis unterwegs sein werden. Der Fahrdienst aus dem Google-Konzern Alphabet will ab Ende 2027 Fahrten anbieten. Zuvor beginnt eine Testphase. Das teilte das Unternehmen am Dienstag mit.

Waymo ist nicht der erste Anbieter von Robotaxis, der in Deutschland startet. Aber der Anbieter hat weltweit die meisten Fahrzeuge auf den Straßen und bereits jahrelange Erfahrung mit dem Regelbetrieb. Bislang ist Waymo in elf amerikanischen Städten mit rund 4000 Autos unterwegs. Vor allem in Los Angeles und San Francisco gehören die Autos fest zum Straßenbild. Waymo hat bereits den Start in 18 weiteren US-Städten angekündigt. Dazu sollen London und Tokio kommen. München ist damit erst die dritte Stadt außerhalb des US-Heimatmarktes.

„München zählt weltweit zu den absoluten Top-Standorten für Mobilität und Technologie. Dass wir nun Teil dieser Stadt werden, ist ein bedeutender Schritt beim Ausbau unserer weltweiten Präsenz“, erklärt Waymo-Co-Chef Tekedra Mawakana in einer Mitteilung.

Früher Rechtsrahmen, späte Realität

Deutschland war 2021 das erste Land weltweit, das einen Rechtsrahmen für autonomes Fahren im Regelbetrieb erlassen hat. Dennoch kam die Technik in den USA und China dank privater Milliarden-Investitionen schneller in Gang. In der jüngsten Finanzierungsrunde erhielt Waymo im Frühjahr 16 Milliarden Dollar (13,5 Milliarden Euro) von Investoren und wurde so mit 126 Milliarden Dollar bewertet.

„Wir müssen nun die Stärken unseres Standorts nutzen und autonome Mobilitätsangebote aus Europa heraus entwickeln. Unser Anspruch muss es sein, dass diese Technologien nicht nur in Europa genutzt, sondern auch hier entwickelt und betrieben werden“, zitiert Waymo in seiner Mitteilung den deutschen Verkehrsstaatssekretär Christian Hirte (CDU).

Bislang betreibt Volkswagen in Deutschland das ambitionierteste Projekt. Bereits seit 2019 bietet der Konzern geteilte Taxi-Fahrten mit elektrischen Kleinbussen in Hamburg an. Seit dem vergangenen Jahr sind dafür auch autonome ID.Buzz-Fahrzeuge unterwegs – allerdings bislang noch mit einem Sicherheitsfahrer an Bord. Inzwischen fährt Moia auch in Berlin und plant den Start in Los Angeles. Die Fahrtechnologie steuert dabei das israelische Unternehmen Mobileye bei. Ein Projekt mit dem Stuttgarter Bosch-Konzern für Fahrassistenzsysteme hat VW dagegen gerade wegen mäßigen Erfolgs beendet.

Dazu kommen kleinere Projekte. FreeNow hat Robotaxis in Hamburg angekündigt, sich aber bislang noch nicht zum Partner geäußert. Laut Berichten sind die Chinesen von Baidu möglicher Techniklieferant. Uber will Robotaxis in München zusammen mit dem Start-up Autobrains testen. Tesla setzt bereits einige Autos mit seiner FSD-Technik als Robotaxis mit Sicherheitsfahrer in der Eifel ein. Das Paderborner Familienunternehmen Benteler setzt auf Kleinbusse – und den Partner Mobileye.

Der Start von Waymo in München dürfte deutlich kleiner ausfallen als bei seinem Stammgeschäft in Kalifornien. Es gehe zunächst um „eine kleine Anfangsflotte“, sagte eine Waymo-Sprecherin WELT. In Städten wie Houston und Nashville, in denen Waymo noch neu ist, fahren derzeit jeweils nur rund 50 Autos.

Die Amerikaner wollen in Bayern nicht ihr neuestes Fahrzeug, einen vom chinesischen Geely-Konzern gefertigten speziellen Van, einsetzen. Stattdessen setzen sie auf einen teureren, aufgerüsteten Standard-Pkw. Dieser elektrische Jaguar I-Pace ist das Auto, das bislang am häufigsten für Waymo in Kalifornien unterwegs ist und derzeit auch die Testfahrten in London absolviert. Anders als die neueste Generation der Waymos hat das Auto ein herkömmliches Steuer und Pedale, die sich während der Fahrt automatisch bewegen.

Im Notfall kann eine Leitstelle das Auto fernsteuern

Die Autos setzen dabei auf die Kombination mehrerer Sensoren. Für Mitfahrer ist im Bildschirm ersichtlich, welche Verkehrsteilnehmer der Wagen erkennt und wo er als Nächstes hinsteuern wird. Eingreifen können die Nutzer nicht. Es ist lediglich möglich, das Auto per Knopfdruck an der nächsten sicheren Stelle anhalten zu lassen. Erkennt die KI ein Problem, kann sich eine Leitstelle zuschalten und das Auto fernsteuern. Das passiert etwa bei unerwarteten Baustellen, in denen beispielsweise auf eine Gegenfahrbahn gelenkt werden soll.

In den USA bewegen sich die Kosten für die per App buchbare Fahrt in etwa auf dem Niveau der Fahrdienste Uber und Lyft – je nach Verkehrslage und Nachfrage. In Deutschland dürfte sich der Preis damit am Taxipreis orientieren.

Die Autos fahren nur innerhalb genau umrissener Zonen, die zuvor mit Testfahrten kartografiert werden. Diese fallen kleiner aus als die Pflichtfahrgebiete, die in der Münchener Taxiordnung festgelegt sind. Konkret soll das Gebiet zum Start folgende Stadtteile umfassen: Altstadt-Lehel, Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt, Maxvorstadt, Schwabing-West, Au-Haidhausen, Sendling-Westpark, Schwanthalerhöhe, Neuhausen-Nymphenburg, Moosach, Schwabing-Freimann, Bogenhausen, Berg am Laim, Ramersdorf-Perlach, Untergiesing-Harlaching, Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln, Hadern und Laim. Damit ist ein Großteil der 25 Stadtbezirke abgedeckt.

Später dürften weitere Stadtteile hinzukommen. Denn die Sprecherin kündigte an, Waymo wolle die Flotte in München schrittweise aufstocken und auch in andere deutsche Städte gehen. Für Berlin sind bereits Stellenanzeigen des Unternehmens Transdev aufgetaucht, das für Waymo den Betrieb regelt.

In Kalifornien sind anfängliche Vorbehalte mit der Ankunft der Technik im Alltag weitgehend gewichen. Zuletzt gab es eher kleinere Probleme – etwa mit Lärm durch Warntöne an den Fahrzeug-Depots. Der Ausfall aller Ampeln in San Francisco überforderte die Leitstelle, sodass die Autos teilweise im Weg standen. Berichte über größere Unfälle gibt es bei Waymo bisher nicht.

Der massenhafte, weitgehend flüssige Einsatz – allein in Los Angeles sind 900 Waymo-Autos unterwegs – bereitet so offenbar den Weg zur Akzeptanz des autonomen Fahrens. Denn die Praxis belegt, dass kursierende Bedenken oft unbegründet sind: So bewegen sich die Autos weder übervorsichtig durch den Straßenverkehr, noch verursachen sie überdurchschnittlich viele Unfälle.

Waymo setzt zudem in der Kommunikation stark auf das Argument Sicherheit. „Die Daten aus über 350 Millionen vollautonom gefahrenen Kilometern belegen, dass wir ein deutlich höheres Sicherheitsniveau als menschliche Fahrerinnen und Fahrer erreichen: Im Vergleich zu diesen verzeichnen wir 16-mal weniger Unfälle mit Schwerverletzten, 14-mal weniger Fußgängerunfälle mit Personenschaden und sechsmal weniger Fahrradunfälle mit Personenschaden“, heißt es in der Mitteilung.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Christoph Kapalschinski berichtet als Redakteur über die Autoindustrie.

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