Jean Pierre, genannt JP, Kraemer hat sein Leben lang Motoren, Umbauten und Drehmomente erklärt – zwei Milliarden Mal wurden seine Videos auf YouTube aufgerufen. Für das Video, das seit vergangener Woche kursiert und einen gewalttätigen Übergriff auf seine Ehefrau zeigen soll, hat der Dortmunder keine Erklärung. Er nennt sein Verhalten falsch und nicht zu entschuldigen, kündigt eine Auszeit und auch eine Therapie an.
Seit einem Polizeieinsatz in seiner Dortmunder Villa am 26. Juli steht der 45-jährige Kraemer nun öffentlich in der Kritik. Denn die Behörden bestätigten eine Strafanzeige wegen des Verdachts der vorsätzlichen einfachen Körperverletzung und der Sachbeschädigung.
Erste Partner ziehen derweil Konsequenzen: Gönrgy, die Getränkemarke des YouTubers Montanablack, hat die Zusammenarbeit mit Kraemer bereits beendet, heißt es auf dem Instagram-Markenkanal. Auch Borussia Dortmund hat seine Zusammenarbeit mit JP Kraemer gekündigt. „Die gemeinsame BVB-JP-Modekollektion ist nicht mehr Bestandteil unseres Sortiments“, bestätigt der Fußball-Bundesligist der „Bild“.
Unter Druck steht zudem eine Vielzahl anderer Unternehmen. Laut Handelsregister ist JP Kraemer ein umtriebiger Geschäftsmann. Zu seinem Firmengeflecht zählen aktuellen Daten zufolge mindestens 14 Unternehmen, die ein eigenes Ökosystem bilden. Der 45-Jährige verkauft Kleidung, Felgen und Pflegeprodukte fürs Auto und betreibt nicht nur ein Automuseum, sondern auch ein Restaurant im klassischen US-Diner-Look.
Im OMR-Podcast sprach JP Kraemer vor knapp einem Jahr über die Umsatzgröße seines Firmenkonstrukts und sagte, dass eine Größenordnung von 100 Millionen Euro im Jahr ungefähr passe. Damit stellt sich eine Frage, die weit über den Fall hinausreicht: Wer ist dieser Mann eigentlich – und woraus besteht das Unternehmen, das seinen Namen trägt?
Seine Karriere begann als Automobilkaufmann
Kraemers beruflicher Einstieg beginnt klassisch im Autogeschäft. Anfang der 2000er-Jahre absolvierte er im Porsche-Zentrum Dortmund eine Ausbildung zum Automobilkaufmann, wie auch Porsche selbst schreibt. Später arbeitet er beim Dortmunder Porsche-Tuner 9ff im Vertrieb. 2007 gründet er gemeinsam mit Moderator Sidney Hoffmann das Tuning-Unternehmen Five Star Performance in Dortmund. Das Geschäft mit Felgen sei schon damals lukrativ gewesen, erzählt der 45-Jährige im OMR-Podcast.
Der große Erfolg kommt jedoch über das Fernsehen. Ab 2009 werden Kraemer und Hoffmann mit „Die PS-Profis – Mehr Power aus dem Pott“ bekannt. Die Sendung spielt in der gemeinsamen Werkstatt und verbindet Gebrauchtwagensuche, Tuning und Unterhaltung. Der TV-Sender Sport1 spricht rückblickend vom Auftakt einer „Kult-Doku“. Für Kraemers späteres Geschäftsmodell ist das Fernsehen vor allem eines: kostenlose Reichweite, finanziert von Sport1.
2012 trennen sich Kraemer und Hoffmann geschäftlich. Kraemer gründet JP Performance – und beginnt kurz darauf, eigene Videos zu produzieren. Sein Ansatz unterscheidet sich vom Fernsehen: Statt vor allem unterhalten zu wollen, erklärt er Motoren, Umbauten und technische Details ausführlich. Genau solche Passagen seien ihm beim TV häufig herausgeschnitten worden, sagt er später. Genau das soll zu seinem Erfolgsgeheimnis werden.
2017 zählt der YouTube-Kanal bereits mehr als 700.000 Abonnenten und rund 230 Millionen Aufrufe. Heute kommt er auf 2,7 Millionen Abonnenten und mehr als zwei Milliarden Aufrufe. Auf Instagram folgen ihm 1,4 Millionen Menschen. Mit der Reichweite erreicht Kraemer potenzielle Kunden direkt und kann zugleich Werbung, Sponsorings und eigene Produkte vermarkten.
Aus Zuschauern werden Kunden
Genau deshalb ist der Ursprungsbetrieb heute wirtschaftlich fast bedeutungslos. Nach Angaben von Kraemer und seinem Geschäftspartner Fabian Kubik entfielen zuletzt gerade einmal rund vier Prozent des Umsatzes auf das klassische Tuning, schreibt die „Auto Zeitung“.
Das Unternehmen selbst weist darauf hin, dass es keine Kundenfahrzeuge mehr umbaue oder warte. In der Werkstatt entstünden stattdessen vor allem Projektfahrzeuge für den eigenen YouTube‑Kanal. Denn: Der entscheidende Hebel hinter Kraemers Aufstieg ist inzwischen seine Reichweite. Und die Werkstatt ist keine Werkstatt mehr, sie ist ein Studio.
Was daraus verkauft wird, hat mit Motoren teilweise nichts mehr zu tun. Zu Beginn seien das vor allem klassische Tuningprodukte wie Felgen und Abgasanlagen gewesen, sagt er im OMR-Podcast weiter. Doch dann hätten seine Follower auch nach Kleidung gefragt. Zunächst hätte er nicht geplant, Mode zu verkaufen. Inzwischen sei dieser Bereich aber „einer der größten Zweige“ der Unternehmensgruppe.
Heute führt die eigene Website von JP Performance unter anderem JP Clothing, die Kleidermarke Loners, JP Classics, den JP Superstore, die Fahrzeugpflegemarke Dr. Glossy, K80 Wheels, Big Boost Burger und das Pace Automobil Museum als getrennte Angebote auf. Hinzu kommen unter anderem Modellautos unter der Marke Kraemo.
Umsatzzahlen zu Kraemers Firmen lassen sich im Bundesanzeiger nicht finden. Mittelgroße GmbHs dürfen ihre Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) verkürzt aufstellen: Die Umsatzerlöse verschwinden dann gemeinsam mit anderen Posten in einer Sammelgröße namens Rohergebnis. Veröffentlicht wird also genau das Dokument, in dem die entscheidende Zahl nicht mehr auftaucht. Kleine Gesellschaften müssen die GuV gar nicht erst einreichen.
Unternehmen machen einen Millionen-Umsatz
Laut Schätzungen der Datenplattform North Data lag der Umsatz der JP Holding GmbH 2024 bei rund 110 Millionen Euro. Auffällig: Der geschätzte Gewinn fällt von rund zwölf Millionen Euro 2023 auf etwa zwei Millionen Euro 2024. Zu den größeren Einzelgesellschaften zählen die JP‑Museumsgesellschaft mit rund 21 Millionen Euro, Big Boost Burger mit 7,5 Millionen Euro und Dr. Glossy mit 3,6 Millionen Euro geschätztem Umsatz. Der Umsatz von Dr. Glossy stieg demnach von 730.000 Euro 2023 auf 3,6 Millionen Euro im Jahr 2024, hat sich also knapp verfünffacht.
Das deckt sich mit Aussagen Kraemers, nach denen die Autopflegemarke wirtschaftlich besonders gut laufe. Im Podcast sagt er, deren Nachfrage habe seine Erwartungen deutlich übertroffen. Verkauft wird weitgehend über die eigenen Strukturen statt über Plattformen wie Amazon.
Seit 2022 betreibt Kraemer in Dortmund zudem das Pace-Automobilmuseum. Auch Big Boost Burger ist Teil dieser Erlebniswelt. Kraemer sprach 2025 von durchschnittlich rund 15.000 Gästen pro Woche im Burgerrestaurant und 5000 bis 6000 Museumsbesuchern pro Woche. Hochgerechnet wären das etwa 780.000 Restaurantgäste im Jahr, mehr als 2000 pro Tag.
Sein wichtigstes Produkt ist JP Kraemer selbst
So entsteht aus einer Werkstatt ein Geschäftsmodell: Autos liefern den Content, der Content schafft Reichweite, und die Reichweite verkauft Produkte – vom Hoodie über Autopflege bis zum Museumsbesuch. Nach eigenen Angaben startete Kraemer JP Performance einst mit ungefähr 15.000 Euro. Im OMR-Podcast sagt er, die Gruppe sei ohne externe Investoren aufgebaut worden.
Aus Gründersicht ist das der Idealfall: keine Verwässerung, keine Renditeerwartung von außen, keine Berichtspflicht. Aus Risikosicht ist es das Gegenteil. Wo kein Investor sitzt, sitzt auch kein Gremium, das einen Gründer ersetzen, freistellen oder überstimmen könnte. Es gibt keine zweite Instanz, an die eine Marke in der Krise weitergereicht wird.
Denn die 14 Firmen sind nicht durch ihre Produkte miteinander verbunden. Zwischen einem Hoodie, einem Felgensatz, einer Politur und einem Museumsticket besteht keinerlei betriebswirtschaftliche Verwandtschaft. Verbunden sind sie ausschließlich durch den Kanal, der sie alle bewirbt, und durch das Gesicht, das in diesem Kanal spricht. Laut „Bild“ beschäftigt das Geflecht mehr als 80 Menschen. Ihren Mitarbeitern gegenüber erklärte Kraemer, er wolle alles dafür tun, dass die Unternehmen weiter bestünden.
Damit steht erstmals in größerem Maßstab die Frage im Raum, ob das System JP Performance auch ohne die Zugkraft seines Gründers funktioniert.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Lea M. Oetjen ist Wirtschafts- und Finanzredakteurin bei WELT. Das Magazin „Wirtschaftsjournalist:in“ wählte sie 2026 in die „Top 30 bis 30“-Liste der jungen Talente. Sie ist Co-Host des WELT-Podcasts „Alles auf Aktien“.
Felix Pasternak ist Volontär bei Business Insider Deutschland und WELT, zuvor hatte er bei beiden Marken seit 2024 als Werkstudent gearbeitet. Er hat Economics an der Technischen sowie der Freien Universität Berlin und an der Universität Bergen in Norwegen studiert.
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