Jeong Seung Moon ist Ingenieur und weiß nur zu gut, dass man nicht alles bauen sollte, was man bauen kann. Was nützen die besten Funktionen, wenn sie nicht genutzt werden? Deswegen verantwortet er nicht nur die Entwicklung der neuen Hausgeräte des südkoreanischen Herstellers, er muss auch ergründen, was Verbraucher wirklich wollen. Und da gibt es Grenzen, sagt der Ingenieur.

WELT: Herr Moon, Sie leiten die Entwicklung der Samsung-Haushaltsgeräte. Kommt jedes neue Gerät zuerst in Ihre eigene Küche?

Jeong Seung Moon: Nicht jedes, dafür ist mein Haus zu klein. Geräte mit neuen Formfaktoren und neuen Funktionen teste ich aber zu Hause. Dazu zählt der Family Hub, also unser vernetzter Kühlschrank mit Display. Und die mit KI gesteuerte Kombination aus Waschmaschine und Trockner. Aber auch die Saugroboter. Das alles läuft erst einmal bei mir.

WELT: Welche Geräte hat Ihre Familie in der Vergangenheit abgelehnt?

Jeong: Bisher nichts. Meine Familie meldet allerdings viele Verbesserungsvorschläge zurück, zu einzelnen Funktionen und zur Bedienbarkeit im Alltag. Vor allem meine Frau sagt uns, wie ein Produkt auf den tatsächlichen Anwendungsfall zugeschnitten sein müsste.

WELT: Was passiert bei Ihnen automatisch?

Jeong: Der Kühlschrank öffnet die Tür, wenn man ihn antippt. Das ist praktisch, wenn jemand mit vollen Einkaufstaschen davorsteht. Und er schließt sie auch selbst. Kühlschrank und Waschmaschine lassen sich per Sprache bedienen. Und das Klimagerät regelt die Temperatur nach dem Schlafzustand.

WELT: Wie erkennt die Klimaanlage, wie gut ich schlafe?

Jeong: Wir verwenden dafür die Herzfrequenzdaten aus der Nacht, die unsere Smartwatch erfassen kann.

WELT: Ihre Vision heißt „Zero Housework“. Welche Hausarbeit ist in einer normalen Familie tatsächlich verschwunden?

Jeong: Das Umladen der Wäsche in den Trockner und das Öffnen der Kühlschranktür mit vollen Händen geht genau in diese Richtung. Wir automatisieren dabei nicht blind, sondern werten die Nutzungsmuster aus und optimieren daraufhin die Bedienung. Das Klimagerät zeigt das gut: Wer nachts friert oder schwitzt, muss nicht mehr aufstehen, um es umzustellen.

WELT: Ihr Family Hub fotografiert auch den Kühlschrankinhalt. Was bringt das?

Jeong: Kameras im Gerät erfassen den Bestand, schlagen Rezepte vor und zeigen Haltbarkeitsdaten an. Das ist ein echter Mehrwert.

WELT: Wie viel Zeit spart eine voll vernetzte Küche pro Woche?

Jeong: Das habe ich nicht ausgerechnet. Manche Aufgaben hängen an festen Zeitpunkten, nasse Wäsche muss aus der Maschine, sonst riecht sie. Der Gewinn liegt auch darin, nicht zu Hause bleiben zu müssen, um eine Aufgabe pünktlich zu erledigen.

WELT: Wann kommt die Maschine, die die Wäsche auch faltet und wegräumt?

Jeong: Das ist ein wichtiges Forschungsthema. Prototypen von solchen Faltmaschinen gibt es bereits. Aber sie sind groß, teuer und langsam. Für Konsumenten zählen Platzbedarf, Preis und Geschwindigkeit. Die Frage ist also nicht allein, ob ein Gerät die Aufgabe erledigt, sondern ob es die Erwartungen der Nutzer trifft. Bei humanoiden Robotern gilt dasselbe.

WELT: Werden wir bald mit humanoiden Robotern in der Küche leben?

Jeong: Das dauert noch. Die Anforderungen sind hoch, es geht um Platz, um den Preis und um Sicherheit. Hausarbeit ist komplex. Sicherheit wiegt dabei am schwersten.

WELT: Gibt es eine Hausarbeit, die Sie gerne machen?

Jeong: Kochen. Meine Frau kocht gut, ich koche manchmal am Wochenende. Kochen ist ein Sonderfall, weil viele Konsumenten es genießen. Deshalb betrachten wir Automatisierung hier sehr genau. Der Ofen kann Zeit und Temperatur selbst einstellen. Beim Mischen der Zutaten wollen viele Menschen selbst entscheiden.

WELT: Welche Hausarbeit bleibt 2040 beim Menschen?

Jeong: Vieles wird bis dahin automatisiert sein, manches bleibt aus persönlicher Vorliebe Handarbeit. Kinderbetreuung bleibt beim Menschen. Und ich kann mir gut vorstellen, dass das Geschirrspülen komplett automatisiert sein wird, also auch das Ein- und Ausräumen.

WELT: Welche KI-Funktion nutzen Ihre Kunden heute am häufigsten?

Jeong: Das KI-gestützte Energiesparen hat aktuell die höchste Nutzungsrate. Insgesamt steigt die Nutzung auch bei der Sprachsteuerung über unseren Sprachassistenten Bixby. Die Zahl der Hausgeräte mit Sprachinteraktionen über unseren Bixby-Assistenten hat sich innerhalb eines Jahres etwa verdoppelt.

WELT: Ist die Zeit der Drehknöpfe vorbei?

Jeong: Eine Ära endet hier nicht, die Bedürfnisse verschieben sich fortlaufend. Wer täglich ein Smartphone bedient, erwartet auch am Hausgerät die Bedienung per Touch und Sprache. Beides gewinnt an Bedeutung. Die Präferenzen bleiben trotzdem unterschiedlich.

WELT: Was machen 85‑jährige Verbraucher, die nicht mit ihrem Kühlschrank sprechen wollen?

Jeong: Produkte und Funktionen gibt es für jede Präferenz. Jeder Mensch geht anders mit Hausgeräten um, deshalb halten wir das Sortiment breit. Eine Bedienform löst die andere nie vollständig ab.

WELT: Und welche Funktion haben Sie wieder abgeschaltet, weil sie niemand benutzt hat?

Jeong: Keine. Wir führen eine KI-Funktion erst ein, wenn sie einen Mehrwert bietet und die Marktforschung und die interne Prüfung durchlaufen hat. Es gab Prototypen, die wir nicht kommerzialisiert haben. Nach der Markteinführung haben wir noch keine Funktion zurückgezogen.

WELT: Viele Menschen wollen einfach nur einen Geschirrspüler, der ordentlich spült, einen Kühlschrank, der kühlt, und eine Waschmaschine, die viele Jahre lang hält. Lösen Sie vielleicht Probleme, die Konsumenten gar nicht haben?

Jeong: Hausgeräte gibt es seit Langem, die Bedürfnisse sind bekannt und die Vorstellungen der Kunden klar. Wir forschen trotzdem an neuen Technologien, um zusätzliche Vorteile zu erreichen, größere Kapazität etwa oder geringeren Energieverbrauch.

WELT: Deutsche behalten ihren Kühlschrank 15 Jahre lang. Sie versprechen sieben Jahre Software-Updates. Was passiert im achten Jahr?

Jeong: Wir sagen nicht, dass danach Schluss ist. Die sieben Jahre beziehen sich auf Updates zur Bedienbarkeit. Wichtige Updates können wir auch nach Ablauf dieser Frist ausliefern.

WELT: Ihr Forschungszentrum in Stuttgart entwickelt seit 20 Jahren für Europa. Was kommt von dort, worauf Ihre Entwickler in Korea nicht gekommen wären?

Jeong: Es gibt Unterschiede zwischen Asien und Europa bei der Nutzung der Geräte. Unser Technologiezentrum in Stuttgart spielt eine zentrale Rolle in unserer globalen Produktentwicklung. Das Team dort arbeitet eng mit den internationalen Entwicklungszentren zusammen und sorgt dafür, dass europäische Verbraucherbedürfnisse und Marktanforderungen frühzeitig in die Produktplanung einfließen. Wir stellen so sicher, dass Innovationen nicht nur technologisch führend sind, sondern auch optimal auf die Erwartungen der Nutzer in Europa zugeschnitten werden. Diese enge Verzahnung von lokaler Marktkenntnis und globaler Entwicklung ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

WELT: Sind deutsche Küchen ein Sonderfall?

Jeong: Die Trends verschieben sich, Arbeitsplatten werden zum Beispiel höher. Energiesparen wiegt in Europa schwerer als anderswo, ebenso die Frage, wie lange Lebensmittel im Kühlschrank frisch bleiben.

WELT: Deutsche wachsen mit Miele, Bosch und Siemens auf. Viele von ihnen würden nie eine koreanische Waschmaschine kaufen. Was setzen Sie dagegen?

Jeong: Energieeffizienz, fortgeschrittene KI und Konnektivität. Dazu die Sicherheit: Wir übertragen unser Sicherheitssystem Knox aus der Smartphone-Entwicklung auf die Hausgeräte.

WELT: Sprechen wir über steigende Preise. Speicherchips und Kupfer sind massiv teurer geworden. Zahlen wir künftig mehr für die Geräte?

Jeong: Die Lage ist schwierig, die Rohstoffpreise steigen. Wir pflegen langjährige Lieferantenbeziehungen und suchen ständig nach Wegen, die Kosten intern zu senken, um die Auswirkungen auf Verbraucher so gering wie möglich zu halten.

WELT: Wird ein Samsung-Kühlschrank im nächsten Jahr teurer?

Jeong: Auf den Endpreis wirken zu viele Faktoren ein, eine definitive Antwort kann ich Ihnen leider nicht geben.

Zur Person

Jeong Seung Moon, 55, arbeitet seit 2003 für Samsung Electronics. Er durchlief Technik- und Entwicklungsposten in den Sparten Mobile eXperience und Digital Appliances sowie in der Future Strategy Group des Konzerns. Seit Dezember 2023 führt er als Executive Vice President das Forschungs- und Entwicklungsteam der Hausgerätesparte Digital Appliances. Dort verantwortet er die Plattform- und Softwareentwicklung und leitet zugleich das Customer-Experience-Team, das die Bedienung über alle Produkte hinweg neu ordnen soll. Seine Zuständigkeit reicht von der Analyse der Kundenbedürfnisse über die Produktkonzeption bis in die Entwicklung. Moon studierte Elektrotechnik an der Korea University mit Bachelor- und Masterabschluss und promovierte am Georgia Institute of Technology. Öffentlich wirbt er für Samsungs Ziel „zero housework“, nach dem Geräte Aufgaben selbstständig erledigen.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Thomas Heuzeroth ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Verbraucher- und Technologiethemen, Unterhaltungselektronik und Telekommunikation.

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