Der Krieg in der Golfregion will kein Ende finden: Der Iran attackiert US-Kriegsschiffe nach wie vor mit Raketen. Die USA antworten mit Gegenangriffen auf Tanker. Dazu droht der Iran, die Angriffe erneut auf die Emirate und weitere Golf-Staaten auszuweiten. Statt eines Friedensprozesses hat der Krieg am Golf in dieser Woche erneut an Intensität zugenommen. Dennoch entschieden mehrere deutsche Airlines jetzt, wieder in die Region zu fliegen und das Geschäft nicht länger Emirates und Co. zu überlassen.
Das abstrakt vorhandene Risiko dieser Flugrouten tragen dabei nicht nur die Fluggäste, sondern auch die Crews. Und Teile davon scheinen mit den nun wieder aufgenommenen Flugplänen an den Golf so gar nicht zufrieden zu sein. Bei der Fluggesellschaft Condor gibt es deshalb offenbar eine interne Auseinandersetzung zwischen der Personalvertretung und dem Management.
„Die Airlines der Lufthansa Group werden ihre Flugverbindungen nach Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) ab Ende Oktober 2026 schrittweise wieder aufnehmen“, informierte der größte deutsche Luftfahrtkonzern am Mittwoch. Ab dem 25. Oktober startet fünfmal die Woche wieder ein Airbus A350 von München nach Dubai. Es folgen weitere Linienverbindungen der Airline-Gruppe ab Frankfurt, Zürich und Wien sowie ab November mit Eurowings auch ab Berlin, Stuttgart und Köln. Bis Mitte Dezember will der Kranich-Konzern sein Angebot auf bis zu 35 Dubai-Flüge pro Woche hochfahren.
Lufthansa und Condor wollen den Golf-Airlines nicht mehr das Geschäft überlassen
Die Entschlossenheit zeigt, wie lukrativ der Markt offenbar wieder eingeschätzt wird. Denn nach dem Ausbruch des Iran-Kriegs und den direkten iranischen Angriffen auf den Flughafen und Hotels in Dubai im Frühjahr war dieser Markt weitgehend zusammengebrochen. Angelockt von niedrigen Preisen und Social-Media-Kampagnen scheinen die Touristen ihre Furcht schnell überwunden zu haben und reisen wieder in Scharen an den Golf. Die Tourismusbranche meldete bereits im Sommer rasch steigende Buchungszahlen. Das Geschäft machten größtenteils die Golf-Airlines, die trotz einer teilweise hochriskanten Lage sehr schnell wieder flogen und so Normalität herzustellen versuchten.
Nun scheinen die deutschen Airlines entschlossen, sich ihr Stück vom Kuchen zurückzuholen. Auch Lufthansa-Konkurrent Condor hat still und leise wieder Flüge an den Golf in sein Programm aufgenommen. Ab 25. Oktober bietet Condor ab Berlin, Frankfurt und Stuttgart Flüge nach Dubai an. Zum selben Zeitpunkt will die Airline auch Flüge nach Abu Dhabi aufnehmen. Dass Condor das neue Angebot anders als sonst üblich nicht öffentlich groß kommuniziert hat, könnte daran liegen, dass die Flüge nach Nahost auch innerhalb der Airline nicht unumstritten sind.
Nach Informationen von WELT befinden sich Mitglieder der Personalvertretung von Condor in einer internen Auseinandersetzung mit dem Management. In wiederholten Fällen sollen Crew-Mitglieder sich aufgrund von Sicherheitsbedenken geweigert haben, Flüge in die Nahost-Region durchzuführen. Bereits zwei Jahre zuvor hatte es eine teilweise auch gerichtlich geführte Auseinandersetzung zwischen Personalvertretung und Condor-Führung gegeben. Der Grund: Die Airline hatte damals beschlossen, trotz Sicherheitsbedenken auf Mitarbeiterseite wieder Beirut im Libanon anzufliegen.
Der aktuelle Streit dreht sich nun um eine – in den Augen von Personalvertretern lückenhafte – Betriebsvereinbarung, die Crewmitglieder davor schützen soll, gegen ihren Willen in Kriegs- und Krisengebiete fliegen zu müssen. „Es gibt Bedenken aus den Crews. Nicht alle fühlen sich wohl dabei, in der derzeitigen Situation an den Golf zu fliegen“, sagt Tim Beyermann von der Unabhängigen Flugbegleiter-Organisation UFO, die in der Personalvertretung von Condor mehrheitlich vertreten ist.
Dienstpläne werden zur psychischen Belastung für Crew-Mitglieder
„Aufgrund der prekären Sicherheitslage in einigen Zielgebieten wird die Veröffentlichung der Dienstpläne für einige Kolleginnen und Kollegen zunehmend zu einer psychischen Belastung“, sagt Beyermann. Zwar hätten Crew-Mitglieder laut Betriebsvereinbarung das Recht, Einsätze zu Destinationen abzulehnen, für die es eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes gibt.
In solchen Fällen sollen die Crews mit Freiwilligen aufgefüllt werden. Doch abgesehen davon, dass vor allem jüngere Kollegen sich mitunter nicht trauten, dieses Recht auch durchzusetzen, enthält die Betriebsvereinigung laut UFO-Darstellung eine Hintertür für den Arbeitgeber. Unter bestimmten Umständen und wenn sich nicht genügend Freiwillige finden, kann er seine Crews auch anweisen, trotz persönlicher Sicherheitsbedenken zu fliegen.
Condor bestätigt auf WELT-Anfrage lediglich, dass im aktuellen Winterflugplan Flüge nach Dubai sowie erstmals auch Verbindungen nach Abu Dhabi vorgesehen seien. „Wie bei allen Flugverbindungen stehen auch diese Planungen unter dem Vorbehalt der weiteren geopolitischen Entwicklung sowie einer fortlaufenden Bewertung der Sicherheitslage“, erklärt die Airline schriftlich.
„Der Einsatz unserer Crews erfolgt dabei im Rahmen der geltenden betrieblichen Prozesse und unter Einhaltung aller einschlägigen gesetzlichen und tariflichen Regelungen.“ Fragen zur Auseinandersetzung mit der Personalvertretung und der kritisierten Betriebsvereinbarung ließ Condor unbeantwortet.
Bei der Lufthansa-Gruppe scheint es eine vergleichbare Diskussion um die nun wieder aufgenommenen Dubai-Flüge nicht zu geben. „Die Lufthansa hat eine extrem gute Konzernsicherheit und ich fühle mich da auch persönlich gut aufgehoben“, sagt Kai Uwe Fuelle-Netzer, Vorstand von UFO, der noch in dieser Woche als leitender Flugbegleiter (Purser) an Bord einer Lufthansa-Maschine nach Tel Aviv geflogen ist. Er berichtet, dass es für die Flüge nach Israel und bald wieder nach Dubai viele Freiwillige gebe. „Wenn Kollegen der Meinung sind, das nicht zu können, haben sie die Möglichkeit, den Flug abzulehnen“, sagt er.
Deutlich prekärer als bei Lufthansa und Condor ist laut UFO-Einschätzung die Situation bei den Golf-Airlines. „Arbeitnehmerrechte sind dort kaum vorhanden. Jedes vermeintliche Fehlverhalten eines Mitarbeiters landet dort in der Personalakte und hat Folgen“, sagt Fuelle-Netzer unter Verweis auf Berichte von Berufskollegen vom Golf.
Pilotenvereinigung nennt Sicherheitsbewertung der Airlines fundiert
„Zivile Flugzeuge haben in Krisengebieten nichts zu suchen. Unabhängig davon, wie man die gegenwärtige Lage in Dubai bewertet, kann sich die Situation sehr kurzfristig verändern“, erklärt auf Anfrage die Pilotenvereinigung Cockpit (VC). Sobald Angriffe erneut aufflammten, womit aktuell jederzeit gerechnet werden müsse, könne die Region wieder zu einem akuten Krisengebiet werden.
Laut VC-Position könne es aktuell zwar vertretbar sein, Flüge nach Dubai wieder aufzunehmen oder entsprechende Verbindungen für den Winter zu planen. Voraussetzung sei jedoch, dass die Lage konsequent beobachtet und bei unklaren oder negativen Entwicklungen unverzüglich reagiert werde. Dazu gehöre, eine Strecke gegebenenfalls kurzfristig wieder einzustellen. Ebenso müssten belastbare Pläne dafür vorliegen, wie sich vor Ort befindende oder in Hotels gestrandete Crews im Ernstfall zügig und sicher aus der Region herausbringen ließen. Nach Aussage der Pilotenvereinigung führten sowohl Lufthansa als auch Condor „fundierte, aktuelle und fortlaufende Risikobewertungen“ durch.
Die europäische Luftfahrtbehörde EASA stellt in ihrem zunächst bis Ende September gültigen Sicherheits-Bulletin zur Lage am Golf inklusive der Emirate fest: „Unvorhersehbare militärische Entwicklungen in Verbindung mit dem möglichen Einsatz von Raketen, Drohnen, Kampfflugzeugen und Luftverteidigungssystemen stellen ein hohes Risiko für zivile Flüge in allen Höhen und Flugebenen über den Gewässern innerhalb des betreffenden Luftraums dar.“ Ankünfte und Abflüge in der Region könnten aber unter Einhaltung ausreichender Risikominderungsmaßnahmen durchgeführt werden, „sofern sie auf einer aktuellen Risikobewertung und einer kontinuierlichen Risikoüberwachung beruhen.“
Das Auswärtige Amt rät von nicht notwendigen Reisen in die Arabischen Emirate derzeit ab, was keine Warnung darstellt. Airlines können und dürfen also mit offiziellem Segen dorthin fliegen.
Dieser Artikel wurde für WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Steffen Fründt ist Wirtschaftskorrespondent der WELT-Gruppe und berichtet über Luftfahrtbranche, Tourismus sowie Fahrrad- und Sportindustrie. Privat fährt er ein knapp 20 Jahre altes Titan-Rennrad.
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