Die Krise im deutschen Maschinenbau spitzt sich weiter zu. Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr muss der Branchenverband VDMA seine Prognose senken. Erst Ende Juni war die Vorhersage von einem leichten Ein-Prozent-Plus auf Null gesetzt worden. Nun rechnet der VDMA mit einem realen Produktionsminus von zwei Prozent. Damit schrumpft die für Deutschlands Wirtschaft so wichtige Industriebranche schon im vierten Jahr hintereinander.

Die neuerliche Korrektur begründet VDMA-Chefvolkswirt Johannes Gernandt mit der anhaltend schwachen Produktion. Um gut vier Prozent liegt die Branche derzeit unter dem Vorjahresniveau. „Die technischen Kapazitäten sind deutlich unterausgelastet“, sagt der Experte.

„Für Investitionen sind die Kosten am Standort zu hoch“

Und weil das schon länger der Fall ist, hat das Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: 21.500 Stellen haben die Unternehmen im ersten Halbjahr abgebaut. Damit sind knapp drei Prozent der Arbeitsplätze im heimischen Maschinen- und Anlagenbau weggefallen. „Wir spüren die wirtschaftliche Schwäche des Standorts jetzt auch deutlich am Arbeitsmarkt unserer Branche“, sagt Fabian Seus, der Arbeitsmarkt-Experte des VDMA.

Zwar droht angesichts der Altersstruktur der Beschäftigten perspektivisch Fachkräftemangel. Immerhin ist gut ein Viertel der Belegschaften 55 Jahre oder älter, wie Branchenstatistiken zeigen. Nach mittlerweile vier Jahren Durststrecke können sich viele Betriebe das Festhalten an wichtigen, aber eben auch unterbeschäftigten Fachkräften ebenso wenig leisten wie die Nachbesetzung von Stellen, die durch Renteneintritt frei werden. „Unternehmen stellen wieder ein, wenn sie investieren. Für Investitionen sind die Kosten am Standort jedoch einfach zu hoch“, sagt Seus.

Und auch das eigene Geschäft muss erst wieder brummen. Wobei es mittlerweile positive Signale im Auftragseingang gibt. Von Januar bis Juli legten die Order um real fünf Prozent zu, meldet der VDMA – durch Impulse allein aus dem Ausland, allen voran aus Nicht-Euro-Ländern. Und auch die Geschäftserwartungen haben sich nach Verbandsangaben aufgehellt.

Noch aber reichen die Fortschritte nicht aus für eine Trendwende. „Der verbesserte Auftragseingang sollte in der zweiten Jahreshälfte auch in der Produktion ankommen, wird aber nicht ausreichen, um die schwache erste Jahreshälfte auszugleichen“, sagt Verbands-Volkswirt Gernandt. Noch dazu seien die Impulse nicht in der kompletten Breite des Maschinen- und Anlagenbaus angekommen.

Das soll dann aber 2027 passieren. Der VDMA jedenfalls gibt sich zuversichtlich, dass die Produktion dann wieder ins Plus dreht, vergleichsweise deutlich sogar, angesichts der allerdings auch niedrigen Basis. Vorhergesagt wird ein reales Produktionsplus in Höhe von drei Prozent. Trotz weiterhin bestehender Herausforderungen sollen eine robustere Weltwirtschaft, steigende Ausrüstungsinvestitionen und fiskalische Impulse in Deutschland die Produktion stützen, sagen die VDMA‑Volkswirte.

Risiken indes bleiben, so die Experten: „Hohe geopolitische Unsicherheit, das erhöhte Zinsniveau und die anhaltend schwache Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland können die Trendwende gefährden.“ Wie stabil der vorhergesagte und auch herbeigesehnte Aufschwung dann ist, steht also infrage. „Ein nachhaltiger Aufschwung wird daraus nur, wenn bessere Investitionsbedingungen privates Kapital mobilisieren und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland wieder gestärkt wird“, betont Gernandt.

Ohnehin mahnt der VDMA schnelle und tiefgreifende Reformen an, etwa beim Steuersystem, bei den Sozialversicherungen und bei bürokratischen Vorgaben. „Viele Unternehmen haben kein Verständnis mehr für das Zögern der Bundesregierung, wenn doch alle wissen, was zu tun ist“, sagt VDMA-Arbeitsmarkt-Experte Seus. „Bis zum Ende des Jahres müssen zentrale Reformen stehen, auch gegen Widerstände.“

Aktuelle Diskussionen um die Rentenreform werfen auch grundsätzliche Fragen zur Reformfähigkeit des Standorts auf, so Seus. „Das schwächt das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Politik und belastet Investitionsentscheidungen zusätzlich. Dem muss die Bundesregierung endlich etwas entgegensetzen.“

Dieser Artikel wurde für WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie Mittelstandsunternehmen.

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