Am Eingang stehen immer Sandalen. Klassische japanische Hausschuhe aus rotem Leder. Parallel zu diesen Surippa liegt ein Zettel. In großen Buchstaben steht darauf der Name des Besuchers, von oben nach unten geschrieben.

„Bitte tauschen Sie Ihre Schuhe gegen die Pantoffeln“, sagt Chikako Harbour, die an diesem Tag die Gäste empfängt. „Auf Ihrem Zimmer hängt ein Yukata, den Sie hier im Haus überall tragen können.“ Im Hintergrund wartet eine Angestellte, die die Straßenschuhe danach in eine Kammer bringt. Sie trägt einen hellen Kimono mit breitem Gürtel. Immer wieder verneigt sie sich lächelnd.

Anschließend bekommt jeder Besucher seine Nakai vorgestellt – die persönliche Gästebetreuerin. Sie hält das Zimmer in Ordnung, serviert das traditionelle Kaiseki-Essen mit seinen neun Gängen, rollt die Futon-Schlafmatte aus und wieder ein, schüttelt das dicke Federbett auf. So will es die Tradition. Und die reicht hier zurück bis ins Jahr 705.

Japan-Hotel ist das älteste Unternehmen der Welt

Der Nishiyama Keiunkan Onsen ist laut Guinness-Buch der Rekorde das älteste Hotel und damit auch das älteste Unternehmen der Welt. Ein Ryokan – also ein Gasthof – mit Heilquellen, 52 Grad Celsius heiß. 1321 Jahre alt.

Traditionen gelten in den Bergen der Provinz Yamanashi, fast vier Stunden Fahrtzeit von Tokio entfernt, nicht nur fürs Personal. Harbour, die im Norden Japans geboren ist, erklärt das Prozedere auf Englisch. Sie ist die rechte Hand von Keiunkan-Präsident Kenjiro Kawano.

1321 Jahre: Als Dschinghis Khan 1206 das mongolische Reich schuf, war das Keiunkan 501 Jahre alt. Zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs durch Bismarck 1871 beherbergte der Gasthof seit 1166 Jahren Gäste. Die 69 Jahre zwischen Entstehung der Sowjetunion 1922 und ihrem Ende 1991 muten im Vergleich zum Ryokan, dem Gasthaus, an wie das Leben einer Eintagsfliege.

Unternehmen sterben in der Regel jung. Die Halbwertszeit börsennotierter Gesellschaften liegt bei etwa zehn Jahren, zeigt eine Langzeitstudie von Forschern des Santa-Fe-Instituts. Weltweit gab es laut einer Analyse der Unternehmensdatenbank Orbis 2022 noch 63 Firmen, die mindestens 500 Jahre alt sind. Und nur neun Unternehmen, die die 1000 Jahre überschritten haben.

Die Alten, sagt Organisationsforscher Hansjoachim Gergs, verbinde ein Geheimnis: „Unternehmen, die eine lange Zeit überlebt haben, gelingt in der Regel eine sehr gute Balance zwischen Stabilität und Wandel.“ Sie wissen, was sie sind, was sie ausmacht. Den Rest ändern sie. Immer wieder.

Tradition, Identität, Wandel. Überleben. Davon kann Kenjiro Kawano unendlich erzählen. „Seit 42 Jahren arbeite ich hier“, sagt er. „Ich habe alles erlebt, was man im Ryokan-Geschäft erleben kann.“ Kawano ist der 53. Präsident der Firma. Seine 52 Vorgänger seit dem 2. Jahr der kurzen Keiun-Ära entstammten den Gründerfamilien der Brüder Shirō Nagamaro und Rokurō Toshimaro.

Kenjiro Kawano, der 53. Präsident des Keiunkan, der erste, der nicht aus den Gründerfamilien stammt

Kawano, ein nach europäischen Maßstäben kleiner Mann im dunklen Anzug, ist der erste Familienfremde, der hier Chef ist. Fast, so erzählt er, wäre er noch von einer der Eigentümerfamilien adoptiert worden.

Dort, wo heute das Ryokan steht, war anfangs kein Hotel. Die Gründer entdecken das heiße Quellwasser bei der Jagd, erzählt die Hotelgeschichte. Sie machen ein Kurbad daraus. „Die Gäste blieben früher oft monatelang, versorgten sich aber selbst“, sagt Kawano. „Sie kauften Lebensmittel bei den Einheimischen, kochten selbst.“

Dann guckt er aus dem großen Fenster und zeigt auf den Fluss in seinem Rücken. „Immer wieder“, so sagt er, „haben der Hayakawa und der Yukawa, die hier zusammenfließen, die Häuser weggerissen.“ Der Onsen schmiegt sich ins Tal. Links und rechts ziehen sich Berge in die Höhe. Bei Hochwasser schießt der Fluss über die Ufer. Kawanos Vorgänger Fukasawa Yūji beginnt deshalb 1983 mit dem Bau eines neuen Hauses – aus Stahlbeton, von außen und innen aber wirkt es noch immer wie ein japanischer Holzbau.

Die japanische Kaiserin kommt über die Berge

Wer sich in der Gegend umsieht, begreift die Mühen, die die Menschen auf sich nahmen, um im Onsen mit seinen Quellen zu baden. Im Jahr 758 kommt angeblich Kaiserin Kōken ins Tal, das in den südlichen Alpen Japans liegt. Lastenträger schleppen ihr Gepäck aus der Hauptstadt Nara über die Berggipfel. Sie selbst wird ebenfalls von Trägern, sogenannten Goriki, transportiert.

Die Monarchin leidet an einer schweren Krankheit. In einem Traum erhält sie, der Überlieferung nach, die Botschaft, zu den Quellen zu gehen. Acht Jahre bleibt sie. Noch 1889, als der Ethnologe Kyōko Yamanaka die Gegend besucht, schichten sich die Holzhäuser den Berghang hoch. Eine Straße gibt es damals nicht.

Im Laufe der Jahrhunderte entstehen Tausende dieser Gasthöfe – und verschwinden wieder. „Solche Ryokans wie dieses gibt es in Japan wohl nur noch etwa ein Prozent“, schätzt Kawano. Diese Mischung aus Tradition und Moderne.

Im Keiunkan gibt es abends traditionelles Kaiseki-Essen. Eine Mahlzeit dauert fast zwei Stunden

Zum Essen werden die Gäste in ihren privaten Speiseraum gebeten. Vor dem Fenster zieht der Hayakawa vorbei. Die Nakai serviert die Gerichte in der festgelegten Reihenfolge.

Der Gast sitzt im Yukata vor seinem Tisch, den Gürtel breit gebunden, am Fuß die Surippa. Zu Beginn des Essens sieht man den Fluss vor dem Fenster. Am Ende erkennt man die Bäume nur noch schemenhaft in der Dunkelheit. Tradition verträgt sich nicht mit Hektik.

Millionen für neue Bäder

Gerade hat Kawano Millionen investiert, um das Luxusniveau des Hauses noch ein Quäntchen zu heben. Die beiden Freiluftbäder wurden neu gemacht. Man schaut in die Berge. Die Sonne glitzert im Wasser. Es gibt Holzschemel vor hüfthohen Duschen.

Wer ins Bad will, zieht sich nackt aus, hockt sich auf einen Schemel und wäscht sich. Den Oberkörper, das Gesicht, Füße und Zehen. Darüber können schon mal fünf Minuten vergehen.

2005, zum 1300-Jahr-Jubiläum, nimmt Kawano 100 Millionen Yen in die Hand und lässt zwei neue Quellen erschließen. Seitdem kommt selbst das Leitungswasser aus der Quelle. Am leicht schwefeligen Geruch erkennt man es.

Organisationsforscher Gergs beobachtet Unternehmen dabei, wie sie sich häuten. Der frühere Audi-Berater und Professor leitet in Nürnberg „The School of Change“. Hier sollen Manager lernen, wie man Betriebe umbaut, ohne sie dabei umzubringen.

Über Firmen, die viele Krisen überlebt haben, sagt Gergs: „Sie entwickeln die Fähigkeit, sich immer wieder anzupassen und sich zu hinterfragen.“ Trotz allem gehe die Identität des Unternehmens nie verloren.

Kawanos Vorgänger Yūji Fukasawa hat das intuitiv verstanden. 1975, das Ryokan hatte 60.000 Gäste im Jahr, die Margen waren gut, trifft er eine Entscheidung. „In einer Zeit, als es kaum Ärzte gab, kamen die Menschen zu uns, um sich zu kurieren“, erzählt sein Nachfolger Kawano heute. Sie brauchten damals kein Hotel, sondern eine Quelle und ein Dach.

Aber Japans Gesellschaft verändert sich in den 1970er-Jahren. Flächendeckende Gesundheitsversorgung entsteht. Wer krank ist, geht zum Arzt, nicht mehr ins Kurbad. Die Menschen aus dem Großraum Tokio möchten immer öfter Hotels mit Einzelzimmern. Dafür aber bleiben sie nur noch wenige Tage.

Fukasawa erkennt die Folgen für sein Geschäft. Er baut sofort um. Noch im Juli 1975 eröffnet er den neuen Westflügel. 15 Zimmer für 120 Millionen Yen. Für Touristen, nicht mehr für Kurgäste.

Sieben Jahre später fegt ein Taifun durchs Tal, der alles zerfetzt. „Leute sagten, das sei das Ende des Keiunkan“, erinnert sich Kawano. Wieder werden 500 Millionen Yen investiert, umgerechnet mehr als zwei Millionen Euro, um das Haus zu retten.

Die Japan-Bubble platzt

Einfach war es wohl nie: Anfang 1990 platzt die Japan-Bubble. Unternehmen schicken keine Mitarbeiter mehr zur Erholung in die Ryokans. Irgendwann wird klar, dass das Übergangsmodell aus Luxus-Ryokan auf der einen und Selbstverpflegung auf der anderen Seite finanziell nicht zu halten ist.

Der Präsident lässt daraufhin 1997 den alten Holzbau abreißen. 1,3 Milliarden Yen steckt er ins neue Gebäude. Schluss mit Selbstversorgung. Fukasawa, so erinnert sich sein Nachfolger heute, hatte ein Ziel: Keiunkan sollte das beste Ryokan des Landes werden. Als Kind noch hatte er sich dafür geschämt, Schulfreunde aus der Stadt mit in die Holzhäuser am Fluss zu bringen.

Jahrelang hat Christian Stadler von der Universität Innsbruck das Geheimnis mehr als hundert Jahre alter Firmen studiert. „Langlebige Unternehmen machen selten radikale Veränderungen“, schreiben die Forscher 2011 in der Auswertung. „Und wenn, dann planen sie sie sorgfältig und setzen sie langsam um.“

Immer wieder erfindet sich das Keiunkan neu, gerade wurden die Außenbäder umgebaut

Der Zeithorizont sei bei japanischen Unternehmen ein anderer als bei uns, sagt Professor Gergs. „Und sie haben so eine Idee von Community, von Einbindung, von Stabilität.“

Ist diese halbe Ewigkeit manchmal eine Last? Kenjiro Kawano – der erste, der nicht aus den Gründerfamilien stammt – hat eine Antwort. Immer habe man ihm gesagt: Mach weiter. „Also mache ich irgendwie weiter.“

Langlebige Unternehmen, heißt es in einer Shell-Studie von 1997, bewahrten sich die finanziellen Mittel, um schlechte Zeiten durchzustehen. Er hat das Geld in guten Zeiten nicht in Nebengeschäfte gesteckt, sondern für schlechte Zeiten aufgespart, sagt Kawano. So, wie sein Vorgänger es ihm mitgegeben hat. Denn wer sein Geld in andere Geschäfte stecke, sei auch mit dem Kopf woanders.

Kawano erzählt, er habe den Betrieb nicht eingestellt. Nicht nach Covid, nicht nach der schweren Überschwemmung danach, als er mit dem Wiederaufbau beschäftigt war.

„Ich habe ihn mit der nächsten Generation verbunden.“ Das sei seine wichtigste Aufgabe. „Solange ich hier bin, macht dieser Ort nicht zu.“ Er lächelt.

Dieser Artikel wurde für WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Jan Dams ist Chefreporter WELT AM SONNTAG.

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