An der Straße von Hormus werden Handelsschiffe blockiert, beschossen und durch Seeminen bedroht. Im Roten Meer beschießt die mit Iran verbündete, jemenitische Huthi-Armee zivile Schiffe. Im Schwarzen Meer wiederum attackiert Russland in seinem Krieg gegen die Ukraine immer wieder Frachter.

„Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die gleichzeitige Eskalation auf mehreren zentralen Seewegen die regelbasierte Ordnung auf See insgesamt gefährdet. Angriffe auf zivile Schiffe und die Blockade freier Durchfahrten dürfen nicht zur Normalität werden“, sagte am Donnerstag Martin Kröger, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Reeder (VDR) in Hamburg. „Die Staatengemeinschaft muss dieser Entwicklung gemeinsam entgegenwirken – mit Diplomatie, internationaler Zusammenarbeit und wirksamem Schutz für Handelsschiffe und ihre Besatzungen.“

Die Besatzungen der Handelsschiffe sind dem direkten Beschuss kriegführender Parteien ausgesetzt – am Persischen Golf vor allem den Waffen der iranischen Armee und der Revolutionsgarden. Die Huthi wiederum enterten Ende 2023 einen Autotransporter im Roten Meer und verschleppten die 25 Männer der Besatzung nach Jemen. Im Persischen Golf saßen nach dem Beginn des Krieges der USA und Israels gegen den Iran bis zu 20.000 Seeleute auf Hunderten Handelsschiffen teils monatelang fest. Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation IMO verzeichnet für die Region seit Beginn des Krieges 113 bestätigte Angriffe auf zivile Schiffe und 24 getötete Seeleute.

Anhaltende militärische Spannungen registriert die internationale Schifffahrt auch zwischen China und Taiwan. China beansprucht den Inselstaat als Teil seines eigenen Territoriums und provoziert Taiwan immer wieder militärisch. In der Ostsee wiederum „erschweren Störungen und Manipulationen von Satellitennavigationssignalen wie GPS die sichere Navigation“, so der VDR. Ursache dafür ist mutmaßlich die hybride Kriegsführung Russlands gegen Europa und die Nato.

Der Reederverband beziffert einige zentrale Folgen für die Versorgung der Weltmärkte: „Russland und die Ukraine stehen für rund 27 Prozent der weltweiten Weizenexporte. Mitten in der wichtigen Verschiffungszeit nach der Ernte wurden über die Schwarzmeerroute im September rund 78 Prozent weniger Weizen verladen als ein Jahr zuvor: nur 1,6 statt 7,3 Millionen Tonnen“, heißt es in der Mitteilung vom Donnerstag.

Der Krieg gegen den Iran wiederum erschwert massiv die Versorgung der Staatengemeinschaft mit Erdöl und Erdgas. Rund um den Persischen Golf liegen die wichtigsten Reserven dieser fossilen Energieträger. „Durch die Straße von Hormus wurden 2025 täglich rund 20 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte transportiert. Anfang Oktober lagen die Rohöltransporte rund 26 Prozent unter dem Vorkriegsniveau“, schreibt der VDR. „Auch der Flüssiggastransport bleibt stark eingeschränkt. Vor dem Krieg passierten fast 20 Prozent des weltweiten LNG-Handels diese Meerenge.“

VDR-Hauptgeschäftsführer Kröger sagt: „Die Folgen treffen unsere auf Rohstoffimporte angewiesene Wirtschaft ebenso wie uns Verbraucher beim Heizen, im Supermarkt oder an der Tankstelle. Sichere Seewege sind Grundlage unseres Wohlstandes und einer bezahlbaren Versorgung.“ Der VDR vertritt die Interessen von rund 300 deutschen Reedereien mit insgesamt 1716 Handelsschiffen. Die deutsche Handelsflotte ist die siebtgrößte weltweit. Bei der Containerschifffahrt steht die von deutschen Reedereien kontrollierte Flotte mit einem Marktanteil von 7,6 Prozent international auf Rang zwei.

Der VDR appelliert an Deutschland, die Europäische Union und deren Partnerstaaten, „die diplomatischen Bemühungen zur Beendigung der Angriffe zu verstärken, freie Durchfahrten zu sichern und Schutzmaßnahmen zu koordinieren. Dazu gehören auch ausreichend ausgestattete Marinen und Schutzmissionen wie die europäische Operation ,Aspides’.“

Der Reederverband begrüßt die am 12. Oktober vorgestellte internationale Initiative zum Schutz der freien Schifffahrt, „die von allen EU-Mitgliedstaaten und 34 weiteren Staaten unterstützt wird. Sie richtet sich insbesondere gegen unrechtmäßige Gebühren, Durchfahrtsbeschränkungen und andere Eingriffe in die Freiheit der Schifffahrt“, heißt es in der Erklärung vom Donnerstag. „Auch der aktuelle EU-Gipfel befasst sich mit der Sicherheit der Seewege. Entscheidend ist, dass den gemeinsamen politischen Erklärungen konkrete Maßnahmen zum Schutz der Handelsschiffe und ihrer Besatzungen folgen.“

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Häfen und Werften.

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