Der KI-Preis wird immer internationaler: Zwei von drei Präsentationen in der Kategorie Start-up wurden auf Englisch gehalten. Ein Ausdruck der wachsenden Bedeutung deutscher KI-Gründungen in der Welt? Jedenfalls wächst die Zahl der Start-up-Bewerbungen zum KI-Preis laut Jury jedes Jahr in Qualität wie auch in Quantität. Wie Juror Chris Boos zum Auftakt sagte: „Wir haben wahnsinnig starke Start-ups in Deutschland.“
Die Verleihung in dieser Kategorie ist traditionell ein interaktives Spektakel: Aus den Bewerbungen wählt die KI-Preis-Jury eine Shortlist mit drei jungen Unternehmen. Die dürfen sich dann in einem nur zweiminütigen Vortrag – einem „Elevator Pitch“ – live in Berlin bewerben. Anschließend wird online abgestimmt.
Die KI kreiert Kuchenrezepte
Das Rennen machte Dunia Innovations aus Berlin mit einem faszinierenden Geschäftsmodell: der Erschaffung neuer Materialien. War das bisher mühsame Tüftelei, mitunter purer Zufall, will Dunia mithilfe von KI systematisch Molekülverbindungen für die Industrie kreieren.
Co-Gründer Alexander Hammer: „Es ist wie Kuchenbacken – warum schmeckt Omas Kuchen besser? Bisher wussten wir das nicht, heute können wir es herausfinden.“ Dunia analysiert, entwirft ein Rezept und backt den Kuchen. Nicht nur im virtuellen Raum: „Wir ,backen‘ in Realität in unseren autonomen Laboren“, erklärt der Chemiker. Erste Kunden sind Hersteller von Katalysatoren, Batterien und Halbleitern.
Zweiter Platz für Opus: Benedict Hofmann präsentierte das Start-up aus Berlin. Es optimiert mit KI im Vertrieb von Unternehmen Störungen beim LieferungsprozessDas Verfahren suggeriert eine gewisse Parallelität zu Large Language Models à la ChatGPT. Aber Dunia arrangiert nicht Buchstaben und Worte, sondern Atome und Moleküle neu. Um seine KI zu trainieren, frisst das Start-up also keine Bücher, sondern Substanzen. „Die KI kommt mit einer These daher.“ Im Labor werde das Rezept anschließend variiert und so lange wiederholt, bis die perfekte Zusammensetzung gefunden ist.
Dieser Prozess lässt sich mehrmals täglich wiederholen. Das Ziel: eine Datenbank für industrielle Werkstoffe erschaffen. Dann gibt es Kuchenrezepte auf Bestellung. Ein gewaltiges Arbeitsfeld. In Hammers Worten: „Das Tolle an der Chemie: Es gibt mehr potenzielle Werkstoffe als Atome im Universum.“ Dafür hat das Start-up im Frühjahr sein „GigaLab“ angekündigt: Auf 6000 Quadratmetern Fläche entsteht ein Labor, in dem robotergesteuert ab 2028 in großem Stil experimentiert, analysiert und kreiert wird.
Traum vom perfekten Supraleiter
Woher kommt die Idee? Hammer erlebte als Chemiker seinen KI-Moment, ähnlich wie ein Schachspieler die Niederlage gegen den Computer: „Vor zehn Jahren kamen die ersten KI-Modelle, noch sehr schmalspurig – aber besser als ich.“ Da sei er „auf den Zug aufgesprungen“. Und gründete mit Kollegen die GmbH, die heute bereits 30 Mitarbeiter hat.
Dritter Platz: Stephen Batifol von Black Forest Labs, das seit Ende 2025 als europäisches „Einhorn“ gilt. Es beschäftigt sich mit generativer Bilder-KIMuss Coca-Cola sich um sein streng gehütetes Rezept sorgen? Hammer lacht. Patentverletzung sei Dunia bisher nicht vorgeworfen worden, das habe man auch nicht vor. „Man könnte natürlich ein Getränk konzipieren, das noch leckerer schmeckt.“ Er persönlich träumt dagegen von etwas anderem. Etwa vom perfekten Supraleiter, der elektrischen Strom über Tausende Kilometer verlustfrei vom Erzeuger zum Verbraucher transportiert. Das Kuchenrezept dafür sei indes noch Zukunftsmusik. Näher dran ist ein CO2‑Umwandler, der die Fotosynthese der Pflanzen auf industriellem Niveau nachahmt – und so das Klima schützt. „Das geht, aber wir haben noch keinen ökonomischen Weg.“
Europäisches „Einhorn“ aus Freiburg
Genau diesen Weg optimiert der Zweitplatzierte Opus, ebenfalls aus Berlin. „Lange Zeit hieß ,Made in Germany‘, Versprechen zu halten. Auch auf pünktliche Lieferung. Doch die wird heute immer häufiger gestört“, so CEO Benedict Hofmann. Um schneller auf Probleme reagieren zu können, setzt Opus KI-Agenten ein, die im Vertrieb von inzwischen 20 Industrieunternehmen die Prozesse unterstützen. Mit acht Mitarbeitern ist man gestartet, heute sind es doppelt so viele.
Black Forest Labs (BFL), auf dem dritten Platz, wuchs in der gleichen Zeit um Potenzen: Das Freiburger Start-up gilt bereits als europäisches Einhorn in der KI‑Industrie. Ende 2025 wurde es in einer Post-Money-Bewertung auf mehr als drei Milliarden US-Dollar geschätzt. BFL beschäftigt sich – wie der prominente US‑Player Midjourney – mit generativer Bilder-KI. „Sie kamen nicht aus dem Nichts“, wie Chris Boos sie vorstellte. Aber auf jeden Fall wahnsinnig stark.
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