Der TÜV-Verband hat die überarbeiteten Reformpläne der Bundesregierung für den Führerscheinerwerb als unausgewogen kritisiert. Während Maßnahmen wie die Digitalisierung der Fahrausbildung mit Online-Theoriekursen und Fahrsimulatoren längst überfällig sind, lehnt der TÜV-Verband pauschale Kürzungen des Fragenkatalogs und der Prüfungszeiten ab. "Es ist der falsche Weg, die Anforderungen an den Führerscheinerwerb zu senken", sagt Richard Goebelt, Fachbereichsleiter Fahrzeug & Mobilität beim TÜV-Verband. "Eine ‚Fahrprüfung light‘ darf es nicht geben. Dann machen wir Erfolge bei der Verkehrssicherheit der letzten Jahrzehnte zunichte."

"Hochrisiko-Klientel" mit größten Verbesserungen

Im Jahr 2024 verursachten 18- bis 20-jährige Fahrer laut Statistischem Bundesamt 13.862 Verkehrsunfälle, ein Rückgang von 45 Prozent im Vergleich zu 2010. Die Zahl der im Straßenverkehr getöteten 18- bis 25-Jährigen ist seit 2005 um 70 Prozent auf 319 im Jahr 2024 gesunken. Damit habe sich die altersmäßige "Hochrisiko-Klientel" deutlich besser entwickelt. Über alle Altersgruppen hinweg lag der Rückgang nämlich nur bei 48 Prozent. Im gleichen Zeitraum wurden die Theorie- und Praxisprüfungen digitalisiert und auf wissenschaftlicher Basis modernisiert. Goebelt: "In einem immer komplexer werdenden Verkehrssystem brauchen wir Fahrschüler, die sehr gut vorbereitet sind."

Prüfungsniveau nicht absenken!

Die Bundesregierung plant unter anderem, den Fragenkatalog für die Theorieprüfung um 28 Prozent auf 840 Fragen zu reduzieren und die Gesamtprüfungszeit bei der praktischen Prüfung um 27 Prozent auf 40 Minuten zu verringern. Die Zahl der verpflichtenden Sonderfahrten (Überland, Autobahn, Dunkelheit) wird um zwei Drittel von zwölf auf drei reduziert. "Das bisher erreichte Sicherheitsniveau bei der Fahrausbildung kann mit diesen Maßnahmen nicht gehalten werden", betonte Goebelt. Was den Fragenkatalog angeht, liege Deutschland im europäischen Vergleich mit rund 1.100 Fragen auf oder sogar unter dem Niveau von Ländern wie Frankreich, Österreich, den Niederlanden oder Schweden.

"Senkung von Durchfallerquoten bringt meiste Kosteneinsparung"

Unverständlich ist aus Sicht des TÜV-Verbands, dass die Reform keine verpflichtenden Lernstandskontrollen im Rahmen der Fahrschulausbildung vorsieht. "Die Feststellung der Prüfungsreife in den Fahrschulen ist ein einfaches Instrument, um die Durchfallquoten in der Theorie zu senken", ist Goebelt überzeugt. "Weniger Wiederholungsprüfungen sind das wirksamste Instrument, wenn man echte Kostenreduzierungen erreichen möchte."

Dagegen habe die Reduzierung des Prüfkatalogs und der Prüfungsdauer kaum einen Effekt, da die Kosten für die Prüfung selbst nur einen Anteil von etwa 1 Prozent an den Gesamtkosten der Fahrausbildung ausmachen. Goebelt: "Hier steht die Kostensenkungen nicht im Verhältnis zum Schutz des Lebens und der Verkehrssicherheit."

"Ausbildungsplan muss bleiben"

Sehr kritisch sieht der TÜV-Verband, dass die Fahrschulen von der Pflicht entbunden werden sollen, einen Ausbildungsplan zu erstellen und zu veröffentlichen. "Das schwächt das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer systematischen Ausbildung und verringert die Transparenz für die Fahrschüler", so Goebelt. "Damit nimmt das Verkehrsministerium ein sinkendes Niveau der Fahrausbildung in Kauf, was über kurz oder lang zu steigenden Nichtbestehensquoten führen wird."

Der TÜV-Verband hat vergangenen Mittwoch die aktuelle Führerscheinstatistik für das Jahr 2025 veröffentlicht (siehe auch weitere Meldung von heute). Die Ergebnisse sind hier abrufbar: https://www.tuev-verband.de/pressemitteilungen/zahl-der-fuehrerscheinpruefungen-auf-neuem-hoechststand

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