Europäische Autohersteller müssen bei ständig wachsender Konkurrenz kosteneffizient sein. Konzerne setzen dazu auf markenübergreifende Fahrzeugplattformen, müssen die Fahrzeugmodelle aber trotzdem voneinander abgrenzen. Das weiß auch Gilles Vidal, der als Head of European Design die gestalterischen Geschicke der europäischen Stellantis-Marken lenkt. "Design ist heute offiziell der Kaufgrund Nummer eins für ein Auto in Europa, für die meisten Menschen noch vor dem Preis oder dem Vergleich mit der Konkurrenz in Bezug auf Ausstattung oder Leistung", erklärt der Franzose. Sein Ziel für den riesigen Autokonzern: Marken schärfen und Modelle zu echten Ikonen machen. "In dieser Welt ist es immer besser, etwas Gewagtes zu machen als etwas Fades, das wie alle anderen aussieht."
Opel zwischen Tradition und Stellantis-Konzern
Für die Rüsselsheimer Traditionsmarke Opel, die seit der Entstehung des Konzerns im Jahr 2021 zu Stellantis gehört, bedeutet das einen kreativen Spagat. Schließlich gilt es, sich im Verbund von insgesamt 14 Automarken – darunter französische, italienische und amerikanische Schwestermarken – zu behaupten und die deutschen Wurzeln zu wahren. "Wenn es eine Kultur gibt, in der Autodesign auf höchstem Niveau in der Ausführung steht, dann ist es die deutsche Kultur", lobt Vidal. Seit fast 20 Jahren ist mit Mark Adams als Vice President Design jedoch ein Brite für die Gestaltung bei Opel verantwortlich. Er hat dem Autobauer die Philosophie "Bold and Pure", frei übersetzt mutig und klar, verordnet. Bold bedeutet, nach vorne zu gehen, aber die Purity bringt diese Zeitlosigkeit und Zurückhaltung für ein deutsches Produkt, erklärt Adams seine Design-Philosophie.
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Neue Opel-Designsprache auf der Straße
Auf der Straße zeigt sich diese Strategie bereits deutlich. Den Anfang machte 2020 der kompakte Mokka, der das neue Markengesicht "Opel Vizor" einführte – eine Front, deren Form an das Visier eines Helms erinnert. Mittlerweile heben die Rüsselsheimer diese Designsprache auf die nächste Stufe. Der neu aufgelegte Kompakt-Bestseller Astra, der in Rüsselsheim entworfen und gebaut wird, fährt erstmals mit dem Intelli-Lux-HD-Licht und einem beleuchteten Opel-Kompass in der Front vor. Zudem schlägt sein Design eine charmante Brücke in die Vergangenheit: Als historische Anleihe an den legendären Vorfahren Opel Kadett greift der neue Astra die markante "Bügelfalte" auf der Motorhaube wieder auf. Auch das komplett neu entwickelte SUV Grandland setzt auf die neue Lichtsignatur und trägt einen illuminierten Opel-Blitz an Front und Heck. Der Anspruch der Designer: Autos entwerfen, die ihre Identität in Präzision und Klarheit verkörpern.
Opel Corsa GSE Vision Gran Turismo
Der Übergang zur Elektromobilität diktiert den Designern dabei neue Regeln. Bei Modellen wie dem neuen Grandland Electric, der bis zu 694 Kilometer Reichweite verspricht, oder dem windschnittigen Astra Electric ist die Aerodynamik entscheidend. Vidal sieht darin den einflussreichsten Parameter für künftige Fahrzeugsilhouetten. Das klassische Stufenheck habe angesichts des Kampfes um Effizienz zunehmend ausgedient. "Wenn man das klobige Heck nicht braucht, ist das viel besser für den Verbrauch und die Reichweite", so der Designchef.
Emotionale Studien statt "Babuschkas"
Doch Aerodynamik ist nicht alles; die Rüsselsheimer wollen wieder mehr Emotionen wecken. Studien wie der radikal puristische Opel GT Concept von 2016, der ohne Außenspiegel auskam, das elektrische Retro-Modell Manta GSe oder der rein virtuell präsentierte Corsa GSE Vision Gran Turismo zeigen das Potenzial für kreative Formen. Aber gibt es in einer auf Plattform-Synergien getrimmten Stellantis-Welt künftig noch Platz für emotionale Modelle im C- und D-Segment? "Die Antwort lautet: absolut", verspricht Mark Adams. Opel suche ganz gezielt nach diesem speziellen Spirit. "Wir wollen keine Babuschkas erschaffen, sondern unterschiedliche Charaktere mit der gleichen deutschen DNA."
Die vielleicht größte Revolution steht ohnehin im Innenraum an. Die Bedienung der zunehmend digitalen Cockpits soll intuitiver werden, anstatt die Nutzer zu überfordern. Adams nennt das die "Pure Experience". Der Opel-Designchef erklärt: "In Deutschland haben wir die Autobahn mit unlimitierten Abschnitten. Das treibt unser digitales Design an: Man muss die Dinge bei hoher Geschwindigkeit schnell und intuitiv bedienen können. Das beeinflusst die Nutzererfahrung massiv."
Und auch optisch steht ein Wandel bevor. Nachdem jahrzehntelang Schwarz, Grau und Weiß die Innenräume dominierten, kündigen die Stellantis-Designer die Rückkehr der Farben an. "Die Leute verlangen danach, der Markt ist bereit", ist sich Gilles Vidal sicher. Künftige Opel-Modelle dürften also nicht nur durch leuchtende Blitze an der Front, sondern auch durch deutlich mehr Lebensfreude im Cockpit auffallen.
Opel Astra (2026)
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