Wer zum ersten Mal auf dem Fahrersitz des modifizierten Honda-e Platz nimmt, greift unweigerlich ans Lenkrad. Um den elektrischen Kleinwagen zu steuern, reicht jedoch die rechte Hand. Der Fahrer umschließt damit ein kompaktes Bedienelement in der Mittelkonsole, das "New Input Device" (NID). Was in etwa so aussieht wie ein mit Alcantara überzogener Tankverschluss, soll nach über 130 Jahren das Lenkrad als Schnittstelle zwischen Mensch und Auto ablösen. Zumindest, wenn es nach Astemo geht. Im Rahmen eines Wintertests im nordschwedischen Arjeplog öffnete der japanische Zulieferer seine Teststrecke auf einem zugefrorenen See, um diese neue Art der Fahrzeugkontrolle erfahrbar zu machen.
Das Prinzip der eigenwilligen Steer-by-Wire-Bedieneinheit ist in der Theorie denkbar einfach: Wer das NID nach links dreht, fährt nach links; wer es nach rechts dreht, lenkt nach rechts. Eine mechanische Verbindung zu den Vorderrädern in Form einer Lenksäule gibt es nicht. Die Lenkbefehle werden stattdessen elektronisch an einen elektrischen Stellmotor an der Lenkachse übertragen.
Steile Lernkurve
Im Fahrversuch auf der Schneepiste fühlt sich das in den ersten Kurven zunächst ungewohnt und etwas ungelenk an. Das Muskelgedächtnis sucht vergeblich nach dem Lenkkranz. Doch die Lernkurve ist überraschend steil. Bereits nach rund zehn Minuten gelingen den meisten NID-Neulingen die ersten flüssigeren Slalom- und Kurvenfahrten auf dem Schnee.
Wie schnell das menschliche Gehirn diese neue Steuerung verinnerlicht, hat Astemo auch wissenschaftlich untersucht. Gehirnstrommessungen (EEG) der Testfahrer belegen die rasche Adaption. Die Daten zeigen, dass Probanden im Durchschnitt nur zwei Stunden Fahrzeit benötigen, um das NID zunehmend intuitiv und unterbewusst zu bedienen, ohne sich aktiv auf das Bedienelement konzentrieren zu müssen.
Völlig neues Raumgefühl
Der Verzicht auf das Lenkrad kann künftig nicht nur ein völlig neues Raumgefühl und freie Sicht auf die Displays schaffen. Das NID bietet gegenüber anderen Steer-by-Wire-Systemen, die noch an einem klassischen Lenkrad oder "Yoke" genannten Steuerhörnern festhalten, auch handfeste Sicherheitsvorteile. Bei plötzlichen Ausweichmanövern neigen Fahrer am Lenkrad oft zu Panikreaktionen und verreißen das Steuer, was häufig zum Ausbrechen des Fahrzeugs führt.
Hier greift die Software von Astemo ein. Die sogenannte "Behavior Correction Control" passt die Lenkübersetzung dynamisch an und filtert hektische Eingaben in Notsituationen heraus. Das System verhindert ein Aufschaukeln des Fahrzeugs deutlich effektiver als eine mechanische Lenkung. Das Auto bleibt selbst bei abrupten Ausweichmanövern sicher in der Spur.
Langfristig könnte die konsequente By-Wire-Technik sogar völlig neue Innenraumkonzepte ermöglichen. Platziert ein Autohersteller das NID wie beim Honda e von Astemo auf der Mittelkonsole, ist das Auto theoretisch wie ein Flugzeug von beiden vorderen Plätzen aus steuerbar. Vorausgesetzt, dass die vorderen Fußräume beide mit einem Fahr- und Bremspedal ausgestattet werden.
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Schon reif für die Serie?
Die Kosten dafür wären überschaubar: Das Fahrpedal funktioniert bei Elektroautos und modernen Verbrennern (E-Gas) ohnehin nur noch über elektronische Signale. Fürs Bremsen hat Astemo auch eine Lösung: Mit der mechatronischen "Smart Brake" verschwindet die hydraulische Bremsinfrastruktur komplett. Das Pedal wird nur noch zum Signalgeber.
Aktuell befindet sich das Lenksystem noch in der Prototypenphase. Die Ingenieure nutzen die Extrembedingungen in Schweden, um das haptische Feedback und die Ausfallsicherheit weiter zu verfeinern. Laut Astemo soll die Technologie nach 2030 serienreif sein – passend zum angedachten Hochlauf des hochautomatisierten Fahrens.
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