Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, hat die Bundesregierung zu einem schnelleren Reformkurs aufgefordert. Angesichts hoher Kosten, wachsender Bürokratie und rückläufiger Investitionsspielräume sieht die Branchenvertreterin die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zunehmend gefährdet.
Im Interview mit dem Nachrichtenportal Web.de News formulierte Müller eine deutliche Diagnose: "Der eigentliche Sanierungsfall ist jetzt der Produktionsstandort Deutschland bzw. Europa."
Wirtschaft unter Kostendruck
Nach Ansicht der VDA-Präsidentin stehen Unternehmen zunehmend unter Druck. Als Beleg verweist sie auf eine Umfrage unter mittelständischen Betrieben, in der rund 70 Prozent angegeben hätten, aufgrund der hohen Kosten kaum noch investieren zu können. "Das ist dramatisch", sagte Müller. Die Entwicklung treffe insbesondere den Industriestandort, der im internationalen Wettbewerb zunehmend an Attraktivität verliere.
Forderung nach Steuerreform und weniger Bürokratie
Müller sieht vor allem drei Handlungsfelder: niedrigere Energiekosten, steuerliche Entlastungen und einen spürbaren Abbau bürokratischer Hürden. "Bürokratie abbauen, Energie bezahlbar machen und Unternehmen steuerlich entlasten" seien die zentralen Aufgaben der Politik. Allein die Bürokratie verursache der Wirtschaft jährlich Kosten von nahezu 150 Milliarden Euro.
Besonders deutlich äußerte sich die Branchenvertreterin beim Thema Unternehmensbesteuerung: "Deutschland braucht eine Unternehmenssteuerreform. Steuersenkungen sind kein Geschenk an die Wirtschaft, sondern schaffen Spielraum für Investitionen."
Mehr zum Thema entdecken
Autohersteller
VDA warnt vor Abwanderung von Stellen ins Ausland: "Die Stimmung ist schlecht, die Lage noch schlechter"
Politik
VDA fordert Reformen: "Kostenrucksack" lähmt Industrie
Autohersteller
VDA-Präsidentin Müller: "Europa muss endlich die eigenen Hausaufgaben machen"
Appell an Politik und Beschäftigte
Müller beschränkt ihre Forderungen nicht auf die Politik. Auch die Arbeitnehmer müssten einen Beitrag leisten, um die Wettbewerbsfähigkeit der Standorte zu sichern. "Mehr Arbeit darf kein Tabu sein. Es gibt viele Beispiele, in denen zusätzliche Arbeitszeit einen Standort im europäischen Wettbewerb gesichert hat. Zwei oder drei Stunden mehr pro Woche können am Ende Arbeitsplätze sichern", betonte sie.
Damit greift die VDA-Präsidentin eine Debatte auf, die angesichts schwacher Konjunkturdaten und anhaltender Standortdiskussionen zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Kritik an fehlender wirtschaftspolitischer Linie
Von der Bundesregierung erwartet Müller eine klarere und konsistentere Wirtschaftspolitik. Die Herausforderungen für den Standort ließen sich nicht durch Einzelmaßnahmen lösen. "Eine Rollenverteilung nach dem Motto 'Die einen kümmern sich um Einnahmen, die anderen um Ausgaben', wird den Herausforderungen des Standorts Deutschland nicht gerecht. Geld kann erst verteilt werden, wenn es eingenommen wurde. Diese Logik hat sich noch nicht bei allen durchgesetzt", sagte die VDA-Chefin.
Warnung vor wirtschaftlicher Abschottung
Mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen – zumindest in Sachsen-Anhalt könnte es danach einen AfD-Ministerpräsidenten geben – äußerte sich Müller zudem zur politischen Entwicklung in Deutschland. Die Industrie sei auf internationale Märkte, offene Handelsbeziehungen und globale Partnerschaften angewiesen. "Wir sehen bei der AfD keine Antworten auf die Probleme, vor denen die Industrie steht. Deutschland braucht Offenheit, internationale Partnerschaften und wirtschaftliche Stärke – nicht Abschottung", sagte sie. Nach Analyse des VDA würden die wirtschaftspolitischen Vorhaben der Partei "Jobs, Wohlstand und Wachstum kosten".
Für Müller liegt die Antwort auf politische und wirtschaftliche Unsicherheiten vor allem in einer erfolgreichen Standortpolitik. "Die Politik muss die Sorgen der Menschen ernst nehmen, Reformen beherzt angehen und Wachstum ermöglichen." Damit erhöht die Automobilindustrie den Druck auf die Bundesregierung, bei den zentralen Wirtschaftsreformen schneller voranzukommen.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.