Jaguar erfindet sich neu: weg vom volumengetriebenen Premium-Segment hin zur reinen Luxusmarke mit elektrischem Antrieb. Mit dem neuen viertürigen GT Type 01 wagen die Briten einen radikalen Design-Schnitt. Im Interview erklärt Jaguar-Chef Rowdon Glover, warum die Marke diese Transformation zwingend brauchte, wie interne Widerstände in der Entwicklung überwunden wurden und weshalb der Elektroantrieb für das Jaguar-Gefühl unerlässlich ist.
Fünf Jahre lang wurde der Type 01 von Grund auf neu entwickelt. Wie zufrieden sind Sie persönlich mit dem Ergebnis?
Rowdon Glover: Sicher bin ich nicht die objektivste Person, aber: Ich bin sehr zufrieden. Wir haben das Auto gerade präsentiert, und die harte Arbeit des Teams wurde eindrucksvoll bestätigt. Viele erwarteten, dass wir das radikale Design des Konzeptautos Type 00 für die Serie verwässern würden. Doch das haben wir nicht getan. Wenn man sieht, wie wir von einem anfänglichen Aerodynamik-Wert ähnlich dem eines Range Rovers zum aerodynamischsten Jaguar überhaupt gekommen sind, bin ich unheimlich stolz auf das gesamte Team.
Das Designteam wurde zunächst bewusst in autarke Gruppen aufgeteilt, um disruptive Ideen zu kreieren. Wie haben Sie die Ingenieure in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung dazu gebracht, diesen extremen Weg mitzugehen?
R. Glover: Das Designteam war geradezu evangelikal. Anfangs dachte ich, unsere Ingenieure würden mit den Augen rollen und sich gegen dieses radikale Konzept wehren. Denn zunächst wussten sie selbst nicht, wie sie das umsetzen sollten. Aber sie sind an der Herausforderung gewachsen. Die Strategie war unmissverständlich: Wir gehen keine Kompromisse ein – weder beim Design, noch bei der Fahrdynamik oder der anvisierten Reichweite von 400 Meilen, was über 640 Kilometern entspricht. Das Team hat unglaubliche Lösungen gefunden, wie etwa die Tri-Apex-Konstruktion in der Frontstruktur, um trotz der extrem niedrigen Sitzposition und der Batterien ausreichend Platz zu schaffen. Dieser britische Einfallsreichtum war entscheidend.
Jaguar Type 01 (2028)
Bei kürzlich vorgestellten Modellen anderer Marken – insbesondere beim Ferrari Luce – drehte sich die öffentliche Diskussion oft nur noch um das disruptive Design, technische Errungenschaften traten in den Hintergrund. Fürchten Sie das beim Type 01 nicht auch?
R. Glover: Furcht ist nicht der richtige Begriff. Ich erwarte absolut, dass Teile der Gesellschaft, insbesondere in den sozialen Medien, starke Meinungen zu unserem Weg haben werden. Wir nehmen Polarisierung jedoch ganz bewusst in Kauf. Wenn man ein Design erschaffen will, das die Zeiten überdauert, gehört Polarisierung manchmal einfach dazu. Das war beim XJS im Jahr 1975 nicht anders. Entscheidend ist für uns allein, was unsere Zielgruppe denkt – und nicht Leute, die das Auto ohnehin nie kaufen würden.
Der Type 01 ist ein viertüriger Grand Tourer. In Europa sind jedoch SUVs die entscheidenden Volumentreiber. Wann sehen wir das erste SUV auf der neuen JEA-Plattform?
R. Glover: Wir haben den viertürigen GT nicht ausgewählt, weil wir denken, dass er das größte Volumen bringen wird. Er ist für uns vielmehr der beste Weg, die Marke strategisch neu zu positionieren. Natürlich wird es weitere Fahrzeuge auf dieser Architektur geben, die andere Segmente bedienen. Die neue Designsprache funktioniert über verschiedene Karosserievarianten hinweg und verleiht jedem Modell eine eigene Persönlichkeit. Aber erwarten Sie keine Modelle zu deutlich günstigeren Preisen – wir starten auf einem neuen Preisniveau und werden dort auch mit kommenden Modellen bleiben.
Jaguar - Neue Corporate Identity
Einige Ihrer Wettbewerber spüren gerade, dass der Markt für reine Elektroautos in einigen Segmenten stagniert. Was gibt Ihnen die Zuversicht, dass die 100-Prozent-Elektro-Strategie richtig ist?
R. Glover: Bei dem Preissegment, das wir anvisieren, kaufen die Kunden kein Gebrauchsauto aus rationalen Gründen, sondern aus purem Verlangen. Sie wollen, dass das Auto auf eine bestimmte Art aussieht, sich anfühlt und fährt. Der elektrische Antriebsstrang gibt uns die beste Möglichkeit, ein Auto zu liefern, das wie kein zweites aussieht, aber unverwechselbar Jaguar-DNA besitzt. Er bietet uns ein Niveau an Raffinesse und Leistungsfähigkeit, das wir mit einem Verbrennungsmotor so niemals erreichen könnten.
Sie haben sich für einen harten Schnitt entschieden: Volumensegmente komplett aufgeben und Jaguar ins reine Luxussegment heben. Was war der Haupttreiber dafür?
R. Glover: Die Marke stand an einem Scheideweg. Technologie und Wettbewerb verändern sich rasant. Im volumengetriebenen Premium-Segment mitzuspielen, war für uns schlicht nicht mehr profitabel. Denn dieses Segment wird stark von Skaleneffekten dominiert, die andere Hersteller besser bedienen können. Wir sind im JLR-Konzern dort am erfolgreichsten, wo wir echte Luxusprodukte anbieten können – wie bei Range Rover. Dort funktioniert unser Geschäftsmodell hervorragend. Historisch betrachtet war Jaguar genau in diesem obersten Segment immer am stärksten, und genau dorthin kehren wir nun zurück.
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Welches historische Jaguar-Modell ist Ihr persönlicher Favorit?
R. Glover: Im Laufe der Zeit hat es mir der XJS besonders angetan. Die Proportionen, die extreme Länge der Motorhaube und die C-Säulen, die sanft ins Heck übergehen, sind für mich bis heute ein Stück wunderschöner Automobilkunst.
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