Beim 14. Allianz Motor Day vergangene Woche im Allianz Zentrum für Technik (AZT) in Ismaning stand eines der größten Sicherheitsrisiken im Straßenverkehr im Fokus: die Ablenkung am Steuer. Neue Untersuchungen des AZT zeigen, dass ihr Anteil am Unfallgeschehen deutlich höher ist als bislang angenommen. Während frühere Schätzungen von rund 10 Prozent der Verkehrsunfälle in Deutschland ausgingen, weisen die aktuellen Analysen auf einen Anteil von mehr als 30 Prozent hin. Damit ist Ablenkung bei mindestens jedem dritten Unfall entweder der unmittelbare Auslöser oder ein entscheidender mitwirkender Faktor.

AZT/cogniBIT-Studie macht Risiko konkret messbar

Eine gemeinsame Studie des AZT und des auf kognitive Modellierung spezialisierten Unternehmens cogniBIT weist erstmals nach, wie stark sich Ablenkung in ausgewählten kritischen Verkehrssituationen auf das Kollisionsrisiko auswirken kann. Diese Berechnungen basieren auf einem kognitiven Fahrermodell und realen Blickdaten aus einer umfangreichen Fahrzeugstudie.

Die Studienergebnisse zeigen die erheblichen Auswirkungen von Ablenkung auf die Verkehrssicherheit: In einem simulierten Notbrems-Szenario auf der Autobahn stieg der Anteil der Unfälle von 18,2 Prozent bei aufmerksamen Fahrern auf 54,3 Prozent bei abgelenkten Fahrern. In einem Szenario, bei dem ein Kind unvermittelt die Fahrbahn betritt, erhöhte sich die Unfallquote von 3,9 Prozent auf 11,2 Prozent. Besonders alarmierend: In 39 Prozent dieser Fälle reagierten die abgelenkten Fahrer überhaupt nicht.

Ruf nach gesellschaftlicher Ächtung

"Wir gehen inzwischen davon aus, dass mindestens jeder dritte Verkehrsunfall auf Ablenkung zurückzuführen ist. Das ist deutlich häufiger als bislang angenommen", sagte Frank Sommerfeld, CEO der Allianz Versicherungs-AG. "Besonders alarmierend: In unseren Untersuchungen schnitten abgelenkte Fahrer in kritischen Situationen sogar schlechter ab als Fahrer mit einem simulierten Blutalkoholwert von 0,8 Promille. Ablenkung ist demnach in einigen Situationen noch gefährlicher als Alkohol am Steuer – und kein Kavaliersdelikt. Ablenkung sollte gesellschaftlich ebenso geächtet werden wie Alkohol am Steuer."

Digitale Touchscreen-Menüs hoch problematisch

Unmissverständlich angesprochen wurde vergangene Woche in Ismaning auch der stark zugenommene Funktionsumfang moderner Fahrzeuge. Dadurch wurde die Abbildung bestimmter Funktionen über den Touchscreen notwendig. Allerdings wandern somit auch Funktionen, die früher intuitiv und ohne Blickkontakt bedient werden konnten, zunehmend in digitale Menüs. Die brisante Konsequenz daraus: Für zentrale und häufig genutzte Funktionen wie das Bedienen der Klimaanlage oder des Radios sind heute oftmals mehrere Eingaben auf dem Bildschirm notwendig. Dadurch wiederum richten Fahrer ihren Blick länger und häufiger weg vom Verkehrsgeschehen, was die Fahrsicherheit beeinträchtigen kann.

"Das Auto ist kein Smartphone"

"Unsere Forschung zeigt, dass derselbe Bedienvorgang in einem Fahrzeug bis zu 25 Prozent weniger visuelle Aufmerksamkeit beanspruchen kann als in einem anderen. Das macht deutlich: Ablenkung ist nicht nur eine Frage des Verhaltens, sondern auch der Benutzeroberfläche. Das Cockpit selbst ist zu einem Bildschirm geworden, der mit der Straße um die Aufmerksamkeit des Fahrers konkurriert. Aber ein Auto ist kein Smartphone. Wenn es um Sicherheit geht, muss Design der Funktion folgen", forderte Dr. Klaus-Peter Röhler, Vorstandsmitglied der Allianz SE, zuständig für Insurance German Speaking Countries, Central Europe, Global Property & Casualty.

Das Cockpit als Sicherheitsfaktor

Eine Fahrstudie des AZT unter realen Bedingungen zeigt, dass die Gestaltung des Touch-Bedienkonzepts erheblichen Einfluss darauf hat, wie lange Fahrer bei der Bedienung den Blick von der Straße abwenden. Beim Vergleich aktueller Fahrzeugmodelle führten identische Alltagsaufgaben zu teilweise deutlich unterschiedlichen Blickabwendungszeiten.

Bei einzelnen Aufgaben konnten durch ein günstiger gestaltetes Bedienkonzept bis zu 25 Prozent beziehungsweise rund drei Sekunden Blickabwendungszeit eingespart werden. Die Ergebnisse zeigen: Nicht der Touchscreen selbst ist das Problem, sondern die Art, wie Funktionen in das Bedienkonzept des Fahrzeugs integriert werden.

"Für eine sichere Fahrzeugbedienung braucht es verbindliche Empfehlungen, welche Funktionen über physische Schalter und welche per Touchscreen gesteuert werden sollten. Gleichzeitig sollten wissenschaftliche Erkenntnisse zur Mensch-Maschine-Interaktion konsequent genutzt werden, um Touchscreen-Bedienungen so auszugestalten, dass sie den Fahrer möglichst wenig vom Verkehrsgeschehen ablenken", sagte Christian Sahr, Leiter des Allianz Zentrum für Technik (AZT).


Allianz Motor Day 2026


Drei Viertel aller Autofahrer mit Ablenkungssorgen

Die Sorgen vieler Autofahrer sind begründet: Nach einer aktuellen Allianz Umfrage unter deutschen Autofahrern sehen 77 Prozent der Befragten in der zunehmenden Digitalisierung des Fahrzeugs einen Treiber für mehr Ablenkung am Steuer. Jeder zweite Fahrer stuft das Ablenkungsrisiko inzwischen als hoch oder sehr hoch ein. Besonders bemerkenswert: 72 Prozent der Fahrer, die in den vergangenen drei Jahren einen Unfall verursacht haben, halten Ablenkung für eine definitive oder mögliche Ursache.

Entsprechend groß ist der Wunsch nach einfacherer Bedienung: Über zwei Drittel der Befragten (70 Prozent) sprechen sich für klassische Schalter und Tasten statt verschachtelter Touchscreen-Menüs aus.

"Smarte Autos müssen sichere Räume sein"

"Smarte, zeitgemäße Technik entlastet uns – sie kann dazu beitragen, den Information-Overload zu managen und zeichnet sich durch klares Design aus. Leider sehen wir in neuen Autos häufig das Gegenteil: Fahrer werden durch Technik nicht entlastet, sondern belastet. 77 Prozent der Befragten gaben in einer aktuellen Allianz Umfrage an, dass die Technologie im Fahrzeug sie heute stärker ablenkt als früher. 70 Prozent sprechen sich für klassische Schalter statt verschachtelter Bildschirm-Menüs aus. Smarte Autos müssen sichere Räume sein, die vor Ablenkung schützen, anstatt sie zu produzieren", sagte Lucie Bakker, Schadenvorständin der Allianz Versicherungs-AG.

Ansätze für mehr Sicherheit in digitalen Autos

In künftig konsequenter Vermeidung von Ablenkungsunfällen erhob die Allianz Autoversicherung auf ihrem 14. "Motor Day" deshalb folgende Forderungen zur Verbesserung der Sicherheit im digitalen Auto:

  1. Fahrzeughersteller: Relevante Funktionen müssen leicht zugänglich und jederzeit bedienbar sein, zum Beispiel auch per Schalter Fahrzeughersteller müssen Bedienkonzepte konsequent an den Anforderungen des realen Fahrbetriebs ausrichten. Sicherheitskritische Funktionen wie Scheibenwischer, Blinker, Abblend- und Fernlicht, Warnblinker sowie Scheibenheizung und -entfrostung müssen schnell und intuitiv erreichbar sein. Bedienelemente sollten permanent zugänglich bleiben, entweder über physische Bedienelemente oder über klar definierte, ständig verfügbare Bereiche auf dem Touchscreen. Dies verkürzt die Suchzeit, sorgt dafür, dass der Blick des Fahrers auf der Straße bleibt, und erleichtert die Bedienung ungewohnter Fahrzeuge. In Europa prämiert Euro NCAP bereits Designs, die direkten Zugriff auf wichtige Funktionen bieten, anstatt diese in Menüs zu verstecken. 
  2. Regulierung und Überwachung müssen mit der Digitalisierung Schritt halten Regulierungs- und Vollzugsbehörden sollten das Thema Ablenkung systematisch angehen, beginnend mit einer einheitlichen Erfassung. Wirksame Regulierung, Durchsetzung und Technologien zur Überwachung von Ablenkung können dazu beitragen, riskantes Verhalten zu verhindern, das Verständnis für das Problem zu verbessern und Unfälle aufgrund von Ablenkung zu reduzieren. Da Fahrzeuge zunehmend digitaler werden, müssen sich auch die rechtlichen Rahmenbedingungen und Durchsetzungsmaßnahmen weiterentwickeln, um neuen Ursachen für Ablenkung Rechnung zu tragen.
  3. Autofahrer tragen zentrale Verantwortung: Trotz aller technischen Unterstützung bleibt die Aufmerksamkeit des Fahrers der entscheidende Sicherheitsfaktor. 87 Prozent der Befragten in Deutschland sehen die Hauptverantwortung für die Vermeidung von Ablenkung bei sich selbst. Fahrerassistenzsysteme können unterstützen, den Fahrzeuglenker jedoch nicht ersetzen. Umso wichtiger sind Aufklärung, Fahrerschulungen und wirksame Hinweise im Fahrzeug, um das Bewusstsein der Fahrer für die Risiken von Ablenkung nachhaltig zu stärken.

Über die Studien

Das Allianz Zentrum für Technik (AZT) führte sein bislang umfassendstes Forschungsprogramm zum Thema Ablenkung am Steuer durch. Dabei wurden die Analyse von mehr als 34.000 realen Unfällen, Eye-Tracking-Studien in realen Fahrzeugen, eine Fahrsimulationsstudie in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München, kognitive Modellierung kritischer Verkehrssituationen mit cogniBIT, eine internationale, repräsentative Fahrerbefragung in neun Ländern (je 1.200 Personen) sowie eine Auswertung von mehr als 80 veröffentlichten Studien kombiniert. Die auf dem 14. Allianz Motor Day vorgestellten Ergebnisse sind im Bericht "SWIPE. TAP. CRASH. Ablenkung am Steuer im digitalen Auto" veröffentlicht.

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