Jedes Jahr im Spätsommer hört sich das Fachmagazin „Theater heute“ bei der Theaterkritik um und fragt: Wer waren die Besten im ganzen Land? Aus den Antworten der 47 Befragten werden so unter anderem das Theater des Jahres, die Inszenierung des Jahres und die Schauspieler des Jahres im deutschsprachigen Raum ermittelt. Während im vergangenen Jahr das Deutsche Schauspielhaus Hamburg mit der sensationellen „Anthropolis“-Inszenierung abräumte, gibt es dieses Jahr eine handfeste Überraschung.

Zunächst das weniger Überraschende: Florentina Holzingers queer-feministische Messe „Sancta“ wird mit großem Vorsprung zur Inszenierung des Jahres gewählt. „Auch wenn das Publikum insbesondere in Stuttgart mit Ohnmachten zu kämpfen hatte, begeisterte das Gesamtkunstwerk über alle Genregrenzen hinaus“, heißt es in „Theater heute“. Der auf „Sancta“ gemünzte, polemische Satz „In der Oper gewesen, gekotzt“ ist inzwischen so populär geworden, dass er sogar auf T-Shirts vertrieben wird, mit denen sich sogar Holzinger selbst ablichten lässt. Was ist hier noch Skandal, was schon Ironie?

Das Bühnenbild von „Sancta“, mit Halfpipe für halbbekleidete Nonnen auf Inline-Skatern vor Neon-Kreuz als Orgienspielwiese, von Nikola Kneževic ist zudem das Bühnenbild des Jahres. Und damit nicht genug: Auch das achtköpfige (!) Team der Dramaturgie wird von der Kritik gewürdigt. Mit „Sancta“ dominiert somit auch die fetteste Vorjahresproduktion die Umfrage: Unter den Produzenten des Spektakels werden über ein halbes Dutzend schwergewichtige Theaterinstitutionen angeführt.

Auf den Plätzen hinter Holzinger trifft man auf alte Bekannte wie Ulrich Rasche („Warten auf Godot“ in Bochum), Ersan Mondtag („Double Serpent“ in Wiesbaden) oder Johan Simons („Meine geniale Freundin“ in Bochum), die mehrfach genannt werden. Wie immer kann man sich über solche Listen auch sehr wundern. Wie lässt sich zum Beispiel die totale Ignoranz der Kritik gegenüber einem völlig unterschätzten Abend wie Karin Beiers „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ erklären? Eigentlich gar nicht.

Für große Verblüffung dürfte hingegen sorgen, dass das Theater Magdeburg zum Theater des Jahres gewählt wurde. Die Schauspielsparte aus der sachsen-anhaltinischen Landeshauptstadt gastierte dieses Jahr mit einer charmanten Inszenierung von Kim de l’Horizons „Blutbuch“ erstmals beim Berliner Theatertreffen und macht abseits der Metropolen einen ambitionierten Spielplan von Heiner Müller über Barbi Marković bis Ronald M. Schernikau, der locker auch im üblichen Großstadtmilieu bestehen könnte.

Zu viele Zeigefinger?

Auffällig ist, dass Magdeburg als Theater zwar in der Kategorie Gesamtleistung der Liebling der Kritik ist, aber eigentlich so gut wie keine Inszenierung oder Künstler mehrfach herausragend genannt werden. Nur sehr vereinzelt finden konkrete Abende des Theaters Erwähnung, und darunter nicht einmal Charly Hübners beeindruckendes Regiedebüt „Krieg und Frieden“. Wird damit der Mut des Theaters ausgezeichnet oder schmeichelt sich hier die Kritik vor allem selbst, weil deren vorherrschender Geschmack nun auch im exotischen Umfeld, dem wilden und gefährlichen Osten, angekommen ist? Dem Theater – von „Theater heute“ als „geiles Theater“ geadelt – darf das alles gleich sein. Mit der Freude über die Auszeichnung geht es bestärkt in die neue Spielzeit.

Bei Stück des Jahres kann sich Dea Lohers Comeback „Frau Yamamoto ist noch da“ durchsetzen: die sprachlich feine Beschreibung einer Welt, die vom kontaktlosen Leben und Momenten der Isolation geprägt ist (sehenswert uraufgeführt von Jette Steckel am Schauspielhaus Zürich). Im Bereich Video ist die Virtual-Reality-Arbeit „End of Life“ des Kollektivs Darum aus Wien unangefochten, die dieses Jahr auch zum Theatertreffen eingeladen war. Kostüme des Jahres teilen sich Lara Roßwag und Teresa Vergho.

Während beim Schauspieler des Jahres gleich drei beeindruckende und völlig zu Recht mehrfach genannte Darbietungen gleichauf liegen – Thomas Schmauser in Klaus Manns „Mephisto“ von Jette Steckel an den Münchner Kammerspielen, Moritz Kienemann in Ernst Tollers „Hinkemann“ von Anne Lenk am Deutschen Theater Berlin und Andreas Döhler in Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ von Frank Castorf am Berliner Ensemble – ist Julia Riedler unangefochten die Schauspielerin des Jahres. Seit Jahren gehört die 1990 geborene Riedler zu den eindrücklichsten Erscheinungen im Theater, wie sie in der abgelaufenen Spielzeit mit ihrer Rolle in „Fräulein Else“ nach Arthur Schnitzler von Leonie Böhm am Volkstheater Wien wieder einmal unter Beweis stellte.

Ein Blick in die Kategorie Nachwuchs zeigt, dass man einen Namen unbedingt weiter auf dem Zettel haben sollte: Die Filmemacherin Kurdwin Ayub konnte mit ihrem Theaterdebüt „Weiße Witwe“ die Kritik nachhaltig beeindrucken. Nachhaltig verärgert sind die Befragten jedoch fast ausnahmslos – neben niedrigen Honoraren für Freie oder zu viel Zeigefinger auf der Bühne – von den Kulturkürzungen in Berlin und anderswo, die auch als Zeichen einer gesellschaftlich beunruhigenden Entwicklung gedeutet werden.

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