Es gibt ein paar Dinge, an denen man erkennt, dass ein Film nicht ganz schlecht gewesen sein kann. Eins dieser Merkmale ist, dass die Geschichte etwas gemacht hat mit denen, die sich mit ihm auseinandergesetzt haben. Dass er sie geradezu nötigt, persönlich zu werden. Zuzugeben, dass das, von dem er erzählt, der Film, etwas derart beängstigend genau spiegelt von der Innenwelt, dem Alltag eines jeden, dass man gar nicht anders kann, als ein Glaubensbekenntnis abzulegen.

„I am the Greatest“ ist so ein Film. Mit Muhammad Ali, dem Boxer, der sich so gern selbst gefeiert hat, hat der Film von Marlene Bischof und Nicolai Zeitler, der im ZDF auch als Anthologie-Serie mit sieben zwischen fünf und zwanzig Minuten langen Folgen zu sehen ist, weitgehend nichts zu tun.

Mal abgesehen vielleicht davon, dass Bischof und Zeitler ihr Personal nicht schonen und es derart auf sich selbst einprügeln lassen, dass es – in der Regel psychisch, manchmal aber auch physisch – zum Schluss immer aussieht wie George Foreman 1974 in Kinshasa nach der achten Runde des „Rumble in the Jungle“. Und sie ihre Kurzgeschichten trotz all ihrer Finsternis und ihrer prinzipiellen Schwere in einem geradezu aberwitzigen Dialogtempo tanzen lassen wie ein Schmetterling, bevor sie zustechen wie Bienen.

Eigentlich ist „I am the Greatest“ ein Variationszyklus. Ein Reigen. Eine Deformation des Geistes liegt allen Geschichten zugrunde, unter der Menschen vermutlich so lange leiden, wie sie überhaupt ein Bewusstsein haben. In der modernen Psychologie nennt man das Overthinking.

Ohne Schminke, unmittelbar

Das geht zum Beispiel so. Daniel geht eine Straße hinunter. Es muss ein Montag sein. Das Wetter ist graublau. Der Bürgersteig ist voll. Die Kamera wackelt herum, wie Daniels Kopf es tut. Der hatte keinen guten Morgen. Da rempelt ihn einer mit der Schulter an. Daniel geht weiter. Dann wird er – und wir mit ihm – von einer Welle von eskalierenden Fantasien überrollt. Gut fünf Minuten dauert die. Daniel stellt zur Rede, Daniel prügelt auf den Rempler ein wie Ali im Ring. Schmutzig sieht das aus, Bischof und Zeitler haben auch in den anderen Episoden auf jede filmische Schminke verzichtet. Was „I am the Greatest“ so unmittelbar macht.

Könnten wir sein. Ging uns in unserem Gerechtigkeitswahn, in unserer allgemeinmenschlichen Wutbürgerhaftigkeit allen schon mal so. Und beweist in Windeseile Fritz Bauers Satz von der traurigen Wahrheit, „dass wir unserem Affenzustand noch sehr nahe sind und dass die Zivilisation nur eine sehr dünne Decke ist, die sehr schnell abblättert“.

Dass es anders geht, zeigen Bischof und Zeitler nebenbei und zwischendurch auch immer wieder. Einen gewissen Hang zur Harmonie haben die beiden Debütanten, was „I am the Greatest“ nichts von seiner Konsequenz und Härte nimmt, aber letztlich doch wenigstens ein bisschen tröstet.

Kaum sind wir raus aus Daniels Gedankenlabyrinth, landen wir im Hirn von Marie. Die (Katharina Stark) hat ein Date. Eigentlich toll. Der Typ ist nett. Findet auch Marie. Wir hören ihr zu. Und ihren sich ständig mehr verknotenden Vorstellungen, Wünschen, Erinnerungen, ihrem Wahn, alles zu überdenken, ständig schießt ihr irgendeine Idee durchs Hirn, wie das, was sie gerade tut, sich auswirkt, was es mit ihrem Date macht, was sie tun soll (küssen mit Zunge oder ohne, beim Beischlaf gleich stöhnen etc.).

Man sucht einen Knopf an ihrem Kopf (oder am Fernseher), mit dem man der Bewusstseinsmaschine den Strom abstellen kann, die ständig neue Szenen, neue Bilder auf den Fernseher projiziert. Eigentlich wären sie ein schönes Paar.

Des Weiteren geht ein Vater mit seinem Sohn auf einen von Müttern besetzten Spielplatz. Was ja sowieso ein Ort ist, der einer Hölle auf Erden sehr nahekommt. Aber nicht halb so höllisch ist wie das Karussell, das Roberts Hirn völlig aus der Kurve trägt. Der Mann (Nicolai Zeitler) stellt sich ständig vor, was die andern von ihm denken darüber, wie er seinen Sohn erzieht, ahnt, dass der auf jeden Fall ein Loser wird. Einen Wasserball ziehen sie hinter sich her, auf den haben sie etwas gezeichnet, was ein Hundegesicht sein soll. Roberts wirbelnden Wahn macht das nicht besser, weil er zu hören meint, was in den Köpfen der anderen vorgeht.

Ein Manager rast auf einer Autobahn auf der Überholspur einem Termin entgegen. Eigentlich will Karsten ja aussteigen. Ein „Agent of Change“ werden. Aber wie geht das? Also das Bremsen. Kann er das? Kann er nicht. Mark Waschke darf endlich mal so schnell reden und denken wie in seinem echten Leben. Jedenfalls so lange bis … Das darf nicht verraten werden.

Irgendwann schwirrt einem der Kopf

Ein kleines Mädchen geistert allein gelassen von ihrer Mutter durchs Haus und begegnet den Nachtmahren ihrer Familie. Einer Frau entgleist eine Meditation, weil sich die Bilder in ihrem Kopf gegen sie wenden, sie sich in ihrer ganzen Schrecklichkeit begegnet.

Sie treffen sich nicht, die Figuren von Bischof und Zeitler. Die Themen kreuzen sich und ihre Wege nicht. Man möchte sich auch nicht vorstellen, wie das ausgehen würde.

Man könnte „I am the Greatest“ am Stück schauen. Aber das sollte man vielleicht lieber lassen. Schon nach einer Runde durchs Hirn von Robert und Marie und Karsten schwirrt einem der Kopf. Braucht man einen Blick übers Wasser. In die Bäume. Das würde beruhigen. Wenn da nicht die Gedanken wären, die mit uns machen, was sie wollen.

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