Auch sturzbetrunken war er mal weich, in den Knien. Nackt, sichtlich verfettet. Musste vom Nymphen-Personal gestützt werden. Nicht schön. Kommt halt auch unter Helden und Heroen mitunter vor. Der Mann hieß Herakles. Und niemand wird ihm bestreiten wollen, zum muskulösen Selbstentwurf des maskulinen Geschlechts eine eindrucksvolle Dauer-Performance geleistet zu haben. Schon das Milchkind, so wird berichtet, soll gleich zwei Giftschlangen erwürgt haben, während Eva im Paradies – man beachte die gendermäßig brisante Differenz! – von nur einer Schlange Schachmatt gesetzt worden ist.
Dabei scheint angesichts fortschrittlich quotierter Lebensverhältnisse kaum mehr vorstellbar, dass es mal ein Erdalter gegeben haben soll, in dem der männliche Mensch von sich als Muster der Gattung erzählt hat. Die Geschichte ist zwar nicht so alt wie die von der Luftherrschaft der Flugsaurier, aber geradeso unwahrscheinlich, und so wundersam ist sie auch.
Wer die Geschichte gerne illustriert sehen möchte, hat dazu in der Dresdener Gemäldegalerie im Zwinger allerbeste Gelegenheit, wo sie gleich eine ganze Herakles-Revue eingerichtet haben. Denn es versteht sich, dass der famose Mann im Dauereinsatz den Künstlern aller Zeiten immer wieder Steilvorlagen liefern musste. Zumal ja nicht so viel männliche Nacktheit im schicklichen Angebot war.
Bin ich nicht gut ...?
Gut, Adam im Paradies, aber der war vom veganen Leben längst nicht so eindrucksvoll geformt wie der antike Heldenmann, den man in den muntersten Kampfeinsätzen zeigen konnte. Und erst recht, wenn er sich nach bestandener Kraftdisziplin sichtlich erschöpft zu ganzer Körpergröße aufrichtet und dabei etwas nachdenklich tut, scheint er die Erwartung exemplarischer Maskulinität mit Bravour zu erfüllen.
Dass er vom Maler Rubens Peter Paul auch mal sturzbetrunken überrascht wurde, hat seiner Sixpack-Muskulatur keinen Schaden getan. Unsere Lieblingsbilder aber stammen von Lucas Cranach, der den Herakles schlafen, vermutlich schnarchen lässt, während eine ganze Schar von kriegerischen Pygmäen den unverletzbaren Leib attackiert. Dass er darüber erwacht, kann nicht ausbleiben. Und auch nicht, dass er das Mikrovolk gleich wie die lästigen Fliegen verscheucht. Aber das Beste ist doch, wie er dabei aus dem Bild schaut mit der schönen Aufforderung: „Bin ich nicht gut …?“
Etwas nachdenklicher betrachtet ist es ja doch erstaunlich, dass sich der herakleische Überlegenheitsentwurf mit stattlichen Körperkräften begnügte und an geistige oder intellektuelle Superiorität nicht die Spur dachte. Weit gefehlt, dass der Heros in den MINT-Fächern irgendetwas zu bieten gehabt hätte. Und auch in Sachen philosophischer Abstraktion war er allen Denkern seiner Epoche schlicht nicht gewachsen. Alles, was an ihm wächst, ist Muskel.
Und wenn man an die berühmten „zwölf Taten“ denkt, an die „erga“ oder ponoi“, wie die alten Griechen sagten, die den Mann weltberühmt machen sollten, dann war keine einzige Denksportaufgabe darunter. Einen Löwen ersticken, eine Hirschkuh einfangen, einen Stall ausmisten, goldene Äpfel pflücken, einen Stier einfangen - lasst Herakles ran, er wird schon alles richten. Und weil sonst keiner die menschenfressenden Gäule des Thrakerkönigs Diomedes zähmen konnte, war dem Spezialisten für harte Fälle der Sieg in allen Klassen nicht zu nehmen.
Natürlich darf man sich verwundern, warum sich der genuine Mensch bei seinen Selbstmystifizierungen mit dem letztlich doch etwas sinnlosen Kraftakt zufriedengab. Blaise Pascal hat das in seinen „Pensées“ zutreffend kommentiert: „Schaut, dieser Mensch, der dazu geboren ist, um die Welt zu kennen, um über alles zu urteilen, um einen ganzen Staat zu lenken, ist völlig damit beschäftigt und ganz von der Sorge erfüllt, wie er einen Hasen fangen könne.“ Das war zwar auf das absolutistische Luxus-Regime Ludwig XIV. gemünzt, taugt aber auch als Aperçu zur hasenlosen, dafür wildschweinreichen Herakles-Fama.
Vermutlich hat ja der Mannmensch Äonen lang von nichts anderem geträumt und erzählt als von sich im erfolgreichen Einsatz gegen die widerständige Natur. Bis dann Träume und Erzählungen im alten Griechenland doch etwas subtiler wurden. Es begann schon mit der klugen Zuständigkeitsregie im vielköpfigen Götterhimmel. Dass das, sagen wir es freudianisch, menschliche Über-Ich, das von Bewusstseinsbeginn an mit Dämonenmacht die Geschicke lenkte, durch sinnvolle Arbeitsteilung weniger Probleme schaffen würde, war eine großartige Entdeckung. Götter mit beschränkten Kompetenzen und stets bereit, dem Mitgott die Kompetenz streitig zu machen, macht sie zwar nicht berechenbarer, aber auf eine Art doch gattungsnäher. Doppelt, wenn sie sich mitunter unerkannt unter die Menschen mischen.
Topfit ohne Anabolika
Vor allem vom Obergott Zeus wurden die heitersten Eskapaden berichtet. Denn auch im Olymp gab es schon den gesunden Sex im Alter. So war der himmlische Chef der irdischen Alkmene verfallen und hat sich in Gestalt ihres kriegsbedingt abwesenden Ehemanns Amphitryon bei ihr zum Beilager eingefunden. Wobei dank jovialer Insemination das stramme Baby Herakles entstanden ist, das nach den unantastbaren Gesetzen der Genetik nur ein Heros hat werden können.
Der römische Komödiendichter Plautus hat aus der Geschichte ein hübsches Stück gedrechselt, Molière hat sie mit feinster Ironie nacherzählt und Kleist seine Molière-Übersetzung zur eigenen Komödie erweitert. Lohnt sich sehr, die Lektüre. Man versteht dann noch besser, warum der Zeus-Bastard Herakles – gleichsam zwischen den Welten gezeugt – der Inbegriff des heldischen Mannes werden musste und seine präsentable Körperausstattung auch ohne Anabolika topfit halten konnte.
Die Intelligenz der griechischen Gottespoesie liegt nicht zuletzt in solcher Verkörperlichung der Spiritualität. Die Götter sind Geistwesen, unsichtbar, unerreichbar, beschämend mächtig, ständig opferbedürftig. Aber eben nicht nur. Sie können nicht nur scheinen oder erscheinen, sondern auch da sein, leibhaftig, ehebettentauglich, geschlechtsbereit. So ist das Numinose zwar nicht verfügbarer geworden, aber eben auch nicht mehr so unvorstellbar fern. Und noch vorstellbarer wird es, wenn die göttliche Abkunft des Ausnahmemenschen erwiesen ist. Wie bei Herakles.
Dass man durch superbe Kraft und athletisches Geschick der innerweltlichen Gottwerdung doch ein gutes Stück näherkommen kann – das und nichts anderes will uns der Mythos erzählen. Herakles ist nur ein anderes Wort für gottgleiche Überlegenheit mit beschränkter Gültigkeit. Denn in der ersten Erzählrunde ist der Held ja doch noch sterblich. Gerne gönnt man dem Allmächtigen oder der göttlichen Machtelite die eine oder andere Frau und kassiert dafür den Prachtbuben, der sich nicht zu schade ist, bis in die stockfinstere Unterwelt hinabzusteigen und dort dem räudigen Wachhund Zerberus eins auf die Schnauze zu geben – ein Wagestück, das sich kein Himmlischer getraut hätte.
Herakles ist so gesehen nur ein anderes Wort für die Selbstvergottung des Menschen, der sich sein In-der-Welt-Sein nun etwas zuversichtlicher erklärt als in den Ur-Anfängen, als er sich überall von arkanen Mächten umstellt sah. Man könnte getrost resümieren: Im Heldenmann kondensiert sich ein Stück Frühestaufklärung. Jedenfalls war es ein genialer Schachzug des Denkens, das heldische Menschengeschlecht von Gott abstammen zu lassen.
Unter fortgeschrittenen LGBTQ-Bedingungen muss das Herakles-Projekt freilich äußerst bedenklich anmuten. Verrät es doch einen etwas betagten Charme, dass immer nur vom männlichen Menschen die Rede ist und ihm allein die Emanzipationsverantwortung überlassen bleibt. Tatsächlich haben Frauen in Herakles’ Leben nicht gerade eine konstruktive Rolle gespielt.
Das beginnt schon mit der eifersüchtigen Zeus-Ehefrau Hera, die die Alkmene-Affaire ihres Mannes partout nicht stuhlkreismäßig aufarbeiten wollte und, wo immer sie konnte, dem Knaben, Jüngling und späteren Mann mit Inbrunst nachstellte. Besonders übel, als Herakles ganz sittsam die thebanische Königstochter Megara heiratete und mit ihr drei vorzeigbare Söhne zeugte. Hera schickte alsbald den Wahn, und Herakles, der nie durch Geisteshelle aufgefallen ist, dekompensierte auf Bestellung und ermordete völlig umnachtet seine ganze Familie.
Nur die Frauen stellen sich Herkules in den Weg
Ohne der herakleischen Biografie allzu viel Gewalt anzutun, darf man doch festhalten, dass Frauen im Leben des Helden keine oder wenn, dann eine fatale Rolle spielten. Aus der gloriosen Inszenierung, in der der stolze Mann von seiner Gottesebenbürtigkeit erzählt, ist für das feministische Projekt jedenfalls nicht viel zu gewinnen. Es sei denn, man rühmte in dem durch Frauen erwirkten gewaltsamen Ende des Heros die feministische Regie. Listig, hinterlistig ging es ja zum Schluss schon zu, und die Dinge komplizieren sich zusehends.
Wieder bei Sinnen ehelichte Herakles die Königstochter Deïaneira, die ihm der Kentaur Nessos, ein übler Pferdemensch-Zwitter, fast geraubt hätte, wenn er nicht vom Ehemann erschossen worden wäre. Todwund gab das Ungetüm der Frau den Rat, von seinem giftigen Blut ein Aliquot für alle Fälle aufzubewahren. Und schon war der Fall der Fälle da. Als Herakles mit seiner Freundin Iole im Beutezug vom Heldengeschäft heimkam, hieß ihn die Verrat ahnende Deïaneira ein Hemd anziehen, das mit dem Nessos-Gift getränkt war. Herakles’ Todesschmerz soll so gewaltig gewesen sein, dass sogar Hera Mitleid überkam. Und seiner Himmelfahrt stand nun nichts mehr im Wege.
Immer, so muss man doch zum Schluss kommen, sind es die Frauen, die sich den männlichen Triumphzügen in den Weg stellen. Eine bewusstseinsgeschichtliche Erfahrung, die einem zumindest zu denken geben kann. Auch Samson, eine Art Herakles aus dem Alten Testament, der mit ungeschnittenem Haupthaar zu Verwüstungen und Abbrucharbeiten von ungekannten Dimensionen fähig war, ist von der schönen Delilah durch einen einzigen Lockenschnitt entkräftet worden. Müssen alle Herakliden so enden?
Immerhin: Dass der Heldenmann zu guter Letzt in den Himmel aufgefahren ist, bringt das menschliche Selbstermächtigungsprojekt an sein denknotwendiges Ende. Aus dem Gottesebenbild ist ein veritabler Gott geworden, der Halbgott zum Vollgott gereift. Das ist ein respektables Ergebnis aller irdischen Anstrengung, die ein bisschen an Kapitulation gemahnt. Ganz offensichtlich nämlich ist die erkämpfte Ganzvergottung doch nur außerirdisch zu haben. Von Herakles im Olymp ist nichts Aufregendes mehr zu berichten gewesen.
Das freilich muss nichts heißen. Denn ob man in Tat und Wahrheit von herakleischer Abrüstung sprechen kann, erscheint ziemlich ungewiss. Wirklich abgeschlossen ist das herakleische Zeitalter wohl noch immer nicht. Bis zur MAGA-Bewegung in den republikanischen USA treibt das Männer-Ego noch immer üppige Blüten. Und wenn es nicht gänzlich gegen Sitte und Anstand wäre, würde Donald Trump auch heute noch nackt und mit Knotenstock in den Armen herumlaufen und die Zwergenmenschheit um ihn herum wie die lästigen Fliegen verscheuchen.
Vollends erschöpft ist das herakleische Prinzip also noch immer nicht. Und überlebt hat zumindest die Erinnerung an des Helden Ausflug auf das Weingut des renommierten Winzers Bacchus, wo den Gast der für Rauschgetränke zuständige Olympier gnadenlos unter den Tisch soff. Dass unser Mann wenigstens einmal im furiosen Leben auch ohne Göttinnen-Regie aus der Façon geriet, tröstet über so manchen Hochmut hinweg. Sturzbetrunken, sympathischer war Herakles nie.
Die Ausstellung „Herkules – Held und Antiheld“ läuft bis 28. Juni 2026 im Zwinger Dresden
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