Hier erscheint unsere monatliche Empfehlungsliste. Experten einer unabhängigen Jury küren die zehn „Sachbücher des Monats“ aus Geistes-, Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Im Januar lohnen sich:
1. Willi Winkler:
Hannah Arendt. Ein Leben. Rowohlt Berlin, 509 Seiten, 32 Euro*
Zum 50. Todestag von Hannah Arendt: eine weitere Biografie, die kluge Bezüge knüpft – indem sie zeigt, wie vielfältig sich das 20. Jahrhundert im Lebensweg der Denkerin widerspiegelt.
2. Mirjam Schaub:
Radikalität und der Riss zwischen Theorie und Praxis. Eine unerhörte Kulturphilosophie. Felix Meiner. 2 Bände, 848 Seiten, 94 Euro*
Was bedeutet Radikalität als kulturelle Kategorie – und worin besteht ihr Wert für den Fortgang der Kulturgeschichte? In diesem Buch, das gebunden nur im Set aus zwei Bänden, als E-Book auch in Einzelbänden erhältlich ist, wird gezeigt, wie drastische Mittel und Maßnahmen die Menschheit immer wieder verändert haben.
3. Helmuth Kiesel:
Schreiben in finsteren Zeiten. Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1933–1945. C.H. Beck, 1392 Seiten, 68 Euro*
Die einen haben den „Führer“ bejubelt, andere mussten außer Landes fliehen. An Kiesels Standardwerk über die Jahre 1933 bis 1945 wird keiner mehr vorbeikommen. Lesen Sie hier unsere ausführliche Besprechung.
4. Julian Nida-Rümelin:
Der Epochenbruch. Auf dem Weg in eine neue Weltordnung. Matthes & Seitz, 102 Seiten, 12 Euro*
Ein Buch, das die großen Trends der globalen Geopolitik analysiert – und Europa dringend mehr Realpolitik empfiehlt. Lesen Sie hier mehr von Julian Nida-Rümelin.
5. Aladin El-Mafaalani:
Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien. Kiepenheuer & Witsch, 128 Seiten, 16 Euro*
In der Pandemie führte blindes Vertrauen in Institutionen zu entfesseltem Misstrauen gegen andere. Es stärkte auch absurde Welterklärungen. Wer heute von einer Vertrauenskrise spricht, macht es sich zu einfach, weiß der Soziologe Aladin El-Mafaalani. Lesen Sie hier unsere Besprechung.
6. Erika Thomalla:
Gegenwart machen. Eine Oral History des Popjournalismus. Schöffling, 256 Seiten*
Ist cooler Journalismus auf Papier ein Fall fürs Museum? Und kam seit damals keine Avantgarde mehr? Erika Thomallas „Oral History des Popjournalismus“ hat Akteure von damals befragt – auch nach denen von heute. Lesen Sie hier unsere Besprechung.
7. Alice Ceresa:
Kleines Wörterbuch der weiblichen Ungleichheit. Übersetzt von Sabine Schulz. Diaphanes, 136 Seiten, 18 Euro*
Nie ideologisch oder dogmatisch – verspricht der Verlag. Das Buch der schweizerisch-italienischen Autorin Alice Ceresa (1923 bis 2001) erscheint posthum und bietet ein Glossar zu Themen, die nicht nur Frauen angehen.
8. Manon Garcia:
Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess. Übersetzt von Andreas Hemminger. Suhrkamp, 195 Seiten, 20 Euro*
Nicht alle Männer sind Vergewaltiger, aber nahezu alle Vergewaltiger sind Männer. Die Philosophin Manon Garcia hat sich unter dem Eindruck des Pelicot-Prozesses auf die Suche nach den Gründen dafür gemacht. Und Antworten gefunden. Lesen Sie hier unsere Besprechung.
9. Susanne Baer:
Rote Linien. Wie das Bundesverfassungsgericht die Demokratie schützt. Herder, 384 Seiten, 22 Euro*
Dieses Buch wirft einen Blick hinter die Kulissen der höchsten deutschen Justiz-Instanz. In Zeiten, in denen Richterwahlen politischer geworden sind als früher, eine wertvolle Hintergrundlektüre.
10. Florian Illies:
Wenn die Sonne untergeht. Familie Mann in Sanary. S. Fischer, 336 Seiten, 26 Euro*
Thomas Mann auf dem Weg ins Exil. Wie es dazu kam und unter welchen Umständen, erzählt der Journalist Illies nach bewährter Manier: wie ein Reporter, anschaulich und konkret, spöttisch und lebendig.
Die Extra-Empfehlung
Neben den zehn Büchern der Jury kommt jeden Monat eine Extra-Empfehlung von einem Gast. Diesmal von Franziska Augstein (Autorin/Publizistin). Sie empfiehlt:
Sebastian Haffner: Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914 – 1933, Pantheon, 304 Seiten, 20 Euro*
„Der Publizist Sebastian Haffner (1907 bis 1999) hat bis heute einen guten Namen. Als wertkonservativer Verfechter liberaler Rechtsstaatlichkeit personifizierte er, was man als den Kern, ja den Konsens der Bonner Republik bezeichnen kann. Seine Bestseller über die ‚verratene Revolution‘ 1918/19, über die Weimarer Republik, Hitler und Churchill sind unvergessen. Mochten auch einige seiner Thesen nicht haltbar sein, zu ihrer Zeit machten sie Furore, weil sie beides waren: klug und zugespitzt. Sein letztes Werk, „Geschichte eines Deutschen“, das posthum 2000 er-schien, ist mindestens so mitreißend wie seine berühmten Bücher; anders als diese ist es ein frappierend hellsichtiges, autobiografisches Zeitdokument.
Anfang 1939 - im Vorjahr war er nach England emigriert – verfasste Haffner seine Erinnerungen an die Jahre von 1914 bis zu Hitlers Machtübernahme. Anhand seiner Erlebnisse als junger, in eine Jüdin verliebter Berliner Jurist schildert er, wie seine Landsleute sich mit dem Nazi-Wesen einrichteten: mit dem Militarismus, der Judenverfolgung, dem alltäglichen Terror. Wie konnte „ein großes Volk, das immerhin nicht nur aus Feiglingen besteht, widerstandslos der Schande verfallen“? Anschaulicher und zupackender ist das noch selten erklärt worden. Haffners Buch ist die ‚Geschichte eines Deutschen‘, im Grunde aber erzählt es auch von der Natur des Menschen.“ (Franziska Augstein)
Die Jury der Sachbücher des Monats
Tobias Becker, Der Spiegel; Natascha Freundel, RBB-Kultur; Dr. Eike Gebhardt, Berlin; Knud von Harbou, Feldafing; Prof. Jochen Hörisch, Universität Mannheim; Günter Kaindlstorfer, Wien; Dr. Otto Kallscheuer, Sassari, Italien; Petra Kammann, FeuilletonFrankfurt; Jörg-Dieter Kogel, Bremen; Dr. Wilhelm Krull, Hamburg; Marianna Lieder, Berlin; Lukas Meyer-Blankenburg, Redaktion Das Wissen, SWR; Gerlinde Pölsler, Der Falter, Wien; Marc Reichwein, WELT; Thomas Ribi, Neue Zürcher Zeitung; Prof. Dr. Sandra Richter, Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar; Wolfgang Ritschl, ORF Wien; Florian Rötzer, krass-und-konkret, München; Norbert Seitz, Berlin; Mag. Anne-Catherine Simon, Die Presse, Wien; Prof. Dr. Philipp Theisohn, Universität Zürich; Dr. Andreas Wang, Berlin; Prof. Dr. Harro Zimmermann, Bremen; Stefan Zweifel, Zürich. Redaktion: Andreas Wang.
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