Es spricht für ein Künstlerbuch, wenn man den Künstler danach anders sieht. Zu Albrecht Dürer, dem germanischen Nationalheiligtum, schien alles gesagt. Jeder Erwachsene kennt mindestens eine Handvoll Motive, die Älteren erinnern sich an den Fünfmarkschein – vorn eine schöne Venezianerin, hinten Eichenlaub. Dürer ist der deutsche Michelangelo.
Also winkt man ihn innerlich gerne mal weiter, als Blockbuster aus dem 16. Jahrhundert. Es ist aber nicht seine Schuld, dass das 19. und 20. Jahrhundert Dürer idealisiert haben und der berühmte „Feldhase“ beinahe ein „Röhrender Hirsch“ geworden ist. Andererseits: Postmoderne Titanen wie Joseph Beuys und Sigmar Polke haben Dürer mit subversiver Anerkennung zitiert. Eine Dürer-Ausstellung ist ein Kassenmagnet. Die Forschung ist immer noch sehr aktiv und findet Neues heraus – im Buch „Albrecht Dürer. Sämtliche Gemälde“ etwa, dass Dürers erste Italienreise ihn wohl noch weiter führte als nach Venedig, nach Florenz und in die Toskana.
Dürer kehrte 1505 nach Italien zurück. Für diese Reise musste er sich Geld leihen, aber es ging nicht zuletzt um ein Problem, das auch zeitgenössische Künstler von heute umtreibt: Urheberrechte. Wo heute Künstliche Intelligenzen die Kreativität von Künstlern ausbeuten, da verbreiteten italienische Nachahmer Kopien von Dürers Kupferstichen – eben jenes Medium, das Dürer mit zur Blüte führte und das für seine europaweite Bekanntheit sorgte. Der Nürnberger wiederum arbeitete 1505 in Venedig freischaffend als Künstler, ohne einer Zunft anzugehören – als Strafe musste er einmal vier Gulden an eine der Berufsvereinigungen zahlen.
Solche Details aus dem Künstlerleben erfährt man aus den gelehrten, aber gut lesbaren Essays von Dürer-Forschern wie Karl Schütz, lange Jahre Direktor der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien. „Albrecht Dürer. Sämtliche Gemälde“ wurde vom Verleger Benedikt Taschen selbst konzipiert, wiegt fast acht Kilo und ist mit 30 mal 40 Zentimetern so groß, dass man den Band selbst als flachen Couchtisch benutzen könnte. Aber es ist eben kein Coffee-Table-Book, das nur als Accessoire herumliegt. Im Gegenteil, man wird von der Ausstattung, den Beiträgen und der Präsenz der teils in Originalgröße reproduzierten Werke förmlich hineingezogen in die Welt der Renaissance.
Im Buch enthalten sind Abbildungen aller 71 Gemälde, die Albrecht Dürer zu Lebzeiten geschaffen hat – und auch ein paar von jenen, die ihm nur zugerechnet werden (warum das statthaft ist oder nicht, wird jeweils kundig erläutert). Dazu kommen 500 Zeichnungen, etwa die Hälfte des zeichnerischen Gesamtwerkes. Viele der Werke wurden neu fotografiert und treten einem nun leuchtend, klar und geradezu intim entgegen.
Die Wiener Dürer-Experten Christof Metzger, Julia Zaunbauer und Karl Schütz haben damit einen wissenschaftlich fundierten, aber sehr zugänglichen Band vorgelegt, den man wie ein staunendes Kind aufblättert. Die Zeit vergeht, das Handy liegt vergessen abseits. Ein Kunstbuch muss nicht so riesig sein, um zu wirken, aber die Qualität der Reproduktionen und ihre Größe machen doch einen Unterschied: Man kann sich in das vielschichtige Werk dieses vor fast 500 Jahren gestorbenen Mannes vertiefen.
Der gleichwohl etwas sperrige Band mit seinen 800 Seiten lässt sich nicht nebenbei rezipieren, er fordert die ganze Aufmerksamkeit, will aber deshalb nicht gleich als Event zelebriert werden wie manche noch gewaltigere Produkte des Verlags. Es ist eine Reise durch das 16. Jahrhundert. Man sieht dem grimmigen Kurfürsten Albrecht von Sachsen ins Auge, wundert sich über die enorme, intime Präsenz, die Dürers Elternbildnisse entfalten. Man staunt über mimetisch wiedergegebene tote Enten, Walrosse und einen Elsterflügel und fragt sich, wer wohl die vielen Unbekannten sind, die Dürer ebenso konterfeit hat, nicht selten aus Lust und Laune oder gegen ein kleines Entgelt.
Nichts ist bekannt über die Identität eines 18-jährigen jungen Mannes, dessen verträumt-verstocktes Teenagergesicht Dürer mit Kohle und Deckweiß festhielt. Jetzt schmollt der junge Mann für alle Zeiten auf dem Blatt von 1503 und spricht selbst durch Dürers Zeile: „Also bin ich gstalt in achtzehn Jor alt“. Für Dürer stand das Porträt ganz weit oben, gleich nach den Kirchenbildern, doch aufgrund ihrer Lichtempfindlichkeit sind gezeichnete Porträts Dürers nicht so oft im Original zu sehen wie die Gemälde. Das gilt auch für Aquarelle: Der berühmte „Feldhase“ war in den vergangenen 150 Jahren ganze neunmal zu sehen. Erst im 500. Todesjahr Dürers wird es wieder so weit sein.
Man ist also auf Bücher angewiesen, will man Dürer heute sehen. Die Zeichnung diente dem Künstler oft dazu, die sichtbare Welt so festzuhalten, wie sie ihm begegnete. Es ist manchmal fast unheimlich, wie modern Dürers als Vorlagen gesammelte Ansichten von Bäumen oder einer Weidenmühle in Nürnberg komponiert sind. Wie registrierend ein um 1496 mit der Feder gezeichneter Steinbruch vom Künstler festgehalten wird, der an sich nichts Spektakuläres hat und aus dem minutiös lebendige Pflanzen wachsen.
Gerade das Unspektakuläre macht Eindruck. Die „Wassermühle im Gebirge“ von 1496 könnte auf den ersten Blick auch aus dem späten 19. Jahrhundert stammen, so objektiv wird hier eine vorgefundene Situation dokumentiert. Denn der Raum ist, anders als in einem Landschaftsbild der Zeit, nicht in die Tiefe gestaffelt und auf Effekt hin gearbeitet. Das dichte Gefüge von Steinen, Mauerwerk, Geröll und Mühlrad hat etwas von einem Relief, die Farben sind erdig und gedämpft. Diese Wirklichkeitsauffassung kommt der mechanischen Fotografie nah, die es aber erst 400 Jahre später geben wird. Und dank derer man sich Albrecht Dürer, wenn man ihn aufgrund des Formats schon nicht in die Tasche stecken und mitnehmen kann, dann doch wenigstens zum Mitbewohner machen kann.
Albrecht Dürer. Sämtliche Gemälde. Ausgewählte Zeichnungen und Druckgrafiken. Taschen Verlag, 798 S., 175 Euro.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.