Ratschlag gefällig? Man sollte sich am Sonntag ungefähr so vor den Fernseher setzen, wie Friedemann Berg, der Freiburger Kommissar, mit seinem Kombi durch den nebligen, von schwerem, nassem Schnee bedrohten Breisgau fährt. Strickmütze auf dem Kopf, Parka über einigen Schichten von Klamotten.

Sieht ein bisschen unförmig aus, wärmt aber ungemein. Ist eine Rüstung gegen das Klamme, das einen nicht mehr loslässt, das sich in alle Knochen frisst, kaum hat „Das jüngste Geißlein“ angefangen.

Der neue Freiburger „Tatort“ ist ein Horrorfilm, man kann es nicht anders sagen. Einer der finstersten und besten der „Tatort“-Geschichte. Und natürlich geht es um den Wolf und die sieben Geißlein. Eine Tür lässt Rudi Gaul, der Regie führte und zusammen mit Ulrike Schölles das Drehbuch austüftelte, in der Schwärze eines Raumes schweben.

Eine freundliche alte Stimme liest den Anfang des Grimmschen Märchens vor. Von der alten Geiß, die ihre sieben Kinder lieb hat, wie man seine Kinder nur lieb haben kann. Und warnt sie, als sie in den Wald geht, vor dem Wolf, vor seiner List und Tücke. Dann klopft es und die Kamera schwenkt auf sieben Mädchen in Sterntaler-Nachthemden. Sie verstecken sich unter Bänken, Betten und in Schränken. Das jüngste der Geißlein verbirgt sich im Uhrenkasten.

„Der Wolf stirbt immer“

Wir, die wir noch erschreckt wurden mit dieser Gruselgeschichte, wissen, wie es ausgeht: Sechs werden gefressen, das im Uhrenkasten überlebt. Man muss sich also keine Sorgen machen. Mit dem Wolf verhält es sich wie mit dem Mörder im Sonntagabendkrimi. Der wird seiner gerechten Strafe zugeführt. „Der Wolf stirbt immer“, beruhigt Eliza, das jüngste Geißlein, den Kommissar, als der sich um ihr geistiges Wohlergehen sorgt, weil sie ständig ihren Walkman dabeihat und nichts hört außer die Kassette mit dem Wolf und den Geißlein.

Der Frieder Berg – suspendiert, nachdem beim letzten Fall, „Der Reini“, herauskam, dass er einst mit seinem Bruder den Vater verscharrt hatte, hat Eliza gefunden. Im Uhrenkasten eines irgendwie schimmlig aussehenden Hofs am kalten Ende eines klammen Tales. Die ehemals rumänische Bäckereifachverkäuferinnenaushilfe hatte er suchen sollen, weil er ja sonst nichts zu tun hat, außer den fauligen elterlichen Hof aufzulösen.

Der Frieder beruhigt Eliza, singt ihr „Frère Jacques“ vor (die Version mit „dumme Kuh“ und „alte Waschmaschine“). Ein Grauen ist passiert im Haus. Blutige Spuren sind an der Wand. Im Bett. Mutter und Vater sind nicht aufzufinden.

Eliza leidet unter Mutismus. Sie spricht nicht, auch nicht, wenn sie eigentlich sprechen möchte. Mit dem Frieder aber spricht sie, den hat sie ins Herz geschlossen. Dafür gibt es Gründe, doch die werden erst ganz am Ende offenbar. Was ein perfektes Beispiel dafür ist, wie Schölles und Gaul mit Motiven und mit Metaphern spielen. Nichts hängt zufällig an den Wänden von Elizas Märchenland, in das der Frieder und die Franz hinabsteigen müssen.

Die Franz ist die Kollegin Tobler, die jetzt die Arbeit eigentlich allein machen muss, aber auf die Hilfe vom Frieder angewiesen ist. Was ihr behagt und wieder nicht. Eigentlich mögen sich die beiden ja. Und wie Hans-Jochen Wagner und Eva Löbau das spielen, dieses Abstoßen des andern und das Hoffen auf eine Nähe, die schon mal da war, das ist die Wärmekammer dieses durchfrorenen Märchens.

Die Mutter ist in den Wald gegangen, der Vater wird tot in einem Stausee gefunden. Er hatte Steine in den Jackentaschen – wie der Wolf Wackersteine im Bauch. Märchen und Fantasie kreuzen immer wieder die nüchterne Ermittlungsarbeit, reißen Räume auf. Wer der Wolf ist, ist die Frage, und wo die Mutter blieb. Immer wieder sieht man die sechs anderen Geißlein am Wegesrand stehen. Sie warnen Eliza, nicht zu viel zu verraten.

Eine Psychologin mit eigener Agenda blockiert derweil die Aufklärung. Der Frieder wird zwischenzeitlich vom Zeugen zum Verdächtigen. Es geht um den Verdacht häuslicher Gewalt und überhaupt ziemlich prekäre Familienverhältnisse. Ganz allmählich kratzen Schölles und Gaul die Wahrheit aus der Finsternis. Alle Gewerke beteiligen sich perfekt am Herstellen von Grusel: die halbdunklen Bilder von Stefan Sommer, die immer wieder mit allen akustischen Horrormitteln operierende Musik von Verena Marisa. Man zittert und bebt in einem fort.

Die „Tatort“-Folge „Das jüngste Geißlein“ ist am 4. Januar im linearen Programm der ARD sowie in der Mediathek zu sehen.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.