Wie das so ist bei Unglücken – eines kommt selten allein. Der erste „Greenland“-Film, in dem Gerard Butler seine Familie vor einem Kometen der Kategorie „Planet Killer“ in die prekäre Sicherheit eines Bunkers bringt, platzte 2020 mitten in die Pandemie. Die Folge: keine Kinoauswertung, dafür ein Überraschungshit bei den Streamern. Denn was gibt es Schöneres, als sich den Weltuntergang aus der wohligen Wärme des eigenen Zuhauses reinzuziehen?
Vor bald 100 Jahren sah Walter Benjamin das noch kritisch: Die „Selbstentfremdung“ der Menschen habe „jenen Grad erreicht, der sie ihre eigene Vernichtung als ästhetischen Genuß ersten Ranges erleben lässt“, schrieb er im berühmten „Kunstwerk“-Aufsatz. Inzwischen haben wir uns in der Selbstentfremdung gemütlich eingerichtet, besonders wenn es Chips dazu gibt. Wenn es ein Social-Media-Trend wäre, könnte man von Alienation-Hygge sprechen.
Nun startet der Nachfolger „Greenland 2“ wieder unfreiwillig passend inmitten einer Lage, in der Grönland die Nachrichten dominiert. Im Rahmen seiner sogenannten Donroe-Doktrin, die mit Nachdruck den amerikanischen Hoheitsanspruch auf die – generös gefasste – eigene Hemisphäre anmeldet, streckt Präsident Donald Trump in diesen Tagen seine Finger nach der riesigen Insel zwischen dem Nordatlantik und dem Nordpolarmeer aus.
Hat er vielleicht den ersten Film gesehen? Unter politischem Aspekt handelte es sich dabei um eine einzige Marketingkampagne fürs Preppertum im Permafrost. Grönlands überschaubare Industrie und Vegetation haben vor dem Hintergrund des Jüngsten Gerichts ihre Vorteile. Wenn der Killerkomet kommt, ist es schon mal ganz gut, wenn keine Atomkraftwerke schmelzen und keine Wälder niederbrennen. Viele sonstige Argumente für das Überleben in der eisigen Einöde nannte der Film nicht, aber vielleicht gingen sie einfach nur unter im pausenlosen Bombenhagel aus dem Weltall.
Das Ende kommt von oben
Clarke wurde der Komet getauft oder besser gesagt das millionenfache Sammelsurium aus großen und kleinen Fragmenten, das der Zivilisation im ersten Teil den Garaus machte. Zuerst berichteten die Sender noch in Partylaune über den knappsten Vorbeiflug aller Zeiten. Aber irgendwie hatten sich die Physiker verrechnet. Während der Himmel schon in apokalyptischem Rot erstrahlte, trudelten die ersten offiziellen Textmessages ein, wie Handywarnmeldungen der Berliner Regierung, wenn der Strom ausgeht: Ausgewählte Bürger sollten sich bitte im nächsten Militärstützpunkt einfinden; sie würden prompt ausgeflogen, in der Hoffnung, irgendwo anders, in diesem Fall eben in Grönland, ein letztes bisschen Zivilisation zu bewahren, während von Florida bis Seattle Flutwellen, radioaktive Monsterstürme, gigantische Feuerwalzen und dergleichen Wolkenkratzern, Einkaufszentren und Suburbs gleichermaßen den Garaus machten. Sofern man das Glück hatte, die ersten Einschläge zu überleben, von denen die Fernsehsender, sensationslüstern bis zum Schluss, live berichteten, bis die Kameras verglühten.
Der Film folgte dem erprobten Rezept: heile Welt, große Bedrohung, Familie rauft sich zusammen, Papa wird es schon richten, Heil in der Flucht. Lustig, wie schablonenhaft konservativ und immergleich das Kino vom Weltuntergang erzählt, wobei der doch eigentlich eine Ausnahmestellung innehaben sollte: Wenn er eintritt, wird er vor allem durch seine Einzigartigkeit bestürzen.
Das gilt allerdings nur bei oberflächlicher Betrachtung. Wenn man die verschiedenen Kino-Weltuntergänge Revue passieren lässt, sagen wir von „Dr. Strangelove“ (1964) über „WarGames“ (1983), „12 Monkeys“ (1995), „Independence Day“ (1996), „Armageddon“ (1998), „Deep Impact“ (1998), „28 Days Later“ (2002), „The Day After Tomorrow“ (2004), „I Am Legend“ (2007), „The Road“ (2009), „Contagion“ (2011) und „Melancholia“ (2011) bis „Don’t Look Up“ (2021), um nur einige zu nennen, fällt auf, wie sehr sie bei aller Endzeitlichkeit dem eigenen Horizont verbunden bleiben. Einige schieben den Untergang der Politik in die Schuhe, andere der Fehlbarkeit einzelner Individuen. Manchmal wird ein Virus bemüht, variiert in Gestalt einer Zombie-Epidemie. Oft, wie auch in „Greenland“, kommt das Ende von oben.
Aber auch das wird rasant verschieden gerahmt. In „Greenland“ spielt das Militär und ergo die Regierung zwar eine große Rolle. Aber von einem Präsidenten ist nichts zu sehen. Die Verwaltung streckt gesichtslos die Waffen. Der Fokus liegt allein auf Butler als John Garrity, seiner Frau Allison (Morena Baccarin) und dem kleinen Sohn Nathan (Roman Griffin Davis). Der leidet zu allem Überfluss auch noch an Diabetes, was die Rettung erschwert. Denn Kranken und vergleichbar Gehandicappten wird die Rettung versagt. Zur Not schießen die Soldaten auch auf das eigene Volk.
Überhaupt lag eine Stärke des ersten Teils in seinem tendenziell nihilistischen Menschenbild. Natürlich wurde gut amerikanisch die Hoffnung beschworen, das Licht am Ende des kosmischen Tunnels. Aber der Weg dahin war mit Leichen gepflastert, mit Eigennutz und Verrat. Wenn der erste Gluthauch des Kometen die Tünche der Zivilisation zum Schmelzen bringt, verwandeln sich die Menschen in Wölfe, so die unterschwellige Botschaft. Eine eindrückliche Szene zeigte, wie in einem freundlichen Mitbürger, der Allison und Nathan auf der Straße aufliest, binnen Sekunden der Entschluss keimt, die Mutter loszuwerden, um ihr Kind als das eigene auszugeben – in der Hoffnung, selbst gerettet zu werden. Hobbes stand dem Drehbuch Pate. Dann schlug der Komet ein, und unter den ersten Opfern waren offenbar die Autoren.
Im zweiten Teil, der fünf Jahre nach dem First Impact spielt und von einer erneuten Flucht berichtet, gehen statt Teufel lauter Engel um. Ja, haben sich die schlechten Menschen am Ende alle gegenseitig umgebracht? Na ja, ein paar sind schon noch übrig geblieben – triggerfreudige Soldaten, kaltblütige Straßenräuber und engherzige Bunkerbewohner, die meinen, keine Müden, Armen, geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren – wie es auf der Freiheitsstatue heißt –, aufnehmen zu können. Aber dafür mindestens ebenso viele barmherzige Krankenschwestern, seelenvolle Nigerianer und Franzosen, die irritierenderweise Matthew McConaughey wie aus dem Gesicht geschnitten sind.
Die Erde ist noch längst nicht zur Ruhe gekommen. Die Lava wogt dräuend dem Bunker entgegen, am Strand werden Geisterkriegsschiffe mit verbrannter Besatzung angespült, weitere Kometentrümmer gehen im Stundentakt nieder, besagte radioaktive Stürme ziehen ohne Vorwarnung auf, und Erdbeben reißen selbst den betoniertesten Bunker entzwei. So machen sich die Garritys auf ins gelobte Land. Das heißt bei den Amerikanern im Zweifel Südfrankreich – Hemingway und Fitzgerald lassen grüßen.
Clarkes dickster Brocken ist just an der Côte d’Azur eingeschlagen und soll dem Vernehmen nach ein Schlaraffenland geschaffen haben, aus irgendwelchen nicht näher nachvollziehbaren thermophysikalischen Gründen. Dieser neuen City upon the Hill gilt das Trachten der Garritys, und so ziehen sie südwestwärts. Dabei tappen sie unaufhörlich in Fettnäpfchen und lassen kein Actionklischee aus. Immer ist die Familie da, wo die Gefahr am größten ist. Bei der Überquerung des Ärmelkanals – nurmehr ein schmaler bodenloser Riss inmitten einer tristen Wüstenei – reißt ein Beben gerade die Peter-Lustig-mäßig improvisierte Leiter-und-Seil-Konstruktion in die Tiefe, als Butler und Co. hinüberklettern.
Geht es durch Schützengräben, werden links und rechts so viele Kopfschüsse per Minute verteilt, dass ganz klar ist, dass dieses Scharmützel unmöglich, wie behauptet, seit Monaten andauern kann. Bei alldem ist natürlich immer klar, dass sie es schaffen. Das einzige, was hier am seidenen Faden hängt, ist die Originalität. Auf dem ehemaligen Grund des Kanals, der nun zutage liegt, drängeln sich allerlei alberne Attraktionen: hier eine spanische Galeone, da ein Dinosaurierskelett. Die Leiter fällt in die Tiefe, die Brauen der Zuschauer heben sich, staunend vor so viel Quatsch.
Fährmann, wo bleibst du?
Man sollte doch meinen, und der Film reibt uns die Botschaft dick und fett unter die Nase, dass eine der wenigen Qualitäten des Weltuntergangs in einer durchaus heilsamen Konzentration aufs Wesentliche liege, zum Beispiel in der Erkenntnis, dass das nackte Überleben mehr Glück stiften kann als eine eingeschlafene Ehe zwischen Treadmill und Flatscreen-TV. Das hätten die Damen und Herren Skriptdoktoren mal beherzigen sollen. Stattdessen wedeln sie beständig mit klassischen Bezügen wie dem Charon-Motiv herum, also dem Fährmann ins Totenreich, bis man auf der anderen Seite der Leinwand kurz davor ist, sich selbst dorthin zu wünschen, damit der Schmu endlich mal ein Ende hat.
Dennoch schaut man der Chose nachdenklich zu. Die Lücken des Skripts und die Absurditäten der Handlung lassen Raum fürs eigene Sinnieren. Welche Rolle kommt dem Katastrophenfilm heute noch zu? Gehört er selbst zu einer aussterbenden Art, in Zeiten der Polykrise, für die man weder Zombies noch Kometen braucht? Alle besseren B-Movies, das wissen Fans der Popkultur schon länger, sind eigentlich Metaphern für innere Zustände. Sie spiegeln Sorgen, Hoffnungen und ganz einfach Grundannahmen der jeweiligen Zeit, der sie entstammen.
„Greenland 2“ glaubt nicht mehr an die Kraft der Institutionen. Es sieht auch Familien zerbröckeln, einfach an der Sinnentleertheit unseres konsumfreudigen Lebens – es sei denn, es kommt ein schönes Desaster (was sich übrigens vom Lateinischen dis astrum ableitet, einem bösen Stern), das sie wieder zusammenschweißt. Patriarchale Strukturen wirken stark fort, in dem Sinne, wie Ulf Poschardt gerade sagte, im Kriegsfall werde es die „toxische Männlichkeit“ sein, die dieses Land verteidigt.
Von Grönland – das an die Adresse von Donald Trump – sollte man sich indes nicht zu viel versprechen, so die Botschaft des Films. Seelenfrieden und ewiges Glück verspricht allein good ol’ Europe.
„Greenland 2“ läuft ab dem 8. Januar 2026 im Kino.
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