Eine Hantelbank ist toll. Sie ermöglicht einem jungen Mann den ersten echten Zugang zur eigenen Kraft. Zu Beginn fürchtet er sich noch vor ihr. Deshalb legt er vorsichtshalber ein paar Kilo weniger auf die Stange. Die Demütigung, bei einem Bankdrücken-Satz auf der Hälfte des Wegs stecken zu bleiben und dann lebendig unter der Stange begraben zu werden, könnte er nicht ertragen. Denn dann müssten die wirklichen Krafttiere im Fitnessstudio kommen und ihn retten. Die Hierarchie im Fitnessstudio, ablesbar an der Muskelmasse, würde noch offenkundiger, als sie ohnehin ist.
Überhaupt wähnt sich der Fitness-Anfänger unter ständiger Beobachtung. Wenn er mit seinen kleinen Gewichten hantiert, vermutet er immer einen abschätzigen Muskelberg im Nacken, der ihn für die falsche Ausführung verlacht. Anfänger im Fitnessstudio erkennt man immer daran, dass sie sich unsicher und verschämt durch den Raum bewegen und sofort Platz machen, wenn ein Stärkerer ans Gerät will. Obwohl sie jedes Recht dazu hätten, sitzenzubleiben – schließlich zahlen sie die gleichen Mitgliedsbeiträge.
Was wirklich Spaß macht, ist, sich in dieser Hierarchie nach oben zu kämpfen. Anfangs war man dieser verschämte Junge, der mit Hilfsbändern seinen ersten Klimmzug probiert. Dieser Junge war zwar stolz auf diesen Meilenstein, aber er musste weitermachen, um wie die starken Männer Dutzende Klimmzüge ohne Hilfsband zu schaffen. Mit jedem Klimmzug wurde der Gang durch das Fitnessstudio aufrechter, der Blick geradliniger. Und irgendwann räumten eben die anderen den Platz.
Dieser Junge war ich. Von der Natur mit einem dürren, lang gezogenen Körper ausgestattet, der, wenn überhaupt, nur in der Bauchregion breiter wurde, wollte ich 2015 irgendwas tun. Ich war gerade erst aus meinem Erasmus-Auslandssemester in der Türkei zurückgekommen und hatte ein halbes Jahr eigentlich nichts getan außer Weißbrot zu essen, Shisha zu rauchen und nebenbei mit den Eckzähnen Sonnenblumenkerne zu spalten. Vermutlich war ich damals der unsportlichste Sportstudent auf dem Campus.
Aber im Spiegel sehe ich ein trauriges Gesicht
Es gibt ein Körperselbstbild vor der Fitnessstudiozeit und eines danach, das wieder zu ändern fast unmöglich ist. Bevor ich das erste Mal eine stickige Pumperhalle betreten habe, hatte ich nie über die Möglichkeit eines anderen Körpers nachgedacht. Mein schmächtiger Körper ist meine Natur, unveränderbar, so sah ich das. Doch wenn man diese Natur einmal ausgetrickst hat, die Arme breiter und drahtiger sind und der Brustmuskel plötzlich zu zucken beginnt, ist ein neuer, zuvor ungeahnter Idealzustand erreicht. Hinter ihn zurückzufallen, in eine Zeit ohne Kraft, fällt unfassbar schwer.
Das ist der Grund, warum ich immer noch zweimal die Woche ins Fitnessstudio gehe, obwohl ich diesen Ort mittlerweile hasse. Wenn ich vor dem Spiegel stehe, um gleich zum Kreuzheben zu schreiten, schaue ich in ein trauriges Gesicht. Hinter mir reges Treiben und der dumpfe Ton von auf den Boden knallender Gewichte, in mir aber nichts als Leere. Ich zähle die Gewichtsscheiben an der Stange und muss feststellen: Meine Kraft hat sich in den vergangenen neun Jahren nicht mehr gesteigert. Vielmehr habe ich alle Hände voll damit zu tun, Rückschritte zu verhindern. Außenstehende würden nicht mal vermuten, dass ich seit Jahren pumpe.
Kraftsport ist ein undankbares Unterfangen. Schweißtreibende Monate lang peitscht man sich in eine Form, die zu Selfies mit freiem Oberkörper verführt. Und dann kommt eine blöde Grippe – und schon ist alles dahin. So geht dann alles wieder von vorne los – und ich bin zusehends weniger bereit, die Ausweglosigkeit dieses Sports hinzunehmen. Ich vermisse meine Zeit in der Fußballmannschaft, die zwar keinen athletischen Körper hervorgebracht hat, dafür aber Sinn, Spielwitz und Gemeinschaft.
Mann statt Mannschaft
Vereinssport hat auch seinen Preis. Feste Trainingszeiten, also auch Scham, wenn man absagt. Eiskalte Finger, Schürfwunden, weil man auf einem Aschenplatz trainieren muss. Schließlich ist man nun älter und nicht mehr so gut – die sorgfältig gewässerten Rasenplätze sind den jungen, aufstrebenden Spielern vorbehalten. Und trotz aller Zumutungen ist das Training ein Dienst an der Gemeinschaft, ein Moment, in dem das Ich in einen größeren Zusammenhang integriert werden kann. Wer sich mal über eine gelungene Pass-Stafette mit anschließendem Torerfolg gefreut und den Mitspieler liebevoll abgeklatscht hat, weiß, wovon ich rede.
Ein Fitnessstudio ist die Absage an diese Gemeinschaftserfahrung, die einen vielleicht ja erst zum Menschen macht. Im Gym ist man einsam und verloren im Kampf gegen den inneren Schweinehund; Verbündete hat man hier keine. Auch der harte, aufstachelnde Rap-Song auf den Ohren verfängt nicht mehr. Um dem Alleinsein zu entkommen, filmen sich manche Fitnessstudiogänger beim Training und laden das Video später bei Instagram hoch, um wenigstens noch ein paar traurige Likes abzugreifen.
Aber genau wegen dieser Einzelkämpfer-Aura ist Kraftsport ja zum Massenphänomen geworden: 2024 waren 11,7 Millionen Deutsche in einem Fitnessstudio angemeldet – ein Rekordwert. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist das Fitnessstudio die Arena des Selbstoptimierungs-Individualismus gewesen. Jederzeit zugänglich, sogar mitternachts, und ein Sportplatz ganz für sich, mit individualisiertem Trainingsplan und schnell erzielbaren Erfolgen für das Ego. Hier muss man nicht, wie beim Fußball, jahrelang Passfolgen trainieren, um einen einigermaßen vernünftigen Spielfluss herzustellen. Es reicht, sich auf die Geräte zu setzen und ein bisschen zu pressen. Dafür braucht man allein sich selbst.
Ohne es je geplant oder gewollt zu haben, ist mein Körper schleichend zum Projekt geworden, das ständig überwacht und gemanagt werden muss. Auf ausreichende Proteinzufuhr wird geachtet. Ausgeuferte Essenssünden werden am nächsten Tag mit einem schlechten Gewissen bestraft, das nur im Gym beruhigt werden kann. Ein Nichtort, wie der französische Anthropologen Marc Augé Einkaufszentren, Bahnhöfe und Flughäfen nannte – allesamt Räume, die keine Geschichte erzählen und als bloße Durchgangsstationen auch keine gemeinsame Identität stiften können.
Im Gym trainiert man für sich allein, man duscht für sich allein, man isst den Proteinriegel allein. Und das McFit-Fitnessstudio in Berlin sieht genauso aus wie das in Rom. Der Pumper soll sich im Studio schnell zurechtfinden, auf sein Ziel hinarbeiten (Kalorien verbrennen) und dann wieder gehen. Ich kann mich in zehn Jahren Fitnessstudio an keine einzige nachhaltige Begegnung erinnern – was sicher auch daran liegt, dass ich dort wie alle anderen Kopfhörer trage.
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