Zwar hat der Schweizer Schriftsteller Robert Walser auch Bücher geschrieben, seine beiden besten heißen „Der Gehülfe“ und „Geschwister Tanner“. Doch mit Büchern hatte er zeitlebens nur bescheidenen Erfolg, in der Hauptsache hat er seinen Lebensunterhalt mit Kurzprosa bestritten, die er Zeitungen und Zeitschriften jahrzehntelang im ganzen deutschen Sprachraum zum Abdruck anbot: Gedichte, Dramolette, Skizzen, Betrachtungen, Porträts, Erzählungen aller Art.

Der 1878 geborene Walser schrieb originell, unterhaltsam, oft witzig, manchmal schräg. Er war ein Kauz, der von 1929 bis zu seinem Tod 1956 in der Psychiatrie lebte. 27 Jahre seines Lebens verbrachte er entmündigt in der Heilanstalt, ging mit seinem Vormund Carl Seelig gelegentlich spazieren.

Als Schriftsteller hatte Walser früh einen Namen, allerdings eher für Eingeweihte. Zu seinen Fans zählten Kafka und Walter Benjamin, heute interessieren sich von der Amerikanerin Nell Zink über Susan Bernofsky bis zum Filmemacher Werner Herzog viele für Walser, speziell für seine Art, den scheinbaren Nebensächlichkeiten des Lebens Beachtung zu schenken.

Walser konnte wunderbar über vieles schreiben – manchmal sogar seine eigenen Texte, die schludrige Redaktionen in Schubladen vergammeln ließen. „Einmal blieb ein jugendlich grünendes, rotbackiges, hübsches, rundes Prosastück volle sechs Jahre lang an öder Stelle liegen, wo es mit der Zeit ganz dürr wurde. Als es endlich zum Vorschein kam, d. h. im Druck auftauchte, weinte ich vor Freude, indem ich mich wie ein armer Vater gebärdete, den die Zärtlichkeit übermannt.“

Seit Kurzem gibt es Gelegenheit, den Themen, die Walser tausendfach mit origineller Prosa bedacht hat, systematisch nachzuspüren. Denn bei Suhrkamp ist eine siebenbändige Buchkassette erschienen. Sie bildet das Herzstück der 2018 gestarteten Berner Ausgabe von Robert Walsers Werken – und wird Fans und solche, die es werden wollen, erfreuen. Walsers gesammeltes Schaffen fürs Feuilleton wird hier erstmals chronologisch dokumentiert.

Als Robert Walser depressiv wurde

In Summe sind es 978 Texte, die zwischen 1898 und 1948 in deutschsprachigen Medien von Bern bis Berlin und von Prag bis Wien publiziert wurden. In der Werkausgabe füllen sie mehr als 3000 Buchseiten und bieten eine Fundgrube zum Durchstöbern und Hängenbleiben – ganz egal, ob Walser seine Lehrer porträtiert („Tagebuch eines Schülers“, 1908) oder seine Berliner Vermieterin namens „Frau Wilke“ (1915), die ihm Ansagen machte („Sie müssen früher aufstehen. Ich kann nicht dulden, dass Sie so lange liegen bleiben“), während ihn ihr Wohn-Loch in die Depression trieb: „Ich lag nämlich tagelang im Bett. … Es war alles so tot, so leer, so hoffnungslos vor meinem Herzen, die Gedanken- und Gefühlswelt durcheinander geworfen, und keine Aussicht mehr rings, neben und vor dem Kopfe.“

Der im Registerband enthaltene 88-seitige Nachwort des Robert-Walser-Experten Peter Utz bietet eine konzise Biografie des Feuilletonisten Walser, erzählt entlang von dessen Karriere als Textlieferant für verschiedenste Redaktionen. Betonte man früher oft, dass Robert Walser auf dem Buchmarkt gescheitert sei, macht Utz nun umgekehrt einen Schuh draus: „Im Feuilleton wurde Robert Walser entdeckt, als Feuilletonist ist er noch immer zu entdecken. Die kulturelle Rubrik in Zeitungen und Zeitschriften (…) bestimmt sein ganzes literarisches Schaffen entscheidend mit.“ Walser gehört für Utz zum Kreis derjenigen Autoren, die unseren Begriff von Feuilleton seit der Moderne mitgeprägt haben; er rangiere in einer Liga mit Alfred Kerr, Joseph Roth, Kurt Tucholsky, Franz Hessel, Egon Erwin Kisch, Gabriele Tergit, Walter Benjamin oder Siegfried Kracauer.

Walsers „immense Produktion kurzer Texte kann man überhaupt nur im Kontext des Feuilletonbetriebs verstehen und würdigen“, betont Utz. Der Lausanner Literaturwissenschaftler plädiert schon länger dafür, Feuilletons als typische Medienformate zu lesen, also als Gattung, deren Texte spezifischen Regeln des Publikationsortes und eingeübten Produktions- und Rezeptionsgewohnheiten entsprechen. Trotz aller Format-Routinen (wie man sie heute auch von Kolumnen kennt), bot das klassische Feuilleton immer auch einen „Freiraum für die literarische Innovation“, so Utz.

Man muss die siebenbändige Edition mit Walser-Feuilletons für ihre Gründlichkeit loben. Erstens ist die Kommentierung aller Texte vorbildlich, etwa durch Erklärung einzelner Begriffe oder biografischer Begebenheiten, was den Einstieg ins Walser-Universum rundum barrierefrei möglich macht. Zweitens gibt es für alle, die von bestimmten Walser-Sujets (Kellnerinnen, Büro-Langeweile, Einkehr in Lokalen, Katzen, Spaziergänge) besonders angetan sind, Querverweise auf themenverwandte Texte. Drittens herausragend – und für die Feuilletonforschung insgesamt wegweisend – ist das kommentierte Register der Publikationsorgane, in denen Walsers Texte erschienen. Vom Berner „Bund“ bis zum „Berliner Tageblatt“, vom „Simplicissimus“ bis zur „Weltbühne“, und von der „Literarischen Welt“ bis zum „Prager Tagblatt“ dokumentiert sich, wie gut Walser im deutschsprachigen Medienraum vernetzt war. Viertens machen Abbildungen anschaulich, wo und wie wo Walsers Texte konkret platziert waren. Endlich bleibt das Feuilleton auch in der Literaturwissenschaft kein luftleerer Raum mehr, endlich wird es anerkannt als Medienort, an dem Aufmachung, Bebilderung oder Rahmung am Rang eines Autors mitarbeiten.

Somit zeigt diese Robert-Walser-Edition auch, wie die Literaturwissenschaft selbst sich gewandelt hat: von der klassischen Autorenphilologie (in der Werke eines Autors nur als Bücher etwas galten) hin zu einer Medienphilologie, in der endlich einmal auch konkrete Bedingungen der Zeitungswelt, für die diese Texte entstanden, ein Thema sind. Zumal Walser diese Welt immer wieder selbst thematisiert hat.

Robert Walser: Feuilletons (1898–1948). 7 Bände, hrsg. im Auftrag der Robert-Walser-Stiftung Bern. Nachwort von Peter Utz. Suhrkamp, 3348 Seiten, 144 Euro.

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