Da bricht jemand sein Geschichtsstudium ab, entwickelt eine Leidenschaft für Anthroposophie und politisiert mit dem Geld der Eltern im Rücken in abgehobenen Debattierzirkeln über die herbeigesehnte gesellschaftliche Alternative. In einigen Punkten passt das in bürgerlichen Kreisen kursierende Klischee vom typischen „linksgrünen“ Politiker oder Intellektuellen auch auf eine der wichtigsten Hintergrundgestalten der deutschen Nachkriegsrechten. Das zeigt Alexander Eiber in seiner Biografie „Caspar von Schrenck-Notzing. Konservatives Denken und Leben in Deutschland nach 1945“.
Der Lebensweg des 1927 in eine Münchner Patrizierfamilie hinein geborenen Autors, Netzwerkers und Zeitschriftenmachers war zunächst einmal einer des geistigen Suchens und immer wieder auch des organisatorischen Scheiterns. Dabei stand die grundsätzliche politische Stoßrichtung von Anfang an fest. Es ging gegen die „Reeducation“ der amerikanischen Besatzer, den Liberalismus, den Parteienstaat, eine vermeintlich zu weit getriebene Aufklärung und die Linke. Positiv formuliert: Schrenck-Notzing wollte das nach der Zerschlagung des Nationalsozialismus zersplitterte und zunehmend in die Defensive geratene politische Milieu rechts von der Union geistig und organisatorisch zusammenführen.
Schon die CDU von Bundeskanzler Konrad Adenauer war in seinem Verständnis zu sehr an der Mitte orientiert, um eine richtige konservative Partei zu sein. Mehr Geschmack fand er an Franz Josef Strauß, von dem er sich zeitweise erhoffte, das rechte Lager wie ein deutscher Charles de Gaulle tatkräftig anzuführen.
1965 veröffentlichte er mit „Charakterwäsche. Die amerikanische Besatzung in Deutschland und ihre Folgen“ ein auf eigenen Archivstudien in den USA beruhendes Buch über die US-Militärregierung in Deutschland, das ihn weit über das eigene Milieu hinaus als Autor bekannt machte. Schon früh stand Schrenck-Notzing in Kontakt mit einem sehr breiten Spektrum rechter Akteure. Als er 1953 die Vortragsveranstaltungen der Münchner Tafelrunde organisierte (die jeden letzten Mittwoch des Monats im Münchner Hotel Continental tagte), gehörten zu den rund 80 Mitgliedern des elitären Zirkels neben dem Politikwissenschaftler Eric Voegelin, Angehörigen des Hochadels, des militärischen Widerstands gegen Hitler, ehemaligen hochrangigen Diplomaten auch ein ehemaliger SS-Obersturmbannführer sowie ein Generalleutnant der Waffen-SS.
Schrenck-Notzing schrieb für die rechtsradikale Zeitschrift „Nation Europa“ aber auch für den „Bayernkurier“, also die Parteizeitung der CSU. 1964 und 1965 war er ein enger Mitarbeiter von Gerhard Freys rechtsradikaler „Deutscher Nationalzeitung“ und im Juli 1966 nahm er mit seinem Freund und Weggefährten Armin Mohler sowie dem späteren NPD-Vorsitzenden Adolf von Thadden und weiteren hochrangigen Funktionären der Partei an einer zweitägigen internen Besprechung über deren außenpolitische Orientierung teil. Beides stellt sein Biograf – ein wenig verharmlosend – als zeitweise Verirrung eines parteipolitisch heimatlosen Konservativen dar. Um eine politische Jugendsünde des mittlerweile 40-Jährigen handelt es sich jedenfalls nicht. Innerhalb der NPD-Führung galt Schrenck-Notzing noch drei Jahre später als so ansprechbar für die eigenen Belange, dass man ihn als externen Ehrengast zum Bundesparteitag in die Bayreuther Stadthalle einlud. Ob er hinging, wird von den von Eiber zu Rate gezogenen Quellen nicht beantwortet.
Belegt ist hingegen, dass der unter dem Namen Loriot bekannte Zeichner und Humorist Vcico von Bülow immer wieder bei privaten Feiern und Kunstvernissagen zu Gast war, für die Schrenck-Notzing die in Ammerland am Ostufer des Starnberger Sees gelegene Familien-Villa zur Verfügung stellte. Er gehörte zu den vielen Künstlern, die in der Nachbarschaft lebten.
„Criticon“, eine Zeitschrift für Konservative
In den 1960ern war Schrenck-Notzing an mehreren erfolglosen Versuchen beteiligt, eine rechtskonservative Zeitschrift ins Leben zu rufen. Gelingen sollte das erst 1970 mit der Gründung der Zeitschrift „Criticon“. Das Publikationsorgan war anfangs als Buchbesprechungs- und Informationsblatt gedacht. Konservative Bücher, Autoren, Zeitschriften und Verlage sollten in den eigenen Kreisen bekannt gemacht werden, Ziel war es, die Vernetzung von Gleichgesinnten zu erleichtern, und zwar auf nationaler und auf internationaler Ebene. Schon bald aber ging man dazu über, weniger Rezensionen und dafür mehr eigenständige Texte zu veröffentlichen.
Dafür gab es zwei Gründe. Der erste war pekuniärer Natur. Reine Besprechungsorgane hatten höhere Versandkosten zu schultern, da sie vom Postzeitungsdienst zu den Werbeblättern gezählt wurden. Der zweite Grund hatte mit dem Verlust des Alleinstellungsmerkmals zu tun. Denn „Die Welt der Literatur“, die seit 1964 als 14-tägige Literaturbeilage in der Tageszeitung WELT erschienen war, wurde 1971 eingestellt und auf wöchentliches Erscheinen (immer donnerstags) umgestellt. Sie hieß nun „Welt des Buches“, wurde von Hans-Joachim Maitre geleitet und stellte ein breites Spektrum an konservativer Literatur vor.
Gegen den linken Zeitgeist
Schrenck-Notzing war in dieser Zeit regelmäßiger WELT-Autor. Er schrieb Meinungsbeiträge, Rezensionen und seit 1985 jeden zweiten Donnerstag in einer eigens dazu eingerichteten Kolumne auch Zeitschriftenkritiken, wobei sein Hauptaugenmerk englischsprachigen Organen wie der „Salisbury Review“, dem „American Spectator“, der „National Review“ oder dem „Southern Partisan“ galt. Im selben Zeitraum gelang es ihm, die von 4000 bis 5000 Abonnenten getragenen „Criticon“ zum wichtigsten Forum einer intellektuellen Rechten zu machen – diese sah sich durch die Kulturrevolution von 1968 und ihren Folgen zunehmend aus dem Diskurs gedrängt.
Mit der Wiedervereinigung stand die Möglichkeit eines grundsätzlichen politischen Kurswechsels im Raum. Als Rainer Zitelmann gemeinsam mit Karlheinz Weißmann und Michael Großheim die Aufbruchsstimmung nutzten, um sich 1993 mit dem gemeinsam von ihnen herausgegebenen Buch „Westbindung“ als intellektuelle Wortführer einer demokratischen Rechten in Stellung zu bringen, schoss Schrenck-Notzing im Hintergrund Geld zu. Er richtete den Baltasar-Gracián-Literaturpreis aus und schob im Jahr 2000 die „Förderstiftung für Konservative Bildung und Forschung“ an. Die große, in viele Richtungen ausgreifende private Büchersammlung des 2009 verstorbenen Mäzens bildet den Grundstock für die in Berlin ansässige und auch als Veranstaltungsort genutzte Bibliothek des Konservatismus.
Ohne Schrenck-Notzing, das arbeitet sein selbst dem konservativen Milieu zuzurechnender Biograf heraus, wäre das intellektuelle Umfeld der AfD heute deutlich weniger gut gerüstet.
Wer sich für die Intellektuellengeschichte der frühen Bundesrepublik interessiert, für den ist die vorliegende, aus einer Dissertation hervorgegangene Biografie eine Fundgrube. Leider ist die informative Darstellung sehr akademisch geraten und zudem in einem Punkt einseitig: Während Eiber nämlich die geistige und organisatorische Traditionslinie von Schrenck-Notzing hin zu Dieter Steins Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und zur Bibliothek des Konservatismus in Berlin im Detail herausarbeitet, kommt eine weitere deutlich zu kurz. Es war der dem rechten Parteiflügel der AfD nahestehende Verleger Götz Kubitschek, der mit seiner eigenen Theoriezeitschrift „Sezession“ vor einem Vierteljahrhundert das geistige Erbe von Schrenck-Notzings „Criticon“ antrat. Dass Eiber diesen Sachverhalt nicht herausstellt, sondern in einer Endnote mit der Nummer 1086 eher versteckt, mag den Richtungskämpfen zwischen einer radikalen und einer eher gemäßigten Strömung innerhalb des rechtskonservativen Lagers geschuldet sein, ist von der Sache her aber nur schwer zu begründen.
Alexander Eiber: Caspar von Schrenck-Notzing. Konservatives Denken und Leben in Deutschland nach 1945. Karolinger Verlag, 438 Seiten, 38 Euro.
Unser Rezensent Thomas Wagner arbeitet als Kultursoziologe und Publizist. Zuletzt veröffentlichte er das Buch „Wege aus der Gewalt. Impulse für ein neues Denken“ (Matthes & Seitz).
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.