Die Wege der Kunst durchs 20. Jahrhundert sind voller Strategien. Die einen sind auf Prachtstraßen spaziert, andere haben sich durch die verzweigten Avantgarden gekämpft, manche sind im selbst gewählten Abseits geblieben. Man kann nicht sagen, dass der Bildhauer Waldemar Otto keine Aufmerksamkeit, kein Ansehen, kein Publikum gehabt hätte.
Aber als er im Jahr 2020 verstarb, war es doch nur eine kleine Schar von Kennern, die sich an das verbliebene Werk erinnerte. Zu bescheiden fügt sich das klassische Figurenthema des 1929 als Sohn des deutschen Pfarrers im polnischen Piotrków Trybunalski geborenen, 1945 geflohenen, in Berlin ausgebildeten und lange in Worpswede lebenden Künstlers in die Szenerie beständiger Neubegründungen, in denen die Kunst ihre Gegenwärtigkeit, ihre Aktualität erlebt. Für Waldemar Otto war die uralte Künstlervision vom nachspürenden Schöpfungsakt, von der Bildung des männlichen oder weiblichen Körpers noch längst nicht abgetan.
Gänzlich unbeeindruckt von den raschen Kulissenwechseln seiner visuellen Umwelt arbeitete er an seinen „Torsi“, an seinen stehenden und liegenden Figuren, bedachte mit knappsten Mitteln ihre Situation im Raum und schuf so ein Werk, das mit unbeirrbarer Abständigkeit dem Kampf um die Figurenreste zusah, in dem die Moderne ihre Triumphe erlebt hat. Dass einer in den späten 1950er-Jahren, als die Kunstwelt zwischen informeller Gestik, Zero-Bewegung und erstem amerikanischem Pop-Realismus in Aufruhr war, eine „Figure in Space“ formt, die in ihrem Drahtgerüst zu schweben scheint, das verrät allen Willen zur trotzigen Eigenständigkeit.
Es hat so nicht ausbleiben können, dass Waldemar Ottos figurale Ideen im Panorama der Zeitkunst zwar immer mitgenannt wurden, aber im Ausstellungsbetrieb kaum eine Rolle spielten. Wenn überhaupt, dann ist das Werk vorrangig durch Beiträge zur Kunst im öffentlichen Raum bekannt und dort womöglich auch populär geworden. Zu nennen wäre der „Neptunbrunnen“ auf dem Domshof in Bremen, das „Mahnmal zum Gedenken an alle Opfer des Nationalsozialismus“ in Bremerhaven oder das „Heinrich-Heine-Denkmal“ in Hamburg. Alles Beispiele für stille Konzentration auf die Aufgabe ohne alle optischen Geschmacksverstärker. Größere Ausstellungen waren selten, zur veritablen Retrospektive ist es nie gekommen.
Noch immer also ist Waldemar Otto zu erkunden. Wie so manche seiner Kollegen, die ihre künstlerische Arbeit zuallererst aus der Tradition begründet haben. Auch das wäre mal eine Kunstgeschichte, die noch nicht geschrieben ist: ein Kompendium der absichtsvollen Fortschrittsverweigerung. Es ist sehr zu würdigen, dass nun das Kölner Auktionshaus Van Ham mit einer ergiebigen Werkstrecke an den fast vergessenen Bildhauer erinnert.
Zur Auktion am 29. Januar 2026 kommen hauptsächlich Arbeiten der mittleren und späten Werkperiode, wobei allenfalls Temperamentsunterschiede auffallen. Von Entwicklung könnte man so wenig reden wie von einem Altersstil. Otto hatte sich früh gefunden, und die im Raum schwebende Figur ist später sanft gelandet und hat Bodenfestigkeit angenommen, aber ihren chiffrenhaften Körper hat sie behalten. Und auch darüber ließe sich einmal nachdenken, wie es einem Figurenbildhauer gelingen konnte, seine Gesichter ausdruckslos wie hinter dichten Vorhängen zu verstecken, während die Körperhaltungen oft angespannte Expressionen verraten.
Zur Versteigerung kommen 50 Skulpturen aus dem Nachlass, die von einem ausführlich dokumentierenden Katalog begleitet werden. Keine schlechten Voraussetzungen für die Wiederentdeckung dieses Werks.
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