Es mag ein bisschen verwegen sein, aber man könnte natürlich das wahrscheinlich erfolgreichste Erzählkonzept der Literaturgeschichte mit jenen traurigen Gestalten vergleichen, die jetzt wieder im tauenden Schnee am Straßenrand liegen. Das Erzählkonzept ist jenes, das Agatha Christie vor gut 100 Jahren zur Perfektion getrieben hat und gegenwärtig gerade Netflix die Bilanzen rettet – der klassische Wer-hat’s-getan -Kriminalroman. Die traurigen Gestalten sind die spillerig, nadel- und schmucklos gewordenen Weihnachtsbäume.

Die verdankten ihren Glanz genauso wenig ihrem raffinierten Wuchs wie die Romane der ehemaligen Krankenschwester aus Torquay. Sondern ihrer glänzenden Verwandelbarkeit, der Tatsache, dass man wunderbar viel verschiedenes Zeugs in ihr Geäst hängen konnte, soviel, bis irgendwann gar nicht mehr auffiel, wie langweilig sie eigentlich von der Natur gebaut wurden.

Das Erzählgerüst der Agatha Christie, das sie zwar nicht erfunden, aber perfekt popularisiert hat, geht radikal verkürzt bekanntermaßen so: Es gibt eine Leiche, gern auf einem britischen Landsitz, und eine überschaubare Menge Verdächtige mit berechtigtem Interesse am Ableben des Dahingeschiedenen. Mord- und Totschlaggeschichtenerfinder können nun ordentlich philosophische, politisches, historisches, gesellschaftliches, psychologisches Lametta zwischen die Äste hängen.

Es sterben noch ein paar Menschen. Dann mischt sich ein Mensch mit höherer Kombinationsgabe ein, stellt Fragen, zieht Schlüsse. Am Ende sitzen die Überlebenden in einer Art Stuhlkreis und das Kombinationsgenie überführt vor aller Augen einen Täter, den – wenn alles literarisch bis dahin gut ging – keiner auf der Rechnung hatte. Außer Hercule vielleicht und Agatha oder Benoit Blanc.

Der hat sich in Person von Daniel Craig gerade zum dritten Mal durch eine „Knives Out“-Mystery-Serie kombiniert, den gegenwärtig prächtigsten und erfolgreichsten Christiebaum gewissermaßen. „Wake up Dead Man“ war der Abschluss des wahrscheinlich glänzendsten Jahres in der Wer-hat’s-getan-Geschichte. Von „Only Murder in the Building“, dem New Yorker Ableger des klassischen Whodunnit mit Steve Martin und Martin Short, gab’s eine fünfte Staffel, von klassisch gebauten Südsee-Wer-hat’s-getan-Variante „Death in Paradise“ lief die 15. Staffel an. Im Netflix-Achtteiler überführte Detective Cordelia Cupp, Miss Marples schwarze Schwester, einen Mörder im Weißen Haus. Im Luxusaltenheim Coopers Chase schickte Netflix für den ersten Fall des „Donnerstagsmordclub“ Helen Mirren und Pierce Brosnan auf christieeske Mörderjagd.

Netflix in seinem anscheinend unstillbaren Inhalte-Hunger scheint sich gegenwärtig als Nachfolger von britischen ITV und seiner gewissermaßen endlosen Hercule-Poirot-Gesamtverfilmung (70 Folgen) zum Zentrum der Agatha-Christie-Pflege positionieren zu wollen. Und bewarb sich bei den doch sehr konservativen Christie-Erben um die Rechte an Agathas Anfang 1929 erschienenem neunten Roman „Seven Dials“.

Das muss – legt jedenfalls der Dreiteiler nahe, den Drehbuch-Autor Chris Chibnall, der Erfinder von „Broadchurch“, aus dem „fröhlichen Thriller“ (Christie) gemacht hat – mit etlichen Bücklingen einhergegangen sein. Chibnall hat die Geschichte von „Seven Dials“, die bei den Zeitgenossen 1929 nicht sonderlich gut ankam, derart schön gebohnert und poliert und jede Plot-Tür geölt, wie es die Landsitzverweser vom National Trust tun, in deren Schlössern und Herrenhäusern seit Jahrzehnten immer neue Wellen von Jane-Austen- und Downton-Abbey-Filmen gedreht werden.

Chimneys, das Schloss, in dem in „Seven Dials“ alles beginnt, steht in der wahren Wirklichkeit in Gloucesterhire, heißt Badminton House und gehört dem zwölften Duke of Beaufort. Was nicht ganz stimmt, denn große Teile des Jahres gehört es Netflix. Die haben da „Bridgerton“ gedreht und „Queen Charlotte“ und „The Gentlemen“.

Ein Brite in der Mittagshitze

Dem Duke geht es also ungefähr so wie Lady Caterham mit Chimneys. Die muss ihren wunderbar gepflegten Schuppen, der mehr an Unterhalt kostet, als die Witwe erwirtschaftet, an den Stahlmagnaten Lord Coote vermieten und wohnt deswegen mit ihrer Tochter Eileen „Bundle“ Brent im Gartenhaus. Der Sohn fiel 1915 an der Somme. Den Gatten sehen wir – es ist das Jahr 1920 – im Vorspann als verrückten Briten in der Mittagshitze von Ronda/Spanien eine leere Stierkampfarena betreten und eine seltsame Karte finden, auf der eine Uhr zu sehen ist, die auf der Sieben steht. Dann wird er von einem Bullen zu Tode gebracht.

Fünf Jahre später geht alles los wie ein Christiebaum aus dem Bilderbuch. Ein Maskenball in Chimneys. Es wird getanzt. Lord Coote will den Außenminister treffen. Es geht um ein Geheimprojekt von nationaler Bedeutung. Bundles Freunde sind da. Arbeiten zum Teil im Außenamt und sollen sich um die Cootes kümmern. Vor allem Gerry Wade, der Bundle liebt. Es wird getanzt und Gerry, einem berüchtigten Langschläfer, ein Streich gespielt. Acht Wecker verstecken seine Kumpels in seinem Zimmer. Alle auf unterschiedliche Klingelzeit gestellt. Am nächsten Morgen stehen sieben Wecker fröhlich auf dem Kaminsims. Der achte ist verschwunden. Und Gerry ist tot.

„Seven Dials“ entwickelt sich zu einer Geschichte für Menschen mit erweitertetem Christie-Begriff. Möglicherweise, weil ihr eigenes Wer-hat’s-getan-Erzählgerüst ihr wieder ein wenig langweilig wurde, griff Christie 1929 auf das Setting, das Personal und die Thrillerstruktur von „The Secret of Chimneys“ zurück, ihres fünften Romans von 1925. Auch da geht es um Außenpolitik (ein fiktives Reich namens Herzoslowakei), Spionage und einen Mord auf Chimneys. Schon da begegneten sich auf Chimneys George Lomax vom britischen Außenministerium und Superintendent Battle von Scotland Yard.

Aber das wissen wir bei Netflix erst einmal nicht. Da geht der neue Stern am Benoit-Blanc-Himmel auf. Und es ist Bundle. Quirlig, nassforsch, klug und mutig macht sie immer genau das, was sie gerade nicht tun soll. Vor allem sich nicht ins Rätsel um Gerrys Tod einmischen und in die Spionagegeschichte, zu der sich „Seven Dials“ entwickelt. Das Herrenhaus wird verlassen, eine Leiche liegt auf der Straße, im verruchten Londoner Stadtteil Seven Dials trifft sich über einem ebenso verruchten Club in gemäßigtem Babylon Berlin-Stil eine Geheimgesellschaft. Bundle hört wie das jüngste Geißlein im Uhrenkasten mit bei der Versammlung und glaubt sich als Zeugin einer Verschwörung.

Der Bond der Zwanziger

Der ganze Handwerkskasten konservativer historischer Kriminalfilme wird ausgepackt, gediegen geht es zu und langsam. „Seven Dials“ wandert mit Wollpuscheln durchs Herrenhaus dieser Geschichte. Die Bilder sind frisch gebohnert und poliert. Dampfende Züge fahren durch schicke Landschaften. Die Musik pulsiert nostalgisch, wie sie in derlei Filmen immer nostalgisch pulsiert.

Atemberaubend wird in Treppenhäuser gefilmt, ständig tickt irgendeine Uhr. Martin Freeman macht als Battle, was er schon als Dr. Watson gemacht hat. Helena Bonham-Carter als Lady Caterham fügt ihrem Panoptikum verhuscht-gefährlicher Frauenfiguren eine besonders elegante Variante hinzu.

Und es wäre doch sehr schade, wenn die herrlich wonneproppige Mia McKenna-Bruce das gleiche Schicksal erleiden müsste wie die wunderbare, erzlustige Uzo Aduba, die Cordelia Cupp war in „The Residence“, das nach einer Staffel eingestellt wurde. Mit Bundle könnte es weitergehen. Als Bond der Zwanziger vielleicht. „The Secret of Chimneys“ könnte man ja auch mal verfilmen.

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