Zunächst läuft alles nach Plan. Am Morgen des 22. Juni 1943 jagt eine Maschine des Typs Junkers 52 mit sirrendem Propeller über das Rollfeld des Flughafens Fornebu, hebt ab und dreht über dem nur wenige Kilometer entfernten Oslo nach Süden ab in Richtung Deutsches Reich. An Bord der Lufthansa-Maschine sitzt Knut Hamsun, der gefeierte norwegische Schriftsteller. Für den 83-Jährigen ist es erst die zweite Flugreise überhaupt in seinem Leben, die Art der Fortbewegung ist für ihn Ausdruck einer „englischen Krankheit“, und vielleicht liegt in diesem obskuren Hass auf alles Britische ein Schlüssel für seine Sympathie mit dem Nationalsozialismus.

Hamsun, geboren 1859 als Knud Pedersen im norwegischen Lom, „dem nördlichsten Ende der Welt“, wie der Literaturwissenschaftler Tore Rem in seinem Buch „Die Reise zu Hitler“ schreibt, erlebt der Bauernsohn, Landstreicher und zwischenzeitliche Amerika-Auswanderer 1890 mit „Hunger“ seinen Durchbruch. Auf den Roman über die prekären Verhältnisse in der Großstadt folgen in enger Taktung seine „Mysterien“ (1892) und „Pan“ (1894), ehe 1917 „Segen der Erde“ erscheint. Für das Buch, das einen radikalen Gegenentwurf zu einer als dräuend empfundenen Moderne zeichnet, wird Hamsun 1920 von der Schwedischen Akadamie in Stockholm mit dem Nobelpreis geadelt.

Nach einem Zwischenstopp in Berlin endlich die Landung in Wien. Der 1,90 Meter-Hüne klettert aus der engen Junker. Am Abend hält Hamsun in der Wiener Hofburg eine Festrede auf einer Tagung der nazifizierten Journalistenverbände, „England muss auf die Knie“, geifert er unter anderem, langer Applaus brandet auf. Prompt bekommt er am nächsten Tag eine Einladung zum Führer. Weitere zwei Tage später, am 26. Juni, geht Hamsun in Begleitung seines Dolmetschers die Stufen des im „Führersperrgebiet Obersalzberg“ gelegenen Berghofs hinauf.

Über den Ablauf der rund 45-minütigen Unterredung zwischen Hitler und Hamsun gibt es unterschiedliche Darstellungen. Zunächst soll Hitler einige schmeichelnde Worte an Hamsun gerichtet haben. Was beide verbinde, so der Führer, sei eine „poetische Sicht auf das Dasein“. Hamsun ist hingegen nicht erpicht auf servile Ehrbekundungen und kommt direkt auf die Besatzungssituation in Norwegen zu sprechen. „Die Art des Reichskommissariats passt nicht zu uns“, proklamiert er in Ansehung der brutalen Führung durch Reichskommissar Josef Terboven. „Seine Preußerei ist für uns unerträglich, und dann die Erschießungen!“ Als Hitler zu einer Gegenrede ansetzen will, wird er unterbrochen. „Wir wollen nicht mehr“, ruft Hamsun auf Norwegisch aus. Der sichtlich verärgerte Hitler bricht die Unterredung schließlich ab. „Er erhebt sich, zieht die Schultern nach oben und äußert ein „Ja, dann, meine Herren“, schreibt Tore Rem. Hamsun ist gescheitert, das Treffen, das Goebbels später in seinem Tagebuch als „etwas verunglückt“ bezeichnet, endet im Eklat. Als Hamsun zwei Tage später wieder in Fornebu landet, wird er ausgerechnet von besagtem Reichskommissar Terboven in Empfang genommen, der von dem Eklat in den bayrischen Alpen nichts mitbekommen hat.

Der Dichter Hamsun, der noch 1929 anlässlich seines 70. Geburtstag zahlreiche Honorationen von jüdischen Freunden wie Arnold Schönberg, Stefan Zweig oder Martin Buber bekam, veröffentlicht am 7. Mai 1945 einen Nachruf auf Hitler, in dem er den Diktator als „Verkünder des Evangeliums vom Recht aller Völker“ bezeichnet. Nach Kriegsende wird Knut Hamsun für sein politisches und moralisches Versagen in Haftung genommen. Verarmt und nahezu erblindet stirbt er im Februar 1952.

Alles Schriftstellerleben sei Papier, heißt es. In dieser Reihe treten wir den Gegenbeweis an.

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