Der Filmemacher Ali Samadi Ahadi kam als Zwölfjähriger allein nach Deutschland – eine Flucht vor dem Kindersoldatentum im Iran-Irak-Krieg. Bekannt wurde er mit sozial engagierten Dokumentarfilmen wie „Lost Children“ (2004), der sich mit ehemaligen Kindersoldaten in Uganda beschäftigte und mehrfach ausgezeichnet wurde. Es folgten der Spielfilm „Salami Aleikum“ (2009) und die Doku „The Green Wave“ (2011) bekannt – letztere ein eindringliches Porträt der iranischen Protestbewegung.
Für seinen jüngsten Film „Sieben Tage“, der Mitte 2025 in die Kinos kam, schrieb sein Kollege Mohammad Rasulof das Drehbuch. Heute, vierzig Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland, blickt Ahadi mit großer Sorge auf die Entwicklungen in seiner alten Heimat. Ein Gespräch über die Kraft der Diaspora, das Risiko einer militärischen Intervention und die Zukunft des Mullah-Regimes.
WELT: Sie sind als Kind ohne Ihre Eltern nach Deutschland gekommen. Können Sie erzählen, wie das vonstattenging?
Ali Samadi Ahadi: Das war in den 1980er-Jahren ein häufiges Phänomen. Der Iran-Irak-Krieg wütete, dem Iran gingen die Soldaten aus, und man begann, sehr junge Menschen zu rekrutieren und als Kindersoldaten an die Front zu schicken. Damals gab es in Deutschland noch die Regelung, dass Kinder unter 13 Jahren kein Visum benötigten. So wurden Hunderte iranische Kinder – vor allem Jungen – außer Landes gebracht, um ihnen das Leben zu retten.
WELT: Wie muss man sich diese Erfahrung konkret vorstellen? Sie waren gerade einmal zwölf Jahre alt.
Ahadi: Deutschland – ich wusste nicht einmal, was dieses Wort bedeutete. „Alman“, so heißt Deutschland auf Persisch. Ich bin Aserbaidschaner, gehöre also einer Minderheit im Iran an, und „Alma“ bedeutet auf Azarisch Apfel. Ich habe diesen Apfel tatsächlich mit Deutschland verbunden. Mehr wusste ich nicht. Ich hatte kein Bild von diesem Land. Mein Bruder war ein Jahr vor mir gekommen, über ganz andere Routen, mit viel Leid, und landete schließlich in West-Berlin. Ich kam nach Bremen, dann nach Hannover. Wir verbrachten noch kurze Zeit zusammen, bis er anerkannt wurde und nach Ulm ging. Ich musste in Hannover bleiben.
WELT: Gab es später eine Familienzusammenführung?
Ahadi: Nein. Mein Asylverfahren zog sich hin. Ich hatte sieben Jahre lang keine Aufenthaltsgenehmigung, sondern nur eine Duldung. Ich durfte die Stadt nicht verlassen. Meinen Bruder, der in Ulm studierte, durfte ich nicht besuchen.
WELT: Wo haben Sie in dieser Zeit gelebt?
Ahadi: Ich wollte nicht in ein Heim. Also habe ich mir ein Zimmer in einem ehemaligen Schwesternwohnheim genommen, das nicht mehr genutzt wurde, weil die Zustände so schlecht waren. Sieben Quadratmeter, inklusive Waschbecken. Von dort bin ich zur Schule gegangen.
WELT: Waren das Zeiten der Einsamkeit und des Leids – oder gab es auch ein Gefühl von Freiheit?
Ahadi: Am Anfang war es extrem schmerzhaft. Wenn man als so junger Mensch seine Familie verlässt, Mutter und Vater zurücklässt, die Sprache nicht kennt, kein Geld hat. Und dann dieses Wetter. Ich kannte es nicht, dass es drei Tage lang ununterbrochen regnet. Das war bedrückend. Das Heimweh dauerte Monate. Ich bin mit Tränen eingeschlafen und mit Tränen aufgewacht. Später wurde es ambivalenter. Ich hatte keine Ahnung vom deutschen Schulsystem. Als ich ankam, dachte ich: Schule ist Schule, und meldete mich an der nächstbesten an. Es war ausgerechnet eine Hauptschule. Als ich begriff, dass man mit einem Hauptschulabschluss nicht studieren kann, war es zu spät. Ich musste den steinigen Weg von der Hauptschule über die Realschule bis ins Gymnasium gehen.
WELT: Woraus haben Sie damals Ihre Kraft bezogen?
Ahadi: Ich habe viel Jack London gelesen, viel russische Literatur. Aber die eigentliche Kraft kam aus der Einsicht, dass es keinen anderen Weg gab. Alle Brücken hinter mir waren abgerissen, ich musste nach vorn. Das hatte auch mit meiner Erziehung zu tun. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Lernen und Entwicklung zentral waren. Meine Eltern waren beide Lehrer – meine Mutter Grundschullehrerin, mein Vater Literaturdozent.
WELT: Wie war der Kontakt zur Familie? Internet gab es ja noch nicht.
Ahadi: 50 Sekunden Telefonieren in den Iran kosteten damals fünf Mark – das war viel Geld. In dem Wohnheim hatten wir kein eigenes Telefon. Es gab eines für vier Etagen. Wenn jemand angerufen wurde, gingen die Leute aus der ersten Etage nach oben und klopften an die Türen: „In drei Minuten rufen sie noch mal an.“ Vor allem haben wir Briefe geschrieben.
WELT: Wie ist das heute? Der Iran lässt Sie ja nicht los, auch in Ihren Filmen.
Ahadi: Meine Eltern sind leider verstorben, aber der Rest meiner Familie lebt dort. Ich habe jeden zweiten Tag Kontakt mit ihnen, aber auch mit Freunden, Bekannten, Kollegen. Die letzten Tage waren für uns alle die Hölle. Gestern konnte ich Gott sei Dank kurz mit meiner Schwester sprechen. Ich lebe seit vierzig Jahren in Deutschland – mehr als dreimal so lang, wie ich im Iran gelebt habe. Deutschland ist meine Heimat. Aber der Iran ist es auch. Das Leid der Menschen dort lässt einen nicht kalt.
WELT: Wie wird es Ihrer Einschätzung nach im Iran weitergehen?
Ahadi: Dieses Regime hat ein Blutbad angerichtet – und wird es weiter tun. In einem Ausmaß, das wir so noch nicht erlebt haben. Es gab Brutalitäten und Massenhinrichtungen Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre, als Menschen im Minutentakt hingerichtet und in Massengräbern verscharrt wurden. Aber nicht in dieser Dimension. Wenn die Zahlen stimmen und wir mindestens 12.000 Tote zu beklagen haben, dann sprechen wir – ich bin kein Jurist – sehr wahrscheinlich von Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
WELT: Wie kann sich ein Regime nach solchen Gräueltaten überhaupt noch halten?
Ahadi: Die Probleme der Menschen verschwinden ja nicht mit diesen Toten. Wasserknappheit, Energieknappheit, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise, Sanktionen, Unfreiheit – all das bleibt. Was haben Mord und Totschlag gebracht? Vielleicht ein paar Tage mehr Macht. Ich glaube nicht, dass dieses System in der Form weiterexistieren kann, wie es vor der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung von 2022/2023 existiert hat. Die Strukturen lösen sich auf. Unser großes Dilemma ist, dass es keine demokratische Opposition gibt, die eine glaubwürdige Alternative anbietet. Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs, kann nicht alle Ebenen der Gesellschaft erreichen oder Lösungen für ihre Probleme liefern. Wir brauchen eine Opposition, die aus allen Schichten kommt: Lehrer, Rentner, junge Menschen, Frauen, ethnische und religiöse Minderheiten. Das ist schwierig in einer Gesellschaft, die seit hundert Jahren Diktatur erlebt.
WELT: Könnte eine militärische Intervention von außen helfen?
Ahadi: Nein. Die nationale Identität im Iran ist stark. Die Menschen würden sich sofort gegen einen Angriff von außen stellen. Das ist keine Lösung. Mir wachsen, wie man sagt, Haare auf der Zunge, so oft wiederhole ich es: Wenn der Westen die Region stabilisieren will, muss er die Menschen im Iran unterstützen. Die iranische Diaspora umfasst rund acht Millionen Menschen – so viele wie Dänemark Einwohner hat. Wenn Deutschland helfen will, sollte es hier iranischstämmige Menschen dabei unterstützen, demokratische Strukturen aufzubauen. Ich bin in zwei Vereinen im Vorstand. Einer ist „Transparency for Iran“, wo wir das Iranjournal herausgeben, der andere ein Kulturverein. Diese zivilgesellschaftlichen Strukturen zu stärken, mit Begleitung, mit Mediation – das ist entscheidend. In der Diaspora kann man einander aus dem Weg gehen. Im Iran nicht. Demokratische Menschen müssen lernen, andere Meinungen auszuhalten.
WELT: Würde diese Diaspora im Iran überhaupt akzeptiert werden?
Ahadi: Was wir mithilfe westlicher Staaten erreichen könnten, wäre ein Lernraum: eine Schule des Dialogs, des Aushaltens von Differenzen. Das würde uns ermöglichen, mit den Menschen im Iran zusammenzuarbeiten. Dort gibt es großartige, visionäre Köpfe. Mit ihnen müssen wir zusammengebracht werden, um eine demokratische Opposition aufzubauen – nicht eine einzige, sondern einen Regenbogen unterschiedlicher Ideen. Reza Pahlavi kann sich nicht von außen auf dieses Land setzen und sagen: „Ich führe es“, nachdem er 47 Jahre nicht dort war.
WELT: Welche Rolle könnte das Militär spielen?
Ahadi: Ich glaube nicht, dass sich die Armee grundlegend von den Revolutionsgarden unterscheidet. Die Generäle stammen aus demselben Sumpf. Wenn sie sich hinter Pahlavi stellen würden, entstünde ein al-Sisi-System. Das wäre mein Worst Case: eine militärgestützte Regierung.
WELT: Und wie sieht es mit der Kunst aus, insbesondere dem Film? Ihre iranischen Kollegen Jafar Panahi oder Mohammad Rasoulof erreichen weltweit viele Menschen.
Ahadi: Kunst, vor allem Film, ist keine tagesaktuelle Berichterstattung. Unsere Aufgabe ist es, Realität zu verarbeiten und das weiterzugeben, was davon bleibt. Dafür braucht es Zeit. Was Kollegen wie Panahi oder Rasoulof betrifft: Wir erleben seit Jahrzehnten einen massiven Aderlass iranischer Filmschaffender. Amir Naderi war einer der ersten, dann Kiarostami, Bahman Ghobadi und viele andere. Wenn man auf das Dritte Reich blickt: Hunderte Filmschaffende mussten Deutschland verlassen. Nur wenige wie Billy Wilder, Ernst Lubitsch oder Fritz Lang schafften es. Die meisten gingen im Exil unter – weil sie die Sprache nicht konnten, die Kultur nicht kannten, nicht wussten, was hinter den Fenstern passiert, an denen sie vorbeigehen.
Die iranische Diaspora-Filmlandschaft ist dennoch vielleicht die erfolgreichste der Filmgeschichte – weil wir seit Jahrzehnten im Exil leben. Als ich „Lost Children“ oder später „Salam Aleikum“ machte, waren wir vielleicht zu zweit. Heute entstehen jedes Jahr mehrere Filme aus der Diaspora heraus, über dieses Leben zwischen den Stühlen. Mein Film „Sieben Tage“ wurde hier produziert, erzählt aber eine Geschichte aus dem Iran. Viele Kolleginnen und Kollegen aus dem Iran haben heimlich mitgearbeitet. Das war eine wunderbare Zusammenarbeit.
WELT: Und Panahi und Rasoulof?
Ahadi: Sie sind Helden der iranischen Gesellschaft. Der Iran ist eine Filmnation und liebt seine Filmschaffenden. Aber es ist für sie extrem schwer, aus dem Ausland heraus wirksam zu bleiben.
WELT: Haben die jüngsten Ereignisse etwas Positives hervorgebracht?
Ahadi: Ja. Vielleicht das einzige Positive an dieser Islamischen Republik ist, dass die Menschen – egal ob auf dem Land oder in den Städten – die wahre Fratze religiöser Ideologie kennengelernt haben. Die Geduld ist erschöpft. Es gibt sicher noch einige Prozent, die am Regime festhalten. Aber die große Mehrheit ist dagegen – und dagegen geimpft.
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