Es ist nur eine Tasche, nichts Besonderes, ein ganz normaler Stoffbeutel, ein bisschen zu groß vielleicht. Darin ein Buch, ein Notizheft, ein Sudokuheft, ein paar Stifte, Strickzeug, ein Rubik’s Cube, ein Tagebuch, vielleicht eine Kamera, ein iPod oder sonst irgendein Gerät, das nicht weiß, wer man ist. Diese Tasche ist alles andere als ein neues Objekt und dennoch revolutionär. Gerade, weil sie nichts verspricht. Kein Mehr, Besser, Schneller, keine Effizienz, keine Selbstüberwachung. Sie ist einfach nur eine Einladung, in sie hineinzugreifen und etwas anderes zu tun als im Digitalen zu verschwinden.

„Analog Bags“ heißen die Dinger auf TikTok und Insta, wo junge Frauen seit ein paar Monaten ihre Modelle vorführen und sich nicht einkriegen können vor Begeisterung darüber, dass ihnen ein Tragebeutel die Seele gerettet und eine gesunde Work-Life-Balance zurückgegeben hat. Für Menschen, die ein Leben schon vor dem Smartphone hatten, wirkt das mysteriös und ein wenig rührend. Was soll an einer Stofftasche mit Hobbyutensilien besonders sein? Und ist es nicht ein wenig überambitioniert, etwas, das immer schon da war und reichlich altmodisch wirkt, einen Namen und einen Hashtag zu verpassen und als neuen heißen Scheiß durch die sozialen Netzwerke zu jagen?

Mag sein. Aber für Digital Natives hat die Analogtasche eine Superkraft. Sie ist eine Einladung von Möglichkeiten, die sich dem digitalen Zugriff entziehen, eine kleine, tragbare Zone der Unverfügbarkeit, ein Behältnis für Tätigkeiten, die nicht optimiert, nicht beschleunigt, nicht ausgewertet werden wollen. Sie ist kein Nostalgie-Accessoire, sondern ein Reparaturversuch – eine Reaktion auf den leisen Überdruss, dass die Hand ständig zum Smartphone greift, ehe klar ist, warum eigentlich und dass dann jedes Mal viele Minuten verschwinden, ohne dass etwas Wichtiges passieren würde.

Die Analog Bag setzt dort an, wo der Griff zum Smartphone längst reflexhaft geworden ist: an der Bushaltestelle, im Wartezimmer, im Café, in all diesen Zwischenzeiten, die früher einfach da waren und heute als Lücken erscheinen, die sofort gefüllt werden müssen. Das Smartphone hat diese Lücken besetzt, effizient, zuverlässig, endlos. Es liefert Unterhaltung, Information, Bestätigung, Empörung, alles gleichzeitig.

Genau das ist das Problem. Ständig verfügbar zu sein, permanent angesprochen werden zu können, zu merken, dass alles gleichzeitig passiert und man selbst trotzdem nicht richtig dabei ist, erschöpft. Auch weil das Digitale so gut geworden ist in dem, was es tut. Zu effizient, zu allgegenwärtig, zu wissend. Es kennt die eigenen Schwächen besser als man selbst. Es weiß, wann man müde ist, einsam, aufnahmebereit für noch eine Konsumaufforderung und noch ein Aufmunterungsvideo. Und es nutzt das.

Was einem irgendwann als Verbindung angedient wurde, fühlt sich mittlerweile viel zu oft wie Stalking an. Jeder Klick, jede Geste, jede kleine Regung wird erfasst, ausgewertet, zurückgespielt. Das Digitale hat gelernt, wie man Aufmerksamkeit melkt und aussaugt, ohne dass man es merkt. Irgendwann stellt sich dieses dumpfe Gefühl ein: dass man ständig da ist, aber nie ganz bei sich. Selbst Freizeit wird zu Content. Man liest nicht mehr nur, man liest, um darüber etwas zu posten. Man kocht nicht nur, man kocht für die Story. Man erlebt nicht nur, man dokumentiert. Irgendwann fühlt sich alles wie eine Aufführung an, nicht mehr wie ein Leben. Was bleibt, ist das Gefühl permanenter Vorläufigkeit. Und was soll man auf einem Konzert machen, um dort zu filmen, wie andere das Konzert filmen, um sich später Handyvideos anzusehen, auf denen alle filmen?

Die Analog Bag greift genau an dieser Stelle ein. Sie ist wie eine kleine Störung im eigenen Verhalten. Ein Stolpern. Statt Instagram Sudoku. Statt Reels ein Notizheft. Statt Doomscrolling ein Faden, der sich verheddert. Irgendwann passiert dabei etwas Merkwürdiges: Die Zeit dehnt sich wieder aus. Fünf Minuten fühlen sich wieder nach fünf Minuten an. Der Körper ist da. Die Hände auch.

Subversive Langsamkeit

Es ist kein Protest im klassischen Sinn, keine Technikfeindlichkeit, keine Rückkehr zu einem Früher, das die Analogtaschen-Trägerinnen ohnehin nicht erlebt haben. Eher ein inneres Umschalten in den Moment, in dem man merkt, dass das eigene Nervensystem nicht mehr mithalten will. Endlich einen Ort haben, an dem man nicht performen, nicht reagieren, nicht sichtbar sein muss.

Die Idee des „Posting Zero“, eines bewussten Weniger-Zeigens, gewinnt zunehmend an Attraktivität. Nicht aus Bescheidenheit, sondern aus von Müdigkeit genährter Vernunft. Wer ständig dokumentiert, erlebt weniger. Wer alles teilt, besitzt nichts mehr nur für sich.

Die Analog Bag passt perfekt zu diesem Bedürfnis. Sie ist privat. Sie funktioniert auch dann, wenn niemand sie sieht, vielleicht sogar besser. Und niemand fummelt in dem herum, womit man sie gefüllt hat – anders als bei Streaming Services, wo Rechteinhaber die Lieblingsfilme aus dem Repertoire nehmen, wenn die Lizenzen abgelaufen sind oder irgendein Netz-Oligarch noch mehr Fotos von Fremden ins eigene Fotoalbum schmeißt. Es ist kein Zufall, dass analoge Sozialformen zurückkehren: Leseclubs, Strickrunden, Mahjong-Abende, Laufgruppen, Supper Clubs, Dinge, bei denen man anwesend sein muss, körperlich, zeitlich, ohne Filter. Räume, in denen nicht alles festgehalten wird. In denen Fehler passieren dürfen, ohne archiviert zu werden. Und man sich darauf verlassen kann, dass alles so bleibt, wie man es sich eingerichtet hat.

Was in der Analog Bag steckt, sind meist langsame Tätigkeiten, die sich nicht beschleunigen lassen, ohne ihren Sinn zu verlieren. Stricken dauert so lange, wie es dauert. Lesen braucht Zeit. Selbst ein einfaches Rätsel verlangt Geduld.

In einer Kultur, die Geschwindigkeit belohnt und Multitasking feiert, wirkt das fast subversiv. Man bekommt etwas zurück, was im Digitalen oft verloren geht: ein Gefühl von Abschluss. Ein Kapitel gelesen. Eine Reihe gestrickt. Einen Gedankengang aufgeschrieben und stehen gelassen.

Dass viele dieser Tätigkeiten aussehen, als kämen sie aus der Welt der Großeltern, gehört zu ihrer Tarnung. Häkelzeug, Kreuzworträtsel, Malbücher – all das wirkt harmlos altmodisch. Aber genau darin liegt ihre Qualität. Sie sind nicht cool im algorithmischen Sinn, lassen sich schlecht skalieren und erzeugen keine Reichweite. Gerade deshalb sind sie so wirksam.

Wahrscheinlich wird auch das wieder kommerzialisiert. Es ist absehbar, dass analoge Tätigkeiten als neues Luxussegment entdeckt werden: gedruckte Magazine, Offline-Retreats, kuratierte Langsamkeit. Aber die Idee der Analog Bag bleibt resistent gegen solche Vereinnahmungen. Sie funktioniert auch billig, improvisiert, unperfekt. Ein zerknittertes Heft tut es genauso wie ein Notizbuch mit Goldschnitt und Lederhülle.

Was dabei zurückkehrt, ist nicht nur das Analoge, sondern mit ihm etwas Tieferes: das Recht auf Unbeobachtetsein, auf Tätigkeiten ohne Publikum und Momente, die nichts beweisen müssen. In einer Kultur, die Sichtbarkeit mit Wert verwechselt hat, ist das fast schon radikal.

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